Helga Beier: Mit viel Mut und Glück in den Westen

03. Dezember 2019
Fulda

Manche Menschen erleben Schicksalsschläge und Ereignisse, die für mehrere Leben ausreichen würden – wie etwa Helga Beier. Die 89-jährige Fuldaerin schrieb ein Buch über ihr ergreifendes Leben. Ein Kapitel widmete sie ihrem Fluchtversuch in der DDR.

Von unserem Redaktionsmitglied Nadine Buß

„Aus einer Kurve heraus kam mir plötzlich eine russische Patrouille entgegen. Ich wollte mich noch schnell in die Büsche schlagen, aber sie hatten mich schon gesehen und zerrten mich mit vorgehaltenem Gewehr auf die Straße zurück. Ich glaubte, dass mein letztes Stündchen nun geschlagen habe. Sie stießen mir ihre Gewehrkolben in die Seite und deuteten an, dass ich mitgehen müsse.“ Ihren Fluchtversuch aus der DDR hat Helga Beier für immer festgehalten – und zwar in ihrem Buch, das den Titel „Stationen eines Lebens – eine Dokumentation von Helga Beier“ trägt.

Auf insgesamt 45 Seiten schildert Beier ihre persönlichen Erlebnisse. Darunter: ihre Kindheit in der sachsen-anhaltischen Heimatstadt Quedlinburg, ihre Jugend im Dritten Reich, ihre Flucht aus der DDR sowie ihren späteren Versuch, wieder in der Heimat Quedlinburg Fuß zu fassen.

Das Buch über ihre Erlebnisse ist allerdings in keinem Verlag erschienen und deshalb nicht käuflich zu erwerben.

Flucht im zweiten Anlauf

Die Flucht gelang ihr jedoch erst im zweiten Anlauf. Beim ersten Mal im Jahr 1949 schaffte es Helga Beier – wie in diesen Auszügen des Kapitels „Die Grenzgängerin“ zu lesen ist – nicht. „Diese Stunde, die ich im dunklen Wald zwischen zwei russischen, bewaffneten Soldaten laufen musste, werde ich niemals vergessen“, schildert die heute 89-Jährige. „Sie hätten mich vergewaltigen oder umbringen können.“

Nun hatte sie ganz andere Sorgen, als ihren Weg nach Marburg zu bestreiten. In der westdeutschen Stadt lebte ihre Mutter Magdalene Biskaborn nach der Trennung von ihrem Mann. Sie war erkrankt und benötigte in einer Konditorei die Hilfe ihrer Tochter.

Von russischer Patrouille aufgegriffen

Ihr Vater, Kurt Biskaborn, der eine Bäcker- und Konditorei in Quedlinburg unterhielt, hatte für die Überführung nach Marburg zuvor einen Lotsen beauftragt. Doch am Grenzgebiet Ellrich und Walkenried im Harz wurde die damals 19-Jährige von dem Lotsen mit folgenden Worten zurückgelassen: „So, jetzt kannst du alleine weiter gehen. Ich muss heute Nacht noch eine weitere Gruppe rüber bringen, sonst schaffe ich das zeitlich nicht mehr.“ Wenig später wurde sie von der russischen Patrouille aufgegriffen.

Ein Bauer lieferte sie aus

Trotz Todesangst war Helga Beier mutig genug, an der Seite der Soldaten einen weiteren Fluchtversuch zu unternehmen. „Nach einer Ewigkeit sah ich die ersten Hausdächer blinken, und wieder machte ich einen großen Fehler. Ich spurtete auf den ersten Bauernhof zu, riss das Haustor auf und wollte mich dahinter verstecken. Sofort sprang mir ein großer Hund entgegen, der mich anbellte und die Zähne fletschte“, schreibt Beier, die in der Falle saß. „Schon kam der Bauer aus dem Haus und schrie mich an: ‚Mach dich ab von meinem Hof!‘“ Als er die Soldaten sah, lieferte er Helga Beier aus.

„Ich hatte einen Schutzengel“

Daraufhin wurde sie in einem Kellerraum, vermutlich in der „Kommandantur der Russen“, eingesperrt. Doch Beier hatte einen Schutzengel, wie sie sagt, denn: „Dann kam plötzlich jemand die Treppe herunter. Mein Herz klopfte bis zum Hals, ich wagte kaum zu atmen. Ein Soldat hatte eine alte Matratze unterm Arm und ein Kochgeschirr mit Suppe in der Hand. Sein Gesicht sah milde aus, und ich hatte keine Angst vor ihm. Er deutete an, dass er mich einschließen werde.“ Wie sich später herausstellte, war es gut, dass der Mann die Tür verriegelte. Er ahnte vermutlich, was Helga Beier andernfalls bevorgestanden hätte.

Die Russen feierten an dem Abend ausgelassen. In ihrem Buch ist dazu zu lesen: „Der anfängliche Gesang ging in ein Brüllen und Grölen über (...) Dann kamen sie die Treppe hinunter! Lachend und fluchend rüttelten sie an der Tür.“ Wie gut, dass abgesperrt war.

Seit 1957 in Fulda

Am nächsten Tag wurde Helga Beier in den Osten entlassen und kehrte zu ihrem Vater zurück. Jahre später hatte die Quedlinburgerin einen weiteren – erfolgreichen – Versuch unternommen, die Grenze zu überschreiten. Die Republikflüchtige wohnte daraufhin für einige Jahre in Marburg. 1957 zog sie dann mit ihrem Mann nach Fulda, wo sie bis heute gerne lebt.

Trotz der Ereignisse überrascht Beier während des Interviews durch ihre positive Art. Wie sie mit all dem fertiggeworden ist? „Das Schreiben hat mir geholfen, diese Geschichten zu verarbeiten. Außerdem hat mich meine große Leidenschaft – das Tischtennisspielen – fit gehalten“, erzählt sie stolz. Beier nahm an mehreren Weltmeisterschaften teil. Diese Geschichte steht jedoch in einem anderen Kapitel.

Anzeige
Anzeige