2600 Kilometer auf dem Fahrrad für Europa

12. Oktober 2019
Fulda/Frankfurt

Stefan Barth ist Ultracyclist. Der 29-Jährige legt extrem lange Strecken ohne Pause mit dem Fahrrad zurück. Diesen Sport hat er im Laufe des Sommers genutzt, um unter dem Stichwort „Riding4Europe“ für ein vereintes Europa zu werben.

Wo im Internet sonst der Hass regiert, erntet Stefan Barth überraschend breite Zustimmung. Dort, in den Kommentarspalten von Facebook und Co., sind unter seinen Beiträgen Anmerkungen zu lesen wie: „Super Aktion!“ und „Tolles Projekt!“. Die Radsportwelt tickt offenbar etwas anders, wenn Schlüsselworte fallen wie Europa, wie Nationalismus und Brexit.

Barth hat sich entschlossen, sein Hobby mit politischem Engagement zu verbinden: Unter dem Motto „Riding4Europe“, was sich in etwa mit Radfahren für Europa übersetzen lässt, hat der 29-Jährige die neun Nachbarländer Deutschlands bereist. Mit dem Fahrrad, versteht sich, rund 2600 Kilometer standen am Ende auf dem Kilometerzähler, zudem etwa 25.000 Höhenmeter.

„Ich wollte zeigen, wie klein Europa ist“

Eine ungewöhnliche Aktion, die Barth wie folgt erklärt: „Ich wollte zeigen, wie klein Europa ist. Wie eng alles zusammenhängt“, sagt er. „Ich wollte zeigen, welche Vorteile die Freizügigkeit mit sich bringt.“ Auslöser sei im Frühjahr der für den 29. März geplante EU-Austritt des Vereinigten Königreichs gewesen. Zwar verschoben die Briten den Brexit bekanntlich noch zweimal, zuletzt auf den 31. Oktober. Barths Pläne aber standen ebenso fest wie seine Motivation, und so ging es los am 29. März mit der ersten Tour.

„Welche Möglichkeiten unser Kontinent und die Nachbarländer bieten“

Von Frankfurt aus, wo der gebürtige Petersberger seit einigen Jahren als Wirtschaftsprüfer arbeitet, ging es zum Bodensee, rund um diesen und schließlich wieder zurück – Österreich und die Schweiz waren damit bereist. Auf der zweiten Tour im Mai folgten die Benelux-Staaten und Frankreich, auf der dritten im August Dänemark, Polen und Tschechien. „Es ist toll, in welch verglichen kurzer Zeit man mit dem Fahrrad am Meer sein kann“, erzählt Barth fasziniert von seinem Dänemark-Trip, „welche Möglichkeiten unser Kontinent und die Nachbarländer bieten.“

Von Shitstorm keine Spur

Und weil hinter Riding4Europe der Gedanke von Zugehörigkeit und Teilhabe steht, lud Barth immer wieder andere Radsportler ein, sich ihm auf kleineren oder größeren Stücken der jeweiligen Strecke anzuschließen. Ein Fahrer begleitete ihn so auf der kompletten ersten Tour, viele weitere zudem auf Teilstücken. Von seinen Erfahrungen berichtete der 29-Jährige auf seinem Blog und seinen Social-Media-Kanälen, um für die Aktion zu werben. Sehr positiv sei diese aufgenommen worden, berichtet Barth. Von Shitstorm keine Spur – ein bemerkenswerter Umstand in Zeiten, in denen sich auch unter Onlineartikeln unserer Zeitung häufig binnen Minuten die Hasskommentare ballen. „Fahren für ein vereintes Europa“, wie Barth sagt, das scheint ein Gedanke zu sein, der noch immer seinen Platz hat.

Ein Bekenntnis zu Freizügigkeit, Miteinander und Zusammenhalt

Aufgrund der positiven Resonanz und seiner „tollen Erfahrungen“ plant Barth eine Neuauflage von Riding4Europe im kommenden Jahr. Da er zudem wieder stärker ins reguläre Renngeschehen des Ultracycling-Wettkampfkalenders einsteigen will, befindet er sich aktuell noch in der Planungsphase. Gewiss ist aber: „Es wird auf jeden Fall weitergehen mit Riding4Europe“, sagt Stefan Barth. Ein Bekenntnis zu Freizügigkeit, Miteinander und Zusammenhalt, das angesichts eines noch immer nahenden Brexits, angesichts von Nationalismus, Intoleranz und Krämergeist wichtiger ist denn je. / wip

barthsman

Am Freitag den 2. August war es soweit. #Riding4Europe ging für dieses Jahr in die letzte Runde. Auf dem Plan stand als erstes Dänemark und nach einem kurzen Zwischenstopp im Anschluss unsere östlichen Nachbarländer Tschechien und Polen. Um 9 Uhr morgens startete ich gemeinsam mit Karsten, welcher mich bis Marburg begleitete, den Weg gen Norden.