Fotogalerie: 100 Jahre Loheland-Schule – großer Andrang im Vonderau-Museum bei Schau-Eröffnung

27. September 2019
Fulda

Welch hohes Ansehen die Loheland-Schule genießt, wurde am Donnerstagabend unter Beweis gestellt: Zur Eröffnung der Ausstellung „Loheland 100 – Gelebte Visionen für eine neue Welt“ im Fuldaer Vonderau-Museum war die Kapelle des Museums so überfüllt, dass eine ganze Reihe von Besuchern stehen mussten.

Doch sie alle harrten aus, denn das Thema Loheland ist – nicht zuletzt durch seine gelungene Aufbereitung in der Sonderausstellung im Vonderau-Museum – auch 100 Jahre nach der Gründung der Schule noch immer (oder gerade wieder) hochaktuell, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt Fulda.

Auf dieses Phänomen sowie die vielfältigen Berührungspunkte Lohelands mit dem im selben Jahr gegründeten, aber ungleich bekannten Bauhaus in Weimar/Dessau gingen auch mehrere Redner während der Eröffnungsveranstaltung ein. Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld etwa betonte mit Blick auf die beiden Loheland-Gründerinnen Hedwig von Rhoden und Louise Langgaard:

„In einer Zeit des Umbruchs, in denen viele Gewissheiten untergegangen waren, haben sie nicht darauf gewartet, dass die Welt sich verändert, sondern sie haben sich mit unglaublicher Energie und Innovationskraft neue Wege erschaffen, die bis heute von bleibender Wirkung sind.“ Im Laufe von 100 Jahren habe Loheland tausende Menschen und auch die gesamte Region geprägt.

Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy inspiriert

Für den Landkreis Fulda sprach Erster Kreisbeigeordneter Frederik Schmitt, der auf die Umstände der Gründung im historisch bewegten Jahr 1919 einging und auch die schwierigen Startbedingungen der mutigen Frauen in der rauen Rhön beleuchtete. Für Hessische Kulturstiftung, welche die Ausstellung wie auch eine Reihe weiterer Partner finanziell unterstützt, stellte Geschäftsführerin Eva Claudia Scholtz die besondere Rolle Lohelands in der lebensreformerischen Frauenbewegung der Zwischenkriegszeit sowie als Pionierinnen einer ganzheitlich verstandenen Frauenbildung.

Dr. Annemarie Jaeggi, Direktorin des Bauhaus-Archivs Berlin, nahm die umfangreichen Bezüge Lohelands zum Bauhaus in den Blick und erinnerte insbesondere an die „Lichtbildwerkstatt Loheland“ und an die Loheländer Fotokünstlerin Bertha Günther. Ihre Fotogramme inspirierten etwa den späteren Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy 1920 zu eigenen Fotoexperimenten.

Premiere für Tanzszenen-Sequenzen

Die beiden Kuratoren der Ausstellung, Elisabeth Mollenhauer-Klüber (Loheland-Stiftung) und Michael Siebenbrodt (Weimar), gaben im Anschluss einen umfassenden Einblick in die Vorgeschichte und Konzeption der Ausstellung und wiesen auf Besonderheiten und Raritäten hin: So werden weltweit erstmals bewegte Bilder beziehungsweise kurze Filmsequenzen von Tanzszenen aus der Frühzeit Lohelands gezeigt.

Gleichzeitig verdeutliche die Schau die zeitgleichen Entwicklungen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kunst sowie das enorme nationale und internationale Netzwerks Lohelands in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Auch werde deutlich, dass die Loheländerinnen großes Geschick hatten, ihre Werkstücke durch Marketing und die Teilnahme an Messen bekanntzumachen.

Originalkompositionen von Loheländerinnen

Der besondere Dank der Kuratoren galt neben dem Team des Vonderau-Museums und einer Vielzahl von Unterstützern auch dem Petersberger Imhof-Verlag, der den mehr als 200 Seiten starken Katalog zur Ausstellung herausgebracht hat (erhältlich für 19,95 Euro an der Museumskasse sowie im Buchhandel). Zugleich dankten Mollenhauer-Klüber und Siebenbrodt den Dozentinnen und Studentinnen der Kunsthochschule Dresden, die Loheländer Tanzkostüme und Masken originalgetreu nachgebaut haben.

Einen faszinierenden Eindruck von der künstlerischen Breite der frühen Loheländer Jahre ermöglichten Marius Staible und Daniel Roth (Ensemble Con:trust) von Hochschule für Musik Franz Liszt, Weimar, die als Umrahmung der Vernissage zeitgenössische Musik in einer Bearbeitung für zwei Akkordeons zu Gehör brachten – darunter Originalkompositionen von Loheländerinnen, die fast 100 Jahre lang nicht mehr zu hören waren, und eine Fuge des Bauhaus-Meisters Lionel Feininger.

Hintergrund – die Entstehung von Loheland

Die „Loheland Schule für Körperbildung, Landbau und Handwerk“ wurde 1919 von Hedwig von Rohden (1890-1987) und Louise Langgaard (1883-1974) als Schul- und Siedlungsexperiment auf dem Gebiet der Ortschaft Dirlos bei Fulda gegründet. Als Ausbildungsstätte für Gymnastik und Tanz setzte diese stets durch Frauen geführte private Bildungseinrichtung wie das Bauhaus auf die Einheit der künstlerischen Disziplinen und die Ausbildung aller Talente der Studierenden.

Dazu wurden zahlreiche Werkstätten aufgebaut, die mit ihren herausragenden Gestaltungsergebnissen auch zum materiellen Erhalt der Siedlung beitrugen. Loheland und das Bauhaus gingen gleichermaßen aus den europäischen Reformbewegungen hervor, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Antworten auf die zunehmend industrialisierte und globalisierte Welt suchten.

Hintergrund – die Ausstellung:

Im Vonderau-Museum wird die Loheland-Schule zu ihrem 100. Geburtstag im Kontext des Bauhaus-Jubiläums erstmals umfassend in einer Ausstellung vorgestellt. Der Fokus liegt auf der erfolgreichen Tätigkeit von 1919 bis 1933. Das Archiv der Loheland-Stiftung mit seinen umfangreichen Sammlungen bietet dafür hervorragende Rahmenbedingungen: tausende originale Kunstwerke, Designobjekte, Werkstatt- und Alltagsgegenstände, Fotos, Filme und Dokumente, die alle Facetten Lohelands erlebbar werden lassen und teilweise erstmals öffentlich gezeigt werden. Dazu gehören auch wissenschaftlich fundierte Beiträge zu verschiedenen Themen- feldern von der Körperbildung bis zum ökologischen Landbau und die Siedlung mit bedeutenden architektonischen Einzelobjekten.

Die Ausstellung gliedert sich in fünf Themenkreise, die in vier Ausstellungssälen präsentiert werden:

1. Loheland im Netzwerk der europäischen Avantgarde – eine Chronologie
2. Das Herz Lohelands: Körperbildung, Gymnastik, Tanz, Theater, Musik
3. Die Loheland-Werkstätten: Kunsthandwerkliche Produktion auf der Grundlage gymnastischer Schulung
4. Bildkünstlerisches Schaffen als Ausgangspunkt für kreatives Leben und Arbeiten
5. Die Siedlung Loheland und ihre Architektur

Loheland 100 Gelebte Visionen für eine neue Welt: 27. September 2019 - 5. Januar 2020; Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, jeweils 10 bis 17 Uhr. Der Besuch der Siedlung Loheland, 10 km östlich von Fulda, wird empfohlen und mit Führungen im Rahmenprogramm angeboten.

Rahmenprogramm:

Freitag, 27. September, 18 Uhr: Kuratorenführung mit Michael Siebenbrodt im Rahmen des „Kulturrausch – Nacht der offenen Museen“.

Freitag, 11. Oktober, 14 Uhr: Workshop für Kinder - Fotografieren ohne Kamera. Begleitend zur Loheland-Ausstellung wird für Kinder ab 10 Jahren eine Experimentier-Werkstatt angeboten, in der sie ohne Kamera fotografieren und Fotogramme herstellen können. Eine Lochkamera wird gebaut und ausprobiert. Mit: Kornelia Wagner, Museumpädagogin. Teilnehmerkosten 5 Euro, Anmeldung unter Tel. (0661) 102-3210. Weiterer Termin: am 1. November, 14 Uhr.

Dienstag, 15. Oktober, 18.30 Uhr: MuseumsGespräch - Was haben Loheland und das Bauhaus gemeinsam? Mit: Michael Siebenbrodt, Weimar, und Elisabeth Mollenhauer-Klüber, Loheland-Stiftung Archiv

Samstag, 19. Oktober, 18 Uhr: Konzert in der Museumskapelle - Originalpartituren von Loheland. Zwei Akkordeon-Virtuosen stellen Original-Partituren von Loheland vor. Dort war der Ausdruckstanz bis 1923 zentraler Teil der Ausbildung. Neben eigenen Kompositionen gehörten dazu auch selbst entworfene und gefertigte Kostüme. Mit dem Ensemble Con:trust, Marius Staible und Daniel Roth, Hochschule für Musik Franz Liszt, Weimar

Sonntag, 20. Oktober, 13.30 Uhr: MuseumUnterwegs - Die Siedlung Loheland heute. Kulturhistorischer Spaziergang. Mit: Elisabeth Mollenhauer-Klüber, Treffpunkt Loheland

Sonntag, 27. Oktober, 14 Uhr: MuseumUnterwegs - Die frühe Moderne in der Architektur. Im Fokus stehen die in der Sonderausstellung präsentierten architektonischen Einzelobjekte der Siedlung Loheland, die bereits Denkmalschutz genießen. Anschließend geht es zu den Gebäuden der frühen Moderne im Zentrum der Stadt Fulda. Mit: Michael Siebenbrodt, Weimar, Treffpunkt Museumskasse.

Sonntag, 10. November, 15 Uhr: Kuratorenführung mit Elisabeth Mollenhauer-Klüber, Loheland-Stiftung Archiv. Weitere Termine: 24. November, 22. Dezember und 29. Dezember (jeweils 15 Uhr)

Samstag, 16. November, 15 Uhr: Vortrag: „Und nun tanzen Sie die Farbe Blau!“ – Bauhaus-Frauen und weibliche Aufbrüche in die Moderne. Die Frauen am Bauhaus haben mit ihrem Werk und ihrem Wirken maßgeblich die Entwicklung des Bauhauses und der frühen Moderne geprägt und vorangetrieben. Referentin: Dr. Ulrike Müller, Weimar

Sonntag, 8. Dezember, 11 Uhr: Kuratorenführung mit Michael Siebenbrodt, Weimar

Sonntag, 5. Januar 2020, 15 Uhr: Finissage mit Vortrag und Kuratorenführung. Das Bauhaus in Weimar – Die erste Hochschule des Erfindens; Referent: Michael Siebenbrodt, Weimar

Stadtarchäologe Frank Verse wird neuer Leiter des Vonderau Museums in Fulda

Stabübergabe im Fuldaer Vonderau Museum: Dr. Sabine Fechter hat ihr Amt als Chefin aufgegeben und Dr. Frank Verse den Job übernommen - nicht nur kommissarisch. Seit Dienstag ist es amtlich: Der Stadtarchäologe wird neuer Museumsleiter, wie er exklusiv im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt.

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