Fulda 1909 - 1914: Erstes elektrisches Licht, Fuldaer gewinnt Nobelpreis

20. Juli 2016
Fulda

Siegeszug der Technik von 1909 bis 1914: Der wissenschaftliche Fortschritt verändert das Leben der Fuldaer. 1912 erhellen erstmals Glühbirnen die Geschäfte der Barockstadt. Die Eisenbahn drängt das Pferd zurück, und ein Fuldaer gewinnt den Nobelpreis für Physik.

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan Schoder

Elektrisches Licht, Eisenbahn und neue Kanalisation: Die Fuldaer profitierten Anfang des 20. Jahrhunderts von technischen Errungenschaften. Im 19. Jahrhundert hatte es in der Stadt vermutlich noch mächtig gestunken. Das Abwasser mit Fäkalien wurde bis dahin über offene Rinnen in gemauerte Kanäle geleitet, die in die Waides mündeten. Das sollte 1907 ein Ende haben. Nach vier Jahren waren die Arbeiten für eine neue Kanalisation im Wesentlichen beendet. Fünf Jahre später brannten die ersten Glühbirnen in Fuldaer Geschäften.

Modernisierung der Infrastruktur

Waidesüberbrückung
Überbrückung der Waides im Jahr 1912. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: Julius Cäsar

Die Ankündigung, dass es auch bald in Fulda Elektrizität geben soll, kam bei den Bürgern gut an. Am 2. Februar 1912 gründete sich die „Elektricitätswerk Fulda AG“, die Strom erzeugen und an die Einwohner verteilen sollte. Im Herbst war es schon so weit. Die Fuldaer Zeitung schrieb am 2. Oktober 1912: „Elektrische Beleuchtung kann man seit einigen Tagen in zahlreichen hiesigen Geschäften beobachten.“

Eisenbahn drängt Pferd zurück

Viehmarktplatz
Viehmarktplatz in der Fuldaer Innenstadt (heute: Heinrich-von-Bibra-Platz). / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: Julius Cäsar

Durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes hatte das Geschäft mit Postkutschen extrem gelitten. Dennoch ist die Bedeutung von Pferden nicht zu unterschätzen. Auf dem heutigen Heinrich-von-Bibra-Platz wurden Tiere im großen Stil verkauft. Wegen der Großviehmärkte trug der Platz zu dieser Zeit den Namen: „Viehmarkt“. Im 18. und 19. Jahrhundert war er noch als Kasernenfeld oder Militärfeld bezeichnet worden, da er den dort untergebrachten fürstlichen Leibhusaren als Exerzierplatz diente.

Nobelpreisträger aus Fulda

Ferdinand
Ferdinand Braun erfand die technische Basis fürs Fernsehen. / Archivfoto: dpa

Weltruhm für einen Fuldaer: Ferdinand Braun gewann mit dem Italiener Guglielmo Marconi im Jahr 1909 den Nobelpreis für Physik. Gemeinsam entwickelten sie die drahtlose Telegrafie, mit der die Reichweite von Sendern von etwa 100 auf mehrere 1000 Kilometer erhöht werden konnte.

Braun war 1850 in der Kanalstraße in Fulda geboren worden. Seine Mutter stammte aus Eiterfeld, sein Vater kam aus Bad Hersfeld. Nach dem Abitur am Fuldaer Königlichen Gymnasium studierte er in Marburg. Zu seinen großen Erfindungen gehörte später die „Braunsche Röhre“, die Grundlage für die späteren Fernsehgeräte.

Wachswaren made in Fulda

Wachswalzwerk
Wachswalzwerk mit Kerzenzieherei (1911). / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Mehr als 150 Jahre spielte die Wachsindustrie eine bedeutende Rolle in Fulda. Zwischen der Königstraße und der Straße „Am Rosengarten“ lag ein wichtiger Produzent: die Wachswarenfabrik Rübsam. Firmengründer Carl Rübsam hatte sich 1886 selbstständig gemacht.

Firma expandiert

Kerzengießerei
Kerzengießerei mittels patentierter Tauchmaschine. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Das Unternehmen wurde immer weiter ausgebaut und bot so immer mehr Fuldaern Arbeit. 1905 reichte die Fabrik schon über die gesamte Breite der Straße „Am Hopfengarten“, der Verbindungsstraße zwischen Königstraße und „Am Rosengarten“.

Recht guter Verdienst

Verziererei
Offenbar Frauenarbeit: Verziererei der Wachswarenfabrik Carl Rübsam. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Die christliche Gesinnung Carl Rübsams kam in vielen Punkten zur Geltung. Seine Arbeiter wurden anständig bezahlt, und seine Produkte hießen beispielsweise „Sturmiuskerze“.

Reichsweit waren die Arbeitsbedingungen mit denen von heute aber kaum vergleichbar. Die durchschnittliche Arbeitszeit lag 1914 bei 57 Stunden pro Woche. In den Jahrzehnten zuvor war sie noch viel höher. Im Jahr 1872 belief sie sich auf 72 und im Jahr 1900 auf 62 Stunden pro Woche.

Papst zeichnet Rübsam aus

Büroräume
Anscheinend Männerarbeit: Büroräume der Wachswarenfabrik. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Der Unternehmer Carl Rübsam ließ viele andere Menschen an seinem Wohlstand teilhaben. Für seine Wohltätigkeit wurde er sogar von Papst Pius X. ausgezeichnet, der von 1903 bis 1914 Kopf der katholischen Kirche war. Doch dem Kerzenfabrikanten wurde noch mehr Ehre zuteil: Pius X. ernannte ihn später zu seinem Hoflieferanten. Die Fabrik produzierte bis zum Jahr 1952.

Der Weg in die Katastrophe

Fulda
Die letzten Jahre im Frieden: Fulda vom Kalvarienberg aus mit Blick auf den Dom (um 1910). / Foto: Stadtarchiv Fulda, Fotograf Springorum, Gustav

Die Länder des europäischen Kontinents steuerten auf eine große Auseinandersetzung zu, die später von Historikern als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde: der Erste Weltkrieg (1914-1918). Auch in Fulda zeigte sich in vielen Bereichen ein starker Militarismus.

So mussten 1913 die Abiturienten der Oberrealschule (heute: Freiherr-vom-Stein-Schule) bei ihrer Reifeprüfung folgende Frage beantworten: „Wozu bedarf Deutschland einer starken Kriegsflotte?“ Die Flottenpolitik, mit der das Deutsche Reich Großbritannien herausforderte, war mit ein Grund, wieso der Krieg 1914 zu einem Weltkrieg eskalierte, der auch nach Fulda unglaubliches Leid brachte.

Hier geht es zum vorigen Teil unserer Serie:
Fulda 1900 - 1910: Bauboom und Dom in Flammen



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Online Recherche: Stadt Fulda

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