Gedenkort für jüdische Mitbürger in Wüstensachsen feierlich übergeben

13. Mai 2014
Wüstensachsen

Mit einer ergreifenden Feierstunde hat der Rhönklub Wüstensachsen einen von Bildhauer Johannes Kirsch geschaffenen Gedenkort für die von den Nazis vertriebenen oder ermordeten jüdischen Wüstensachsener Bürger der Öffentlichkeit übergeben. Zwischen Rathaus und Kirche gelegen, soll der Ort an ein 300-jähriges konfliktarmes Miteinander von Christen und Juden im Ulstertal erinnern.

Vor mehr als 70 Zuhörern gab der Erste Beigeordnete der Gemeinde Ehrenberg, Hubert Hocke (SPD), einen Überblick über die Entstehung des Projektes, das viele Jahrzehnte nach dem Ende der jüdischen Gemeinde ein Zeichen setzen will.

Hocke erinnerte an die Initiative des örtlichen Rhönklub-Zweigvereins, im Zusammenhang mit der Aufnahme des Themas "Judentum in der Rhön" die Schirmherrschaft zur Errichtung eines Gedenkortes zu übernehmen. Der war von einem anonym bleiben wollenden Sponsor bei dem aus dem Ort stammenden Bildhauer Johannes Kirsch (Petersberg) in Auftrag gegeben worden. Dem Spender gebühre Dank und Anerkennung für ein Werk, das auffordere: "Nicht vergessen, Achtung, Respekt, Erinnerung."

Anschaulich erweckte Margitta Knacker–Köhler das jüdische Leben um 1930 in ihrem Heimatort unter Einbeziehung von Namen und Berufen, Religionsausübung und Festen zum Leben. Erschütternd war die Nennung der Familien, die ermordet wurden, durch die Hinzufügung von Namen und Alter ihrer Kinder. Die Rednerin, die sich bereits in einer Schrift mit dem Schicksal jüdischer Wüstensachsener befasst hatte, schloss mit einem Teil eines Zitats von Richard von Weizsäcker: "Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird."

"Nur wer sich Vergangenes bewusst macht, kann die Zukunft lebenswert gestalten", schloss der sichtlich gerührte Künstler Johannes Kirsch seine Ansprache. Als ein 1930 geborener Wüstensachsener, der "noch viele Erinnerungen an unsere jüdischen Mitbewohner" hat freute sich der Künstler, "dass gerade ich in der Mitte meines geliebten Heimatdorfes diesen Gedächtnisort schaffen durfte".

Notburga Klüber bezeichnete die Gedenkstätte als einen geschichtsträchtigen Ort, da genau auf diesem Platz seit 1732 die erste Schule des Dorfes gestanden habe, in der christliche und jüdische Wüstensachsener Kinder über lange Zeit gemeinsam unterrichtet worden seien. Die Namen zahlreicher jüdischer Mitglieder des Rhönklub-Zweigvereins Wüstensachsen nannte dessen Vorsitzender Lothar Schmitt, weshalb sein Verein auch die Schirmherrschaft übernommen habe.

Inge Hohmann erinnerte an Dr. Herbert Löbl und seine Familie, dem es zu verdanken sei, dass die Noten für die originale, nur in Wüstensachsen gesungene Synagogalmusik zurückgekehrt seien: Linde Weiland (Fulda) sang den jüdischen Kaddisch, ein Totengebet, ganz so, wie er einst in der örtlichen Synagoge erklungen war, bevor sie später mit dem Lied eines KZ-Opfers Hoffnung vermittelte.

Die Einladung zu einer Kaffeetafel im Bürgerhaus wurde gerne von vielen Besuchern angenommen.