700 Kilometer verborgenes Fulda: Im Reich der Abwasserfluten

25. November 2015
FULDA

Es ist eine verborgene Welt, die sich unter Fulda verwinkelt breitgemacht hat. Über 700 Kilometer erstrecken sich die Kanäle des Abwassernetzes – manche sind bereits mehr als hundert Jahre alt. Ein Blick in das Reich der Abwasserfluten.

Von unserem Redaktionsmitglied Sascha-Pascal Schimmel

Das Rauschen, das aus dem Untergrund an die Oberfläche dringt, ist nicht zu überhören. Unter den Füßen der Arbeiter des Abwasserverbandes Fulda befindet sich ein riesiges rundes Regenüberlaufbecken. 30 Meter misst sein Durchmesser. An Tagen mit Starkregen schießen in der Sekunde bis zu 20.000 Liter durch die Anlage.

Etwa 60 solcher Becken betreibt der Abwasserverband Fulda. Die meisten sind bei weitem nicht so groß wie jenes südöstlich der Richthalle. Sie sind Teil des Abwassernetzes von Fulda und Umgebung. Auf 700 Kilometer erstrecken sich die Kanäle im Untergrund. Sie befinden sich in bis zu sieben Metern Tiefe. Die wenigsten von ihnen sind aufrecht begehbar.

Penicillin, Kühlschränke, Abwassersysteme

„Die Kanäle haben Durchmesser von 15 Zentimeter bis drei Meter“, sagt Peter Geffe, Leiter der Kanalabteilung des Abwasserverbandes. „Mindestens 80 Prozent sind maximal 80 Zentimeter hoch.“

Für Geffe steht die Entwicklung moderner Abwassersysteme auf einer ähnlich hohen Stufe wie die Entdeckung von Penicillin und die Erfindung des Kühlschranks. „Sie dämmen die Verbreitung von Keimen und Krankheiten ein.“

Jährlich Millionen Euro für den Erhalt

Die ältesten Kanäle Fuldas stammen aus dem Jahr 1904. „Sie liegen zum Beispiel unter der Markt- und unter der Friedrichstraße“, sagt Geffe. Also dort, wo schon früher das Zentrum Fuldas gewesen ist.

In der Regel überleben Kanäle allerdings nicht so lange. „Ihre Überlebensdauer beträgt im Schnitt knapp 67 Jahre“, sagt Kanal-Experte Geffe. „Jährlich investieren wir vier bis viereinhalb Millionen Euro in der Erhalt bestehender Kanäle.“

Wenige ohne Anschluss an einen Abwasserkanal

Mittlerweile ist fast jedes Grundstück direkt an einen Abwasserkanal angeschlossen. „Bei 20.000 Grundstücken, die wir entwässern, gibt es vielleicht 20 Ausnahmen“, sagt Geffe. Zum Beispiel abgelegene landwirtschaftliche Gehöfte, die Sammelgruben oder Kleinstkraftwerke nutzen.

Alle anderen leiten ihr Abwasser über die Röhren des Grundstücks in die verzweigten öffentlichen Kanäle. Von dort fließt das Wasser in eine der drei Kläranlagen in Marbach, Gläserzell und im Industriepark Fulda West, die der Abwasserverband betreibt. Das gereinigte Wasser steht dem Wasserkreislauf anschließend wieder zur Verfügung.

Weg in die Dunkelheit

Eine Sonderfunktion in diesem Kreislauf erfüllen die Regenüberlaufbecken. So wie jenes, auf dem Grundstück des früheren Domänengartens südöstlich der Richthalle. Die Zugänge sind durch verriegelte Gitter versperrt. Leitern und Wendeltreppen führen in die Dunkelheit. In seiner Mitte ist das Becken etwa sechs Meter tief. Es beginnt einen Meter unter der Oberfläche.

Das Becken entlastet das Abwassernetz bei starkem Regen. Es ist mit dem größten Siebrechen der Welt ausgestattet, wie Geffe vom Abwasserverband sagt. „Dieser filtert grobe Bestandteile wie Toilettenpapier und Plastik, die das Abwasser aus den Haushalten anspült, heraus.“

„Die Konzentration dieses Schmutzwassers ist jedoch sehr gering“, sagt Geffe. „Es vermischt sich bis zum Überlaufen des Beckens mit einer Menge Regenwasser, die hundertfach höher ist.“

Über den Schlosspark in die Fulda

Das Becken läuft über, sobald sich mehr als 4400 Liter Abwasser in ihm befinden. Die überschüssige Menge fließt dann durch den Siebrechen und weiter über ein 2,2 Meter hohes Rohr in die Waides. Das Gewässer bahnt sich seinen Weg quer durch Fulda, fließt durch Schlosspark und Tränke, und mündet in der Fulda.

Was harmlos klingt, kann für Abenteuerlustige ein böses Ende nehmen. Bei Starkregen sollten diese sich vom Röhrenausgang zur Waides fernhalten. Denn dann füllt das aus dem Becken laufende Wasser die gesamte Röhre und schießt heraus. Wenn man das Rauschen hört, könne es schon zu spät sein, sagt ein Mitarbeiter des Abwasserverbandes.

Hier befindet sich das riesige Regenüberlaufbecken:

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