Darf ich hinsehen? Was darf ich fragen? So möchte eine junge Rollstuhlfahrerin behandelt werden

12. April 2015
Fulda

Beim Stichwort Vorurteile wird Saskia-Katharina Most hellhörig. „Lassen Sie uns doch morgen mal persönlich treffen, dann können wir über alles sprechen“, antwortet die Fuldaerin umgehend auf unsere Anfrage. Most ist aufgrund einer stark ausgeprägten Tetra-Spastik an Armen und Beinen seit sie denken kann Rollstuhlfahrerin. Dass Menschen Probleme damit haben, einen natürlichen Umgang mit ihr zu pflegen, erlebt sie täglich. Im Interview erklärt sie gegenüber fuldaerzeitung.de, wie Sie sich am Besten gegenüber Rollstuhlfahrern verhalten und in welche Fettnäpfchen Sie besser nicht treten sollten.

Frau Most, so etwas ist Frauen mitunter auch mal unangenehm. Verraten Sie uns dennoch, wie lange Sie heute morgen benötigt haben, um sich fertig zu machen?

Saskia-Katharina Most: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht auf die Uhr geschaut habe (lacht). So knapp anderthalb Stunden dürften es aber schon gewesen sein. Im Bad hilft mir der Pflegedienst. Das Schminken bekomme ich zum Glück alleine hin.

Beschäftigen Sie sich sehr mit Mode- und Schönheits-Produkten?


Most:
Ja, mein äußeres Erscheinungsbild ist mir schon wichtig, eines meiner Hobbies. Ich betreibe auch schon länger einen Mode&Beauty-Blog unter www.horizont-blog.net. Da beschäftige ich mich mit den neuesten Mode-Trends und gebe Schminktipps. Ich will zeigen, wie man sich im Rollstuhl modisch präsentiert. Der Blog soll aber alle modebegeisterten ansprechen. Außerdem gibt es dort auch Anekdoten aus meinem Alltag mit dem Rollstuhl zu lesen.

Da Mode so eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt – wie ist es eigentlich, im Rollstuhl shoppen zu gehen?

Most: Oft unangenehm. Viele Verkäufer/innen nehmen mich nicht ernst, ignorieren mich teilweise. So nach dem Motto: Die sitzt im Rollstuhl, die kann sich eh nichts leisten. Wenn ich etwas frage, antworten sie oft nicht mir, stattdessen meiner Begleitperson.

Wo wir beim Thema Vorurteile angelangt wären. Shoppen und bestellen sie wegen so was lieber im Internet?

Most:
Oh Gott, Nein. Ich mag das Shoppen-Gehen trotzdem sehr. In einigen Läden in Fulda werde ich super beraten, und ich darf die Sachen zum Anprobieren auch mit nach Hause nehmen. Das dauert ja etwas länger bei mir. Letztlich kommt es aber auch in den anderen Läden, egal in welcher Stadt, immer auf die Tagesform des Verkäufers an.

Was meinen sie genau mit Tagesform?


Most: Letztens habe ich in Frankfurt mit einem mulmigen Gefühl einen Douglas-Laden betreten, weil ich in der Vergangenheit in einer anderen Filiale ignoriert wurde. Aber in Frankfurt war die Verkäuferin total nett und hat mich ganz normal beraten. Letztlich kommt es nicht auf das Geschäft an, sondern auf den jeweiligen Menschen, der dich berät.


Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Wenn wir gerade bei unangenehmen Dingen sind. Wie reagieren Sie eigentlich, wenn Menschen Sie anstarren?

Most: Irgendwie kann ich das ja nachvollziehen. Ich muss meistens darüber lachen, ärgere mich innerlich trotzdem ein wenig darüber. Was mich aber mehr ärgert, ist das Verhalten von Eltern, wenn Sie ihre Kinder von mir wegziehen. Die Kleinen sind natürlich und ehrlich und fragen auch oft, was ich habe – aber die Kinder werden dann schnell von den Eltern weggezerrt. So nach dem Motto: „Kind, glotze nicht so.“

Kinder sind die ehrlichsten Menschen und fragen oft munter drauf los. Ist es aber ok für Sie, wenn auch Erwachsene Sie zum Beispiel direkt nach dem Grund für ihre Behinderung fragen?

Most: Ich kann da natürlich, wie bei den anderen Fragen, nur für mich sprechen – und für mich ist das ok. Ich gehe offen und offensiv mit meiner Behinderung um. Die Tetraspastik begleitet mich nun ja mein gesamtes Leben, und der Rollstuhl als Hilfsmittel gehört da eben dazu. Der Rollstuhl ist aber kein Teil meiner Persönlichkeit. Wenn das jemand nicht versteht, ziehe ich mich zurück. Und das finden die Leute nur heraus, wenn sie mit mir reden, mich fragen. Personen, die ich zum ersten Mal treffe, stehen sowieso meist 1000 Fragen ins Gesicht geschrieben. Die beantworte ich auch, so lange es freundlich bleibt. Was gar nicht geht, sind Fragen von Fremden oder Bekannten, die in den Intimbereich gehen. Ich frage die Menschen ja auch nicht, wie sie auf Toilette gehen (lacht).

Finden Sie es eigentlich gut, wenn Menschen Sie im Alltag fragen, ob sie Ihnen helfen können?

Most:
Ob Sie es können, weiß ich nicht – aber sie dürfen. Rollstuhlfahrer brauchen für manche Dinge eben etwas länger. Das sieht dann mitunter manchmal so aus, als bräuchten wir Hilfe. Manchmal ist kurz warten die richtige Devise. Aber ich würde mich nie beschweren, dass mir jemand Hilfe anbietet. Das würde ich erst tun, wenn jemand nicht akzeptiert, wenn ich für etwas keine Hilfe benötige.

Nach allem was sie bisher erzählt haben: Der Wunsch nach Selbstständigkeit spielt für Sie eine große Rolle. Würden Sie sich manchmal wünschen, dass die Menschen den Rollstuhl ignorieren?


Most:
Meine Freunde ignorieren den tatsächlich. Zwei meiner besten Freunde leben in München. Als ich Sie besucht habe, sind wir zusammen zu einer Veranstaltung. Vor dem Gebäude war eine riesige Treppe, die meine Freunde einfach vergessen hatten, obwohl sie schon oft da waren. Da merke ich dann, dass sie den Rollstuhl als Handicap so gar nicht mehr beachten. Das ist mir allemal lieber, als wenn er ständig im Vordergrund steht.

Ihre Freunde sind auch bei einer anderen Leidenschaft von Ihnen oft dabei, nämlich Konzerte.

Most: Oh, ja. Wir waren auf unzähligen Konzerten und Festivals. Bei Festivals hatte ich das Glück, dass die Bands, die ich sehen wollte, am gleichen Tag gespielt haben. Übernachten wäre vor Ort doch ein bisschen schwer. Ich mag es gerne rockig, meine Lieblingsband ist aber Silbermond. Die habe ich schon geliebt, als sie noch unbekannt waren und sich noch „JAST“ nannten (lacht).

Was muss man als Rollstuhlfahrer beachten, wenn Konzerte anstehen?

Most: Meistens haben wir die Nachteile, dass die Rollstuhlplätze ganz hinten sind, da bekommt man von der Atmosphäre nur wenig mit. Umso schöner war einmal ein Silbermond-Konzert in Erfurt, da war die Rollitribühne ganz vorne in der ersten Reihe, direkt vor Stefanie (Sängerin der Band Silbermond Anm d. Red.). Das war sensationell. Ansonsten ist es eher bescheiden, vor allem, dass man sich immer selbst um die Rollstuhlplätze kümmern muss und dann für Bearbeitung und Versendung oft noch Mehrkosten hat. Wenn ich das dann anspreche, kommen so Sätze wie „sie bekommen ja bereits die zweite Karte umsonst, stellen sie sich nicht so an“. Dass ich auf eine Begleitung, manchmal sogar zwei, angewiesen bin, fällt da schnell unter den Tisch.

Sie wirken wie eine sehr taffe Powerfrau. Können Sie etwas damit anfangen, wenn Leute sagen, dass Sie eine Inspiration sind?


Most: Puh, das weiß ich nicht so recht. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn es darum geht, dass sie meine Arbeit im Antoniusheim gut finden oder meinen Blog, dann gerne. Wenn es nur darum geht, dass ich morgens trotz Handicap aufstehe, dann nicht. Meine Schwester hat zwei Kinder. Ich bin stolze Patentante des Sohns. Der ist neun und spielt begeistert Fußball. Ich versuche bei den Spielen dabei zu sein. Zu seinen Mannschaftskollegen hat er da mal gesagt. „Das ist meine Patentante. Sie sitzt im Rollstuhl, ist aber etwas ganz besonderes.“ Ich schätze das ist in erster Linie meine Inspiration und Antrieb für die Zukunft.

Zur Person: Saskia-Katharina Most ist 26 und kommt aus Fulda. Sie hat seit ihrer Geburt mit einer sogenannten Tetraspastik zu kämpfen. Bei Most betrifft das den ganzen Körper von Kopf bis Fuß. Die Spastik in den Beinen und Füßen ist so stark, dass sie nicht laufen kann. „Ich kann meine Fußgelenke nicht bewegen, zudem ist meine rechte Hand stark von der Spastik betroffen“, sagt Most selbst. Ihre Ärzte behaupteten in den Vergangenheit auch mal kess, die junge Frau sei eine „Mogelpackung“, da sie gut verstecken könne, wie stark ihre Spastik wirklich sei. Seit knapp zehn Jahren arbeitet die Fuldaerin in der Verwaltung des Antoniusheims, hat dort eine volle Stelle am Empfang. Nebenbei führt Sie einen der erfolgreichsten Mode&Beauty-Blogs der Region.