„Als die Mauer fiel“: Leser erzählen uns ihre Geschichten

09. November 2019
Region

Der Moment, als die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland geöffnet wurde, hat das Land in einen Ausnahmezustand versetzt. Menschen aus der Region erzählen, wie sie die erste Zeit nach der Wende erlebt haben.

Bernhard Schwab, 53, Gotthards
Seit April 1987 war ich in einem Fuldaer Ledergroßhandel beschäftigt, der fast alle seine Handelsgeschäfte mit der DDR tätigte. Dadurch war ich von 1987 bis 1989 jährlich circa 30 Tage beruflich in der DDR unterwegs. Am 8. November 1989 reiste ich über den Grenzübergang Herleshausen/Wartha in die DDR ein und lies ein halbjährliches Visum am Grenzübergang der DDR eintragen. Während der Übernachtung im Hotel Merkur in Leipzig wurden dann vom Hotel die Formalitäten für eine Aufenthaltsgenehmigung in der DDR erledigt.

Am 9. November 1989 gegen 14 Uhr habe ich die DDR wieder am Grenzübergang Herleshausen/Wartha verlassen. An diesem Nachmittag war es noch eine „ganz normale“ Ausreise, ohne besondere Vorkommnisse und man konnte noch überhaupt nichts ahnen, dass an diesem Abend noch so etwas Weltbewegendes passieren sollte.

An diesem Abend habe ich dann weder ferngesehen noch Radio gehört. Erst als ich am nächsten Morgen mit dem Auto an die Arbeit fuhr, habe ich im Autoradio von diesem unfassbaren Ereignis vom Vorabend erfahren. Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht daran gedacht, dass die politische Wende in der DDR so schnell Fahrt aufnehmen könnte.

„Als die Mauer fiel“: Leser erzählen uns ihre Geschichten

Margarethe Weyrich, Bad Soden-Salmünster/Wahlert
Am Tag nach dem Mauerfall fuhren wir zur Wasserkuppe. Als wir uns dem Ziel näherten, hörten wir lautes Hupen und den typischen Zweitakterklang der Trabbis umgeben von der dazugehörigen Dunstglocke und dem besonderen Geruch, welcher die ganze Wasserkuppe umgab.

Die Menschen winkten uns aus den geöffneten Fenstern ihrer Autos in überschwänglicher Freude zu.

Die Stimmung auf der Wasserkuppe glich der auf einem Volksfest. Dank des Begrüßungsgeldes wurde mit Würstchen und Bier die wiedergewonnene Freiheit gefeiert.

„Als die Mauer fiel“: Leser erzählen uns ihre Geschichten

Monika Dinklage-Noack, 61, Hünfeld
Im November 1989 waren wir gerade nach Heringen/Werra umgezogen und wir erlebten, wie nach und nach all die kleinen Grenzübergänge aufgebrochen wurden. Wir freuten uns sehr über viele Begegnungen und Gespräche mit den Menschen aus dem noch anderen Deutschland. Das bewegendste Erlebnis hatten wir an Neujahr 1990. Bei Heringen gibt es einen Aussichtsturm, von dem man die DDR-Grenzanlagen zwischen Kleinensee und Großensee sehen und außerdem weit ins Thüringer Land schauen konnte. Mit meiner Familie trafen wir dort auf viele Familien aus Thüringen. Sie waren alle total überwältigt von der Freiheit, aus Hessen hinüber in die Heimat zu blicken. Die meisten hatten die Grenzanlagen ja noch nie gesehen. Welche Gefühle mögen da hoch gekommen sein? Auf jeden Fall sahen wir viele Tränen und Menschen, die sich in den Armen lagen.

Franka Biehn, 42, Flieden (lebte vor 30 Jahren in Schleusingen in Thüringen)
Am 9. November 1989 war ich zwölf Jahre alt und lag zum Zeitpunkt des Mauerfalls vermutlich schon im Bett. Um ehrlich zu sein: Ich kann mich nicht an den einen Moment erinnern, in welchem ich von der Grenzöffnung erfuhr. Sehr wohl kann ich mich aber an unseren ersten Ausflug nach Coburg erinnern, an das in den folgenden Wochen oft halbleere Klassenzimmer, weil wieder ein Großteil meiner Mitschüler „auf Westbesuch“ war und an das aufregende Gefühl, dass Politik mich persönlich betraf und dass sie beeinflussbar war.

Und ganz besonders erinnere ich mich an diese Atmosphäre, als plötzlich alles möglich und alles denkbar schien: Ab jetzt können wir unser Land und unsere Gesellschaft neu gestalten, dachte ich, alles ist offen. Doch dann, ganz plötzlich, war nur noch eines denkbar und eines möglich: Wiedervereinigung. Die gerade gewonnene Freiheit war schnell wieder in ein enges, von anderen gefertigtes Korsett gezwängt. Wenn ich mich jetzt als Erwachsene an das zwölfjährige Mädchen in mir erinnere, denke ich: Schade, dass wir uns damals nicht mehr Zeit gegeben haben, ein Volk zu werden.

„Als die Mauer fiel“: Leser erzählen uns ihre Geschichten

Dr. Rolf Müller, Gelnhausen, Staatssekretär a.D.
Nach einer Emnid-Umfrage wissen nur 71 Prozent der Deutschen, wo sie sich am 9. November 1989 aufhielten, als in Berlin die Mauer fiel. Ich werde diesen historischen Tag, der die Deutsche Einheit eingeleitet hat, nie vergessen.

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl war mit einer großen Delegation an diesem 9. November nach Warschau gestartet, um die deutsch-polnischen Beziehungen zu vertiefen. Als Vertreter der Bundesländer war der hessische Ministerpräsident Dr. Walter Wallmann Mitglied der Reisegruppe, den ich als Regierungssprecher begleiten durfte.

Der Besuch war für fünf Tage geplant. Aber es kam anders. Gleich nach der Ankunft fuhren der Ministerpräsident und ich zu einem Treffen mit dem polnischen Wirtschafts- und Finanzminister. Anlass war die Absicht der Hessischen Landesregierung, Polen einen zinsgünstigen Kredit zu gewähren. Danach traf sich die deutsche Gesamtdelegation mit dem Bundeskanzler an der Spitze mit den polnischen Gastgebern um Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki. Am Abend gab die polnische Regierung ein großes Dinner, und niemand ahnte, was sich in den folgenden Stunden ereignen würde.

Ich kann nicht mehr sagen, wann plötzlich wie ein Lauffeuer die Meldung durch die Reihen ging, dass die innerdeutsche Grenze in Berlin offen sei und dass viele Ostberliner bereits Westberlin und vor allem den Ku-Damm besuchten. In Kürze waren die Fernseh-Apparate, die deutsche Programme zeigten, belagert, und ungläubig verfolgten alle die freudigen Bilder und die unvorstellbaren Ereignisse, die sich in Berlin abspielten. In einer sofort einberufenen Pressekonferenz des Kanzlers, unterstrich er die historische Bedeutung dieses unvorstellbaren Geschehens und bat die Polen um Verständnis dafür, seinen Staatsbesuch unterbrechen zu können, um nach Berlin zu reisen.

„Als die Mauer fiel“: Leser erzählen uns ihre Geschichten

Gerhard Möller, Fulda, ab 1987 Erster Kreisbeigeordneter im Landkreis Fulda, von 2003 bis 2015 OB der Stadt Fulda
Am Wochenende nach Schabowskis Grenzöffnung war Fulda überfüllt von Besuchern aus der DDR. Am Sonntag fuhr ich zur Gratulation eines diamantenen Hochzeitpaares nach Rasdorf. Unterwegs kam mir eine unendlich lange Schlange von Trabbis blinkend und hupend entgegen.

Der Anger in Rasdorf füllte sich schnell. Nach der diamantenen Gratulation ging ich mit Bürgermeister Jost zur Gemeindeverwaltung, wo die Besucher ihr Begrüßungsgeld abholten – überall freudige Gesichter! Ein Gerücht verbreitete sich schnell: Auch die B84 nach Buttlar wird in Kürze geöffnet – aber das war technisch ohne Baumaßnahmen gar nicht möglich.

Auch der damalige Bürgermeister von Geisa war gekommen. Wir trafen uns im überfüllten Gasthaus. Die unerwartete Begegnung war voller wechselseitiger Befangenheit. Erst als die Rasdorfer Kommunalpolitikerin Rita Baier auf Platt zum Geisaer Bürgermeister sagte: „Na, du woarst secherlich auch e klei Kommuniste“ löste sich die Anspannung. Das Gespräch führte dann in lockerer Stimmung in die Zukunft.

„Als die Mauer fiel“: Leser erzählen uns ihre Geschichten

Bernd Woide, Fulda, Landrat Landkreis Fulda
Ich glaube, nahezu jeder, der den 9. November 1989 erlebt hat, kann sich heute noch gut an diesen Tag erinnern. Es war einfach ein besonderer Tag in einer besonderen Zeit. Selbst wenn man die Ereignisse nicht hautnah verfolgt hat und nicht um Verwandte in der DDR bangen musste – der Mauerfall, der jahrzehntelang unmöglich schien, ist zu einem Synonym der Freiheit geworden, für die die Menschen friedlich gekämpft haben.

Diese Aufbruchstimmung war bereits in den Tagen zuvor deutlich zu spüren, und diese gespannte Erwartung war auch bei uns zu Hause merkbar. Am Abend des 9. November war ich bei meinen Eltern, und wir sahen gemeinsam die denkwürdige Ausgabe der Tagesthemen, in der Hanns-Joachim Friedrichs verkündete „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Bernd Schäfer, Schlitz
An diesem Tag feierte mein Vater seinen 81. Geburtstag und dafür bekam sein Bekannter aus Thüringen im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs die Besuchserlaubnis. Vorher waren viele abgelehnt wurden. Als meine Tante später kam und sagte, dass die Grenze geöffnet sei, wollte es keiner glauben.

Das Fernsehen hat es bestätigt. Natürlich war die Freude riesengroß. Unser Gast „von drüben“ war völlig durcheinander. Seine Erlaubnis galt noch länger, aber er wollte unbedingt nach Hause. Am nächsten Morgen brachte ich ihn nach Hersfeld zum Bahnhof. Da lief der erste DDR-Sonderzug mit euphorischen Menschen ein, wir stellten uns hinter Pfeilern, um nicht überrannt zu werden. Unser Gast fuhr mit dem nächsten Zug nach Hause, die Freundschaft besteht bis heute.

Annett Näser, Burghaun (lebte vor 30 Jahren in Leipzig)
Für mich war der 9. November 1989 ein Tag wie jeder andere auch, Schule, Hausaufgaben, Sport. Ich hab am Fernseher den „Fall der Mauer“ verfolgt und mich gefragt: Was kommt jetzt? Mit 14 konnte ich noch gar nicht blicken, was sich alles ändern wird und was die DDR Bürger veranlasst hat, nach einer Veränderung zu schreien.

Mir hat nie etwas gefehlt, ich hatte eine sehr schöne Kindheit und hatte am Anfang mit dem Wegfall der Mauer meine Probleme. Meine Mutter wurde sehr schnell arbeitslos und hat nie wieder einen Job gefunden (was mich im Nachhinein sehr wütend gemacht hat). Ich musste die Schule wechseln, da plötzlich auf Grund von Schülermangel die Klassen zusammengelegt werden mussten. Und im Handball wurden wir von unserer Heimhalle in eine kleine Bruchbude verfrachtet.

Im Prinzip kann ich sagen, dass für mich erst einmal eine Welt zusammengebrochen ist und ich mit der ganzen Situation überfordert war.

Carmen Kässler, 47, Oberleichtersbach (lebte vor 30 Jahren in Meiningen)
Wir waren in Hohenprießnitz und hatten Faschingsvorbereitungen. Mit einmal hieß es, die Grenzen sind offen. Alle wie die Wahnsinnigen aufgestanden und sind nach Berlin. Der Faschingsausschuss war geblieben, ganz alleine, ich auch. Nachts kamen die Studenten wieder und brachten uns Bananen und Mandarinen mit. Ich konnte es nicht fassen, bin am nächsten Tag heim nach Meiningen.

Silke Schaab, 47, Schönderling (lebte vor 30 Jahren in Meiningen)
Ich verfolgte die Nachrichten im Fernsehen, dann die Botschaft, die Grenzen seien auf und mit einem Visum im Perso, ausgestellt von der Polizei, könne man rüber. Also habe ich mich am nächsten Tag mit in die Schlange gestellt, das Visum bekommen und mit dem übervollen Bus, der nun ständig die Neugierigen von Meiningen nach Mellrichstadt fuhr. An der Grenze kam Furcht auf, aber es lief ohne Probleme. In Mellrichstadt habe ich das Begrüßungsgeld erhalten, mich mit Kaugummis und einer Winterjacke eingedeckt und den Supergeruch im Kupsch genossen, der mich an Westpakete erinnerte.