Sara Gambetta macht mit dem Siebenkampf Schluss

Sara Gambetta macht mit dem Siebenkampf Schluss

06. August 2013
Fulda

Sie galt als das Jahrhunderttalent im Siebenkampf, untermauerte dies als Vize-Europameisterin und Vize-Weltmeisterin der U20 eindrucksvoll. Jetzt hat Sara Gambetta aus Schlitz-Rimbach dem Siebenkampf ade gesagt und beginnt ihre neue Karriere als Kugelstoßerin.

"Ich bin froh, erleichtert und bereit für das Neue." Sara Gambetta klingt am Telefon gelöst, dass sie endlich reinen Tisch gemacht und ihren inneren Frieden gefunden hat. Dafür nahm sie auch in Kauf, dass ihre Eltern, die sie als Trainer in die Juniorinnen-Weltspitze gebracht haben, "entsetzt sind und diesen Schritt nicht nachvollziehen können. Ich hoffe aber, das legt sich." Der Entschluss sei langsam gereift, mehrere Faktoren seien zusammenkommen, erklärt die Sportsoldatin und zählt auf: Im Training habe es nicht mehr so gepasst zwischen ihr und ihrem Vater, vermutlich auch wegen der Gewichtsprobleme. Und dann die Verletzungsmisere. "Ich habe seit zwei Jahren keinen Siebenkampf mehr beendet."

Einen ersten Eindruck, was auf sie zukommt, bekommt die 20-Jährige gerade. Derzeit weilt sie im Leistungszentrum Kienbaum, trainiert mit den "Großen". Denn hier bereitet sich die deutsche Nationalmannschaft im Wurf- und Stoßbereich auf die Weltmeisterschaft in Moskau (10. bis 18. August) vor. Enthusiastisch und beschwingt startet Sara Gambetta in ihr neues Sportlerleben als Kugelstoßerin. "Ich bin total geflashed, dass alles geklappt hat."

Einen kurzen Trip in die Welt der Stoßspezialistinnen hat Sara Gambetta schon hinter sich und kehrte als Achte der U-23-EM im finnischen Tampere nach Deutschland zurück. "Mit der Platzierung war ich schon zufrieden, doch hatte ich mir eine größere Weite als die 16,21 Meter ausgerechnet", blickt die Sportsoldatin auf die EM im Juli zurück. "Mir fehlte die Abgebrühtheit", analysiert sie. Ihre Bestleistung beträgt 16,36 Meter. Im Training hat sie aber schon Stöße über die 17 Meter gestanden.

Was als "Notlösung" aussah, wird jetzt zu ihrem Lebensinhalt. Sara Gambetta hatte beim Siebenkampf am 15./16. Juni in Ratingen die Norm für die U-23-EM im Visier, lag auch auf Qualifikationskurs, ehe sie im Weitsprung nach Oberschenkelproblemen den Wettkampf vor dem Speerwurf und dem abschließenden 800-Meter-Lauf abbrach. Aus der Traum von der U-23-EM? Im Siebenkampf schon, dafür wurde sie für das Kugelstoßen nominiert. Ein Zufall?

Nein, denn Sara Gambetta trägt sich schon länger mit dem Gedanken, ihrer großen Leidenschaft, dem Siebenkampf, ade zu sagen. "Es sind mehrere Komponenten, die zusammengekommen sind", erklärt sie. Größter Knackpunkt dabei ist ihr Problem mit dem Gewicht. "Das habe ich seit drei Jahren", gesteht sie und schickt hinterher: "Da war ich nicht so ganz ehrlich zu mir. Sicher weiß ich, dass man das Gewicht in den Griff bekommen kann, dass es irgendwie möglich ist. Doch frage ich mich, was tut man sich an, stehe ich voll dahinter?" Und so hat die 1,83 Meter große Athletin, die von ihrem Wettkampfgewicht (70 Kilo) auch aufgrund ihres extrem langsamen Stoffwechsels meilenweit entfernt ist, diese Frage für sich beantwortet: "Ich stehe nicht voll dahinter und bin nicht bereit, mich für so lange Zeit einzuschränken." Hinzu kamen die Verletzungsmiseren – Bänderanriss in den USA Ende 2011, Rehamaßnahmen, zurückkämpfen, Bänderriss 2012, Operation, Rehamaßnahmen, zurückkämpfen – immer verbunden mit Gewichtszunahme – und 2013 noch einmal durchstarten?

Nach dem Trainingslager in Portugal mit ihrem Verein LG Eintracht Frankfurt stand für Sara Gambetta im April so gut wie fest, dass sie die Disziplin wechseln wird. Als es dann in Ratingen mit dem Siebenkampf nicht geklappt hat, "hatte ich die Schnauze voll", sagt die Ex-Siebenkämpferin und arbeitet seit der Rückkehr aus Tampere an ihrer neuen Zukunft. "Ich habe viele Gespräche geführt. Das hört sich einfach an, war es aber nicht." Auch der Bundestrainer habe den Wechsel bedauert, habe ebenso auf ihr großes Talent hingewiesen wie ihre Eltern Carlos und Cornelia Gambetta, von Haus aus Mehrkämpfer. "Ich konnte es mit meiner Psyche aber nicht mehr vereinbaren", erklärt sie und ist froh, den Schritt vollzogen zu haben. Mit dem Ergebnis ist die 20-Jährige sehr zufrieden, denn vieles bleibt beim Alten. Sara Gambetta genießt weiterhin die Vorzüge einer Sportsoldatin, sie zählt weiterhin zum erweiterten Olympiateam für die Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Einen neuen Trainer und einen neuen Verein hat die Rimbacherin auch gefunden. Ab sofort trainiert sie in der Gruppe von René Sack bei den Halleschen Leichtathletik-Freunden, der unter seinen Fittichen die Diskuswurf-Olympiafünfte Nadine Müller hat. "Es klappt super", ist Sara Gambetta begeistert. Jetzt will sich die 20-Jährige in Ruhe eine Wohnung in Halle suchen, ihren Umzug in Angriff nehmen und im Herbst mit dem Psychologiestudium beginnen.

Dass Kugelstoßen nicht so trainingsintensiv wie der Siebenkampf ist, diesen Gedanken weist sie in das Reich der Fabeln. Zehn Einheiten stehen nach wie vor in der Woche auf dem Programm und vom Körperlichen her sei es viel anstrengender, weiß sie nach den ersten drei Trainingstagen. Ziele hat Sara Gambetta natürlich auch, will sie aber nicht in Metern beziffern, "da halte ich mich eher zurück. Ich möchte mich etablieren und schon ein paar Meter draufpacken", sagt sie und lässt sich entlocken, dass Trainer und Trainingspartner mutmaßen, 19 Meter könnten mal drin sein.

Noch nicht ganz anfreunden können sich allerdings ihre Eltern Carlos und Cornelia Gambetta mit dem Gedanken, Saras Werdegang künftig als Kugelstoßerin zu verfolgen. "Wir waren schon entsetzt", gesteht Cornelia Gambetta, die sich gewünscht hätte, dass ihre Tochter dem Siebenkampf noch eine Chance gegeben hätte. "Sie hätte ja später noch zum Kugelstoßen wechseln können." Doch den ersten Schock haben die Gambettas inzwischen überwunden. Und Mutter Cornelia lenkt schon ein: "Wir werden Sara natürlich unterstützen."