Flüchtlings-Camp in Fulda: Chronik der Realisierung eines Mammutprojekts

04. September 2015
Fulda

Vor knapp zwei Wochen rollte geradezu eine Lawine über Fuldas Hilfsorganisationen. Praktisch über Nacht sollten sie eine Zeltstadt für Flüchtlinge aufbauen. Das ist seit Freitag, 21. August, 12.30 Uhr geschehen.

Von unserem Redaktionsmitglied Sascha-Pascal Schimmel

Gerade einmal viereinhalb Stunden waren am 21. August zwischen Information durch den Landkreis und Start der Realisierung eines Mammutprojekts in Fulda vergangen. An diesem Freitag teilte der Kreis dem DRK etwas mit, das die Stadt aufrütteln sollte: Praktisch über Nacht würde beim Polizeipräsidium Osthessen eine Zeltstadt für Flüchtlinge entstehen.

Für die Hilfsorganisation bedeutete das, in aller Kürze sämtliche Kräfte zu mobilisieren – und auf Hilfe von Freiwilligen zu hoffen.

Auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in der Zentrale des DRK informierten am Donnerstag der Gastgeber sowie Malteser Hilfsdienst (MHD), THW, Polizei und Antoniusheim über den Stand der Dinge im Camp und nannten Details zu dessen Aufbau und der ersten Phase des Bestehens. Die Chronik der Realisierung eines Mammutprojekts.

Freitag, 21. August 2015

Gegen 12.30 Uhr: Der Landkreis informiert das DRK darüber, dass bis Samstag eine Zeltstadt für Flüchtlinge in der Barockstadt errichtet werden soll. Standort: der Parkplatz des Polizeipräsidiums Osthessen.

15.00 Uhr: Etwa zweieinhalb Stunden nach der Meldung treffen sich die Helfer zu einer ersten Zusammenkunft.

16.00 Uhr: Der Katastrophenstab des Landkreises trifft sich zum ersten Mal. Er besteht aus Feuerwehr, THW, DLRG, DRK und MHD.

17.00 Uhr: Gerade einmal eine Stunde nach diesem Treffen beginnen Feuerwehr und THW mit dem Aufbau der Zeltstadt. Bis zum 31. August um 8 Uhr werden 511 Helfer dieser Organisationen insgesamt fast 5000 Stunden in der Zeltstadt schuften.

Feuerwehr und THW sind für den Aufbau des Camps sowie die Technik zuständig. In Windeseile errichten sie die Unterkünfte, sorgen für Strom- und Wasserversorgung auf dem Gelände.

18.45 Uhr: Am frühen Abend berichtet fuldaerzeitung.de, dass bereits im Laufe des Samstags die ersten Flüchtlinge in das Zeltlager ziehen könnten. Das hatte das Versorgungsamt zuvor den Helfern mitgeteilt. Diese stehen dementsprechend unter Zeitdruck.

Samstag, 22. August 2015

Zwischen 2.00 und 3.00 Uhr: Die Rohlinge der Zelte sind aufgebaut. Ihnen fehlen allerdings noch Betten und Böden. Im Laufe des Tages sind die Unterkünfte bezugsfertig. „Wie hätten die ersten Flüchtlinge bereits um 15 Uhr empfangen können“, sagt Christian Erwin, Kreisgeschäftsleiter des DRK in Fulda, auf der Pressekonferenz in der DRK-Zentrale.

Mittag bis Nachmittag: Die Helfer erfahren, dass die ersten Zeltstadtbewohner erst am Montag einziehen werden. Zeit zum Durchschnaufen bleibt dennoch nicht. Damit die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge – Unterkunft, Essen, Kleidung – auch wirklich befriedigt werden können, arbeiten sie unermüdlich weiter.

Sonntag, 23. August 2015

Der Aufbau des Camps ist abgeschlossen. Mittlerweile stehen 29 voll ausgestattete Zelte. 24 zum Schlafen, eines für die Küche, zwei Speisezelte sowie eines für Behandlungen und Kommunikation. Zudem befinden sich auf dem Gelände jeweils 13 Duschen für Damen und Herren und 50 Toiletten.

Montag, 24. August 2015

Unter dem Stichwort „Ersthelfer“ schaltet sich das Antoniusheim ein. Rund 15 Freiwillige engagieren sich im Camp und in der Küche, sechs weitere verpacken Frühstück und Abendessen. Seitdem versorgen sie die Camp-Bewohner täglich mit drei Mahlzeiten. „Wir sind zwar keine klassische Hilfsorganisation, sehen uns aber trotzdem verpflichtet zu helfen“, sagt Rainer Sippel, Geschäftsführer des Antoniusheims.

15.00 Uhr: Die ersten Flüchtlinge kommen am Camp an. 400 Bewohner finden dort Platz. Anfang September sind 384 Plätze belegt. Mit 217 Bewohnern stammen mit Abstand die meisten aus Syrien. Dazu kommen 57 Menschen aus Afghanistan, 29 aus Albanien und 24 aus Pakistan. Wie es in naher Zukunft weitergeht, ist derzeit unklar. „Was passiert, wenn weiterhin Flüchtlinge ankommen, jedoch keine weiteren Erstaufnahme-Außenstellen wie in Fulda errichtet werden, kann nicht prognostiziert werden“, sagt Jonathan Wulff, stellvertretender Amtsleiter des Versorgungsamts Fulda.

Ansprechpartner für die Flüchtlinge ist die Leitung der Einrichtung. Sie ist täglich zwischen 7 und 21 Uhr im Camp anwesend. Vier Stunden täglich bieten Ärzte Sprechstunden. Behandlungen sind rund um die Uhr möglich. Ein Hausmeister steht tagsüber zur Verfügung, nachts befindet er sich in Rufbereitschaft.

Ein privates Unternehmen sorgt für Sicherheit in der Zeltstadt – auch wenn die Polizei direkt nebenan liegt. „Die Polizei sieht sich erst einmal als Nachbar“, sagt Bernhard Jäger, Direktor der Polizei Fulda. „Solange der Sicherheitsdienst die Sicherheit gewährleistet, müssen wir nicht eingreifen. Da aber jede Streifenfahrt hier oben startet und endet, sind wir automatisch permanent präsent.“

Dienstag, 25. August 2015, bis heute

Viele Fuldaer bieten ihre Hilfe an. „Unheimlich viele haben bisher geholfen. Zum Beispiel bei der Kleiderausgabe“, sagt Versorgungsamtsleiter Wulff. „Wie die Menschen in Osthessen das Camp angenommen haben, ist berührend.“

Auch die Spendenbereitschaft ist enorm. So enorm, dass das DRK keine Sachspenden mehr annehmen kann. Die Lager sind voll. Bis auf Unterwäsche fehle es an nichts, sagt Christoph Schwab, Geschäftsführer des DRK in Fulda.

Montag, 31. August

8.00 Uhr: Die Akutphase ist abgeschlossen. Die Grundversorgung gewährleistet. 1174 Helfer haben bis dahin 10.512 Stunden angepackt. „Nun können wir das Leben im Camp gestalten“, sagt Wulff vom Versorgungsamt. Unter anderem ist ein Begegnungszelt geplant. Laut dem MHD sind dafür 5000 Euro, die durch Spenden eingegangen sind, vorgesehen. „Es ist ganz wichtig, dass die Menschen aus dem Camp auch einmal Abwechslung bekommen, zum Beispiel mit Hilfe von Sportvereinen“, sagt Jürgen Diegelmann, Einsatzleiter beim MHD.

Donnerstag, 3. September 2015

Die Herausforderung bleibt groß, nicht zuletzt auf Seiten des Antoniusheims. „Am Montag beginnt die Schule. Da wir einige Schulen in Fulda mit Essen beliefern, fragen wir uns, ob wir dies und die drei Mahlzeiten für das Camp täglich unter einen Hut bekommen“, sagt Antoniusheim-Geschäftsführer Sippel. „Wenn wir weitermachen, dann nur professionell hinsichtlich Kapazität, Hygiene, Sicherheit und Mitarbeiter sowie in Arbeitsteilung mit Partnern.“

In der Zwischenzeit hatte das Antoniusheim Kontakt zu einem türkischen Großhändler aufgenommen – um auf die Essgewohnheiten der Einzelnen einzugehen. „Viele kannten Toastbrot nicht, als sie hier ankamen“, sagt Sippel.

Wie lange die Zeltstadt stehen wird, ist derweil unklar. „Wegen des Winters wird sie sicher nicht ewig stehenbleiben“, sagt Jonathan Wulff. „Das Regierungspräsidium sucht weiterhin nach neuen festen Standorten. Bei der aktuellen Situation kann man jedoch nicht mehr als zwei Monate in die Zukunft gucken.“

Für Antoniusheim-Geschäftsführer Sippel ist eines sicher: „Man kann den Camp-Bewohnern nur wünschen, dass sie nicht zu lange dort bleiben müssen. Für sie ist es dort nicht einfach. Nach einer langen Flucht leben sie nun auf engstem Raum.“ Zudem merkt Sippel an, dass Leute, die länger in Zeltstädten leben, sich später schwerer integrieren. „Integration kann nicht im Lager geschehen.“

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