Heftiger Streit über Weider-Bauprojekt: „Giftschredder“ contra „Panikmache“

06. Juni 2018
Eichenzell

Weider-Projekt

So emotional wurde in Eichenzell lange nicht mehr über ein Bauprojekt gestritten. Die Gemeinde möchte das Unternehmen Weider-Erdarbeiten, das Bauschutt und Böden aufbereitet, vom Industriepark Rhön in Welkers an die A 66 bei Löschenrod umsiedeln. Anwohner protestieren heftig. Bürgermeister Dieter Kolb (parteilos) wirft Kritikern vor, diese arbeiteten oft nicht mit Fakten, sondern mit Emotionen.

Von unserem Redaktionsmitglied Volker Nies

Der Ausgangspunkt

Die Umsiedlung geht auf einen Wunsch der Gemeinde Eichenzell zurück. Sie will das heute von Weider genutzte Gelände im Industriepark Rhön für Technologiefirmen nutzen.

Weider-Erdarbeiten darf im Jahr bis zu 2000 Tonnen Bauschutt der Gefahrenklasse Z 1.2 aufbereiten. 2014 erweiterte Mike Weider seinen 22-Mitarbeiter-Betrieb und beantragte, die Menge auf 25 000 Tonnen zu erhöhen. „Die Erweiterung wäre genehmigt worden“, sagt Kolb. Doch die Gemeinde bat Weider, an die A 66 umzuziehen. Der Unternehmer stimmte zu. Die Gemeindevertreter billigten im Herbst 2015 im Grundsatz einen Umzug in das geplante Industriegebiet „Im Oberfeld“ an der A 66.


Die Stoffe

Die Firma verarbeitet heute Stoffe der Gefahrenklasse Z 1.2 – Bauschutt sowie Böden, die von Natur aus belastet sind. Stoffe der Klasse 1.2 dürfen in sehr geringem Maße unter anderem Schwermetalle wie Arsen, Blei, Cadmium und Quecksilber enthalten. In Zukunft will Weider auch Material der Gefahrenklasse Z 2 verarbeiten. Bei Z 2 liegen bei Böden die erlaubten Werte rund dreimal so hoch, bei Bauschutt aber nur wenig höher oder gleich hoch wie bei Z 1.2. Weider will 20 000 Tonnen Z 2-Material und 80 000 Tonnen Z 1.2-Material verarbeiten. Selbst Z 2-Material ist nicht deponiepflichtig und kann – etwa unter einer Industriehalle – eingebaut werden.

Das Verfahren

Damit Weider in Löschenrod bauen darf, müssen zwei Ebenen zustimmen: Die Gemeindevertretung muss einen Bebauungsplan aufstellen und dabei an der A 66 ein Gewerbe- oder Industriegebiet ausweisen. Die Gemeindevertretung ist in ihrer Entscheidung frei: Sie kann die Aufstellung aus politischen Gründen ablehnen. Hat die Gemeinde den Bebauungsplan aufgestellt, prüft das Regierungspräsidium den Bauantrag nach Immissionsrecht. Das heißt: Erfüllt Weider alle gesetzlichen Auflagen, kann das Regierungspräsidium den Antrag nicht ablehnen.

Die Kritiker

An der Spitze der Kritiker stehen Anlieger Harald Friedrich und weitere acht Anwohner, die einen Frankfurter Anwalt eingeschaltet haben. Einer dieser Anlieger arbeitet in führender Position bei einem Mitbewerber Weiders, was Weider mit Misstrauen sieht. Doch der betroffene Anlieger sagt, sein Wohnort in der Nähe zum geplanten Brecherstandort, nicht die Konkurrenz habe zu seiner Ablehnung geführt. Alle versichern, sie wollten, dass Weider bauen dürfe – aber an einem anderen Standort.

Die Kritik

„Die Nachbarorte, wegen der Hauptwindrichtung aus Westen vor allem Eichenzell, werden zusätzlich mit Schwermetallen, Schwebstoffen und Lärm belastet“, klagt Anwohner Roger Rothmann. Selbst wenn alle Grenzwerte eingehalten würden, hätten die Stoffe und der Lärm langfristig schädliche Folgen für die Anlieger. „Die Frage ist nicht, was rechtlich zulässig ist, sondern, was gut ist für die Bürger. Gut ist, auf den Bau an der A 66 zu verzichten“, sagt Thomas Stey. Selbst wenn die Gemeindevertreter dem Projekt zustimmten, werde die Kritik nicht aufhören, warnt Friedrich: „Die neue Brecheranlage würde zum ständigen Streitpunkt.“

Der Bürgermeister

Dieter Kolb befürwortet den Umzug der Firma an die A 66. Er bittet die Kritiker um einen fairen und sachlichen Blick auf die Gefahren. „Die Anlage hat praktisch keine Auswirkungen auf Wohngebiete“, sagt er. Er erklärt unter Berufung auf Experten: Selbst bei Volllast und ständig ungünstiger Windrichtung komme in der Wohn-Nachbarschaft nur ein Zehntausendstel der Schwermetall-Menge an, die der Arbeitschutz bei einem Mitarbeiter erlaube, der 30 Jahre lang in der Brecheranlage arbeite.

Auch die Schwebstoff-Belastung sei minimal: Am Eichenzeller Ortsrand erhöhe sich die Belastung um 0,9 Mikrogramm Staub pro Kubikmeter. Zum Vergleich: An der Petersberger Straße in Fulda werden im Schnitt 22 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen. Beregnungsanlagen bänden viel Staub. Material der Gefahrstoffklasse Z 2 werde nur überdacht gelagert. Die gesamte Fläche werde asphaltiert.

Bei der Lärmbelastung argumentierten die Gegner mit Werten, die direkt an der Anlage gemessen werden. „An den Wohnhäusern kommen nur 42 Dezibel an“, sagt Kolb. Das ist ein Wert zwischen der Lautstärke leiser Musik und Wohnungsgeräuschen.

Die Gemeinde habe großes Interesse an der Umsiedlung von Weider-Erdarbeiten, um den Industriepark Rhön weiterzuentwickeln. Der neue Standort an der A 66 sei dafür gut geeignet. „Zu wissen, dass die Belastung für die Anwohner praktisch nicht wahrnehmbar ist, macht die Entscheidung für die Ansiedlung an der A 66 noch leichter“, sagt Kolb. Er gibt zu bedenken, dass jede Ansiedlung eines Gewerbebetriebs im geplanten Industriegebiet „Im Oberfeld“ die Nachbarn berühren werde.

Kolb hofft, dass er die Gemeindevertreter in den nächsten Wochen mit seinen Argumenten überzeugen kann. Das hoffen die Gegner des Projekts allerdings auch.

Die Fraktionschefs wollen, dass die Gemeindevertreter in der Sitzung am 23. März entscheiden. Vorher soll eine öffentliche Info-Veranstaltung mit wichtigen Beteiligten und Experten stattfinden. Ort und Datum sind noch offen.

Hintergrund:
Mit einem Flugblatt hat der frühere SPD-Gemeindevertreter Harald Friedrich vor einer Woche Schärfe in die Diskussion gebracht. Er arbeitet in dem Teil Eichenzells, der dem Anlagenstandort am nächsten liegt.

In seinem Flugblatt nennt Friedrich die Anlage „Giftschredder“, die Staubemissionen stellt er mit Totenkopf und Gasmaske als
Giftwolke dar. Bürgermeister Kolb wirft ihm deshalb „unverantwortliche Panikmache“, das „Schüren von Emotionen“ und das „Herstellen falscher Zusammenhänge“ vor.

Friedrich weist die Kritik zurück. Die Darstellung sei zwar „etwas überzeichnet“, aber er spiele nicht mit den Ängsten den Bürger, sondern er habe Angst – Angst um seine Gesundheit. Sein Büro liege in der Hauptwindrichtung der Brecheranlage der Firma Weider. Schwermetalle würden dann von der Anlage nach Eichenzell geweht, selbst wenn alle Grenzwerte eingehalten würden.

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