Wie fremdenfeindlich ist Fulda?

14. Februar 2015
Region

Nach den Hass-Flugblättern gegen Flüchtlinge in Rückers stellt sich die Frage: Wie weit ist Fremdenfeindlichkeit bei uns in der Region verbreitet? Direkte Gewalt gegen Menschen mit Migrationshintergrund gebe es kaum, erklärt Abdulkerim Demir vom Ausländerbeirat Fulda. Die Fremdenfeindlichkeit sei oft unterschwellig. „Je dunkler die Haut, desto schwieriger haben es die Menschen", sagt Reinhardt Asche von „Welcome In | Fulda".

Hany Samir spricht nahezu perfekt Deutsch, der einzige „Makel" ist seiner leichter französischer Akzent, der ihn am Telefon als Mensch mit Migrationshintergrund outet. Der 27-Jährige stammt ursprünglich aus Eritrea. Bei der Wohnungssuche in Fulda habe er es deswegen verdammt schwer gehabt, erzählt der Student. „Wo kommen Sie her?", sei oft die erste Frage gewesen, wenn er sich nach einer Wohnung erkundigte. Zu Besichtigungsterminen sei es dann meist nicht mehr gekommen – oder es war noch schlimmer.

Ein Vorfall ist dem gebürtigen Afrikaner besonders schmerzlich in Erinnerung geblieben. Er hatte es geschafft, zu einem Besichtigungstermin in der Fuldaer Innenstadt eingeladen zu werden. Zur ausgemachten Zeit war der Student in Sichtweite des Mietshauses, als sein Handy klingelte. Die Wohnung sei schon vergeben, erklärte die Vermieterin am Telefon.

Samir war schon oft vertröstet worden, doch dieses Mal wollte er es nicht damit belassen. Er bat einen Passanten, bei der Vermieterin anrufen und nach der Wohnung zu fragen. „Die Wohnung ist frei", sagte die Frau am Telefon. „Ein Besichtigungstermin ist gerade geplatzt. Sie können sofort vorbeikommen."

Einwanderer ständig Opfer von Vorurteilen

Bei der Wohnungssuche würden Einwanderer ständig mit Vorurteilen konfrontiert, sagt Abdulkerim Demir vom Ausländerbeirat Fulda. „Generell gilt: „Je dunkler die Haut, desto schwieriger haben es die Menschen", erklärt Reinhardt Asche von „Welcome In | Fulda". Die von ihm mit ins Leben gerufene Organisation setzt sich für die Integration von Flüchtlingen bei uns in der Region ein. Im Einzelfall sei es allerdings schwer zu sagen, weshalb der Einwanderer keine Wohnung findet.

Fremdenfeindliche Tendenzen weit verbreitet

„Fremdenfeindliche Tendenzen sind in unserer Gesellschaft fest verankert – nicht nur an den Rändern, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft", sagt Professorin Gudrun Hentges von der Hochschule Fulda. Seit Anfang der 1990er-Jahre forscht die Professorin der Politikwissenschaft zu Migration und Integration. Eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kommt zu folgendem Ergebnis: Circa 44 Prozent aller Befragten werten asylsuchende Menschen ab, 26,6 Prozent aller Befragten werten Sinti und Roma ab, 20 Prozent aller Befragten äußern sich fremdenfeindlich, 17,5 Prozent islamfeindlich und 8,7 Prozent rassistisch. Sowohl jüngere (16- bis 30-Jährige) als auch ältere Befragte (über 60-Jährige) tendierten eher zu rechtsextremen und menschenfeindlichen Einstellungen, so Prof. Hentges. Je höher der Bildungsabschluss, desto weniger seien ausländerfeindliche, fremdenfeindliche oder rassistische Ressentiments bei den Menschen anzutreffen.

Ein enormer Prozentsatz der Bevölkerung vertritt zum Teil rechtsextremes Gedankengut", sagt Nihat Dalmis, der Vorsitzende des Ausländerbeirats Fulda. Eine Zahl, die Prof. Hentges nennt, unterstreicht das: Im Laufe des Jahres 2014 seien bundesweit 150 Anschläge auf Asylbewerberheime verübt worden, sagt sie. „Demnach hat sich die Zahl der Anschläge seit 2013 verdreifacht." In Fulda arte diese Fremdenfeindlichkeit aber in den wenigsten Fällen in Gewalt aus, sagt Dalmis. Sie sei oftmals subtiler. Das bestätigt auch Asche von „Welcome In | Fulda". „Körperlich Angriffe sind mir nicht bekannt", erklärt er. Allerdings gebe sehr viele unterschwellige Ressentiments gegen Flüchtlinge, so auch in Behörden.

„Es ist vieles besser geworden"

Bei Behördengängen ist es für die Flüchtlinge immer ein Glücksspiel, an wen sie geraten, so Asche. „Einige Mitarbeiter treten in einer stark herablassenden Art auf". Wenn die Flüchtlinge mit einer behördlichen Maßnahmen nicht einverstanden seien, könnten sie ja wieder zurückgehen. Es gebe aber auch genauso gut Mitarbeiter, die sich vorbildlich verhalten und die Flüchtlinge unterstützen, wo sie können. „In den vergangenen Jahren hat sich vieles zum Besseren gewandelt", erklärt Demir. Vor fünf Jahren habe beispielsweise die Fuldaer Ausländerbehörde noch als eine der schwierigsten in Hessen gegolten, heute leiste sie eine hervorragende Arbeit.

Für Hany Samir hatte die Wohnungssuche in Fulda nach neun Monaten endlich ein Ende. Ein Landsmann zog aus einem Apartment in der Innenstadt aus – Samir durfte einziehen. Der gebürtige Eritreer hat also sein Glück gefunden – ist in Gedanken trotzdem noch immer bei Einwanderern, die in Fulda verzweifelt eine Bleibe suchen. „Wenn Asylbewerber alle nötigen Papiere zusammen haben, müssen sie die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen", sagt er. „Aber wo sollen sie hin, wenn ihnen niemand eine Wohnung gibt?"