Kardinal Müller eröffnet 14. Kongress „Freude am Glauben“
(Jetzt mit Video)

25. Juli 2014
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Fulda

Kardinal Gerhard Ludwig Müller aus Rom, der Präfekt der Glaubenskongregation, feiert heute im Fuldaer Dom ab 13.30 Uhr den Eröffnungsgottesdienst beim 14. Kongress „Freude am Glauben“. Wir haben die Predigt im Wortlaut.

Der Kongress findet vom 25. bis 27. Juli in Fulda statt. Er wird vom Forum Deutscher Katholiken veranstaltet und ist in diesem Jahr „Der Mensch ist gefährdet – was rettet ihn?“ überschrieben.

Die Predigt im Wortlaut (Es gilt das gesprochene Wort!):

“Liebe Brüder und Schwestern!

Wenn uns heilige Liturgie ein Apostelfest feiern lässt, werden wir an die grundlegende Bedeutung der zwölf von Jesus erwählten Apostel erinnert. Die Kirche ist nicht eine von Menschen ersonnene und nach menschlichem Kalkül organisierte Gesellschaft. Sie ist in Christus das Volk Gottes als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Das Passwort zum Verständnis der Kirche lautet nicht “angepasst an die Welt”, sondern passend zum universalen Heilswillen Gottes in Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der das Sakrament des Heils für die Welt ist (vgl. Lumen gentium 1; 48). Die gläubigen Christen sind, wie es im Brief an die Epheser heißt, “Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammen gehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut” (Eph 2,19ff). Die Kirche ist apostolisch, weil sie am Glaubensbekenntnis und an der Lehre der Apostel festhält und weil sie über die Nachfolger der Apostel im Bischofsamt lebendig-organisch mit ihrem Ursprung in der geschichtlichen Offenbarung Gottes in Jesus Christus verbunden bleibt.

Der heilige Apostel Jakobus der Ältere, der erste Märtyrer unter den zwölf Aposteln, wird in Santiago de Compostela verehrt. Millionen von Pilgern aus ganz Europa waren und sind unterwegs auf dem beschwerlichen und gefährlichen Weg zum finis terrae, um auf das Zeugnis der Apostel hin in Gott das Ziel ihres Lebens, das finis vitae, zu finden. Jakobus war mit seinem Bruder Johannes und mit Petrus Zeuge der Verklärung und des Gebetes Christi am Ölberg. Im Kreis aller Apostel sah er den auferstandenen und verklärten Herrn, der ihnen an Ostern erschien. In der Kraft des Heiligen Geistes, der auf die Apostel und die ganze Kirche an Pfingsten ausgegossen wurde, vernahm und befolgte er den Auftrag Christi, zu allen Menschen zu gehen, ihnen das Evangelium zu verkünden und sie durch die Taufe zu Jüngern zu machen.

Von seinem Schicksal und Tod erfahren wir dann in der Apostelgeschichte: “Um jene Zeit ließ der König Herodes einige aus der Kirche verhaften und foltern. Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert hinrichten” (Apg 12,1ff). Im Anschluss daran heißt es, dass Herodes auch Petrus verhaften ließ, als er sah, dass die Verfolgung der Kirche und der Mord an einem Apostel Christi bei den Gegnern Schadenfreude ausgelöst hatte. Aber Petrus wurde durch Gottes Eingreifen wunderbar errettet. Die göttliche Vorsehung führte ihn nach Rom, wo er “Gott durch seinen Tod verherrlichen sollte” (Joh 21,19), wie es ihm der auferstandene Herr vorhergesagt hatte. So gehört zur apostolischen Gestalt der Kirche die Verbindung mit der römischen Kirche und ihrem Bischof, dem Nachfolger des Apostels Petrus. Auf diese Weise bleibt die Vielheit der Kirchen mit ihren Bischöfen an der Spitze nicht ohne das konkrete Prinzip und Fundament ihrer sichtbaren universalen, das heißt katholischen Einheit und Gemeinschaft.

Mit dem Zeugnis ihres Blutes besiegelten die Apostel das Zeugnis des Wortes. Die Kirche bleibt nicht auf der Ebene von Ideen und Idealen, gleichsam unberührt von der Not der Endlichkeit, des Leidens und des Todes. Aufgrund der Inkarnation ist sie ge-erdet im wahrsten Sinn des Wortes. Das Kreuz Christi steht fest auf Golgata und nur in ihm gibt es die Überwindung von Sünde und Tod und aller Diabolik von Lüge und Mord. So wie sie in der blutigen Realität des Kreuzestodes als Kirche des neuen und ewigen Bundes gestiftet ist von Christus, ihrem Haupt und dem Erlöser aller Menschen, so wird sie immer in der Nachfolge des gekreuzigten und auferstandenen Herrn ihren Pilgerweg auf Erden gehen zwischen den Tröstungen Gottes und den Verfolgungen der Welt, zwischen ihrer unzerstörbaren Sendung von Gott her und den menschlichen Schwächen und Sünden in ihren eigenen Reihen, wie es der heilige Augustinus so einprägsam formuliert hat ( De civ. Dei 18,51,2).

Die Mutter der beiden Apostel Jakobus und Johannes ist mit ihrer Bitte um die besten Plätze für ihre Söhne im Reich Gottes durchaus sympathisch. Sie will doch nur das Beste für ihre Söhne. Aber die Herrlichkeit des Reiches Gottes kann nur auf dem Weg Jesu, des gedemütigten, verspotteten, leidenden, gekreuzigten und getöteten Herrn erreicht werde. Das ist gemeint, wenn es heißt, dass wir auf den Tod des Herrn getauft werden und mit ihm den Kelch des Leidens trinken müssen (vgl. Mt 20,23). Die Gottesherrschaft ist das Gegenteil der Weltherrschaft des Teufels und aller seiner Genossen, der Tyrannen, Ausbeuter, Menschenhändler, der Verführer zum Abfall von Gott, vom Glauben, vom Sittengesetz und all der Spötter auf die Gottes- und Nächstenliebe. Wer in Glaube, Hoffnung und Liebe als Christ dem Herrn nachfolgt, wer als Priester und Bischof den Dienst des Hirten in der Kirche ausübt, muss sich von der Logik Gottes und nicht von der Vernunft der Welt und ihren Maßstäben leiten lassen. Das Reich Gott kommt in diese Welt und verwandelt den Egoismus der Menschen in Liebe und Hingabe für andere, wenn wir Jesus gleich werden, “der gekommen ist, um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele” (Mt 20,28).

In den Augen der Menschen sind die Apostel Christi Toren. Sie erobern die Welt nicht mit Geld, Propaganda und imperialer Gewalt. Ihre Macht ist ganz anderer Art, weil sich der Herr in der Schwachheit und Leidensbereitschaft der Seinen als der Starke erweist. Das Evangelium wird deshalb nicht mit den überwältigenden und betörenden Insignien irdischer Macht und messbarer Effizienz verkündet. Wir stehen entschieden zur Freiheit der Glaubens, die mit Zwang nicht vereinbar ist. Wir möchten den Menschen mit großer Ehrfurcht vor ihrem Gewissen helfen, dass sie freiwillig Gott über alles lieben und den Nächsten lieben wie sich selbst.

Statt mit Raketen und Panzern, mit raffinierter Rhetorik und Manipulation, statt mit Eisen und Stahl kommen wir Apostel mit den zerbrechlichen Gefäßen unserer Gebrechlichkeit und Schwäche. Aber in der Schwachheit der Kirche ist “der Schatz der Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi” erhalten. “So wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt” (2 Kor 4,7). Und wie aktuell sind die Worte des Apostels Paulus angesichts der weltweiten Christenverfolgung: “Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum, wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind dennoch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird” (2 Kor 4,8-10).

Aber warum ziehen wir uns nicht in eine verweltlichtes Christsein zurück, verwandeln die Kirche in einen humanitären Sozialkonzern, verbergen die Glaubens- und Sittenlehre ins Kleingedruckte und präsentieren uns als smarte Gutmenschen, die niemanden stören? Warum geben wir uns nicht ein neues Outfit, um endlich als aufgeklärt, neuzeitlich, menschennah und dialogbereit willkommen geheißen zu werden im Club der Ton angebenden und Platz anweisenden Meinungsführer dieser Welt? Ja, die Antwort ist einfach. Weil der Geist Gottes sich nicht in die engen Schubladen des weltlichen Denkens, des Denkens ohne Gott zwingen lässt. Wir wollen lieber mit Maria unter dem Kreuz stehen als mit den Spöttern an ihm vorbeigehen!

Wir sind davon überzeugt, dass Menschen niemals Menschen retten können. Der Herr allein ist unser Erlöser. Daran glauben wir wie die Apostel, das verkünden wir freimütig wie die Apostel. “Denn wir wissen, dass der, welcher Jesus, den Herrn, auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und uns zusammen mit euch vor sein Angesicht stellen wird. Alles tun wir euretwegen, damit immer mehr Menschen aufgrund der überreich gewordene Gnade den Dank vervielfachen, Gott zur Ehre” (2 Kor 4,14).

Krise des Menschen, Krise des Glaubens und Krise der Kirche ist sicher eine Kategorie zur Situationsbeschreibung der globalisierten Welt von heute. Aber biblisch meint Krise auch Zeit der Unterscheidung, der Neugewinnung der Urteilsmaßstäbe für unsere Überzeugungen und Handlungen, der klaren Abgrenzung der Lüge von der Wahrheit und des Bösen vom Guten. Unsere Antwort auf die Säkularisierung des Denkens, die Entchristlichung und die Aushöhlung der kulturellen und ethischen Identität Europas, die Entfremdung vieler Getaufter von Gott, vom Evangelium und von der Kirche ist nicht der Rückzug und schon gar nicht die Resignation.

Wir brauchen auch nicht Werbe-Agenten oder Verkaufs-Strategen anzuheuern, große Programme zu erfinden oder einen Maßnahmenkatalog uns auszudenken. Es ist viel einfacher – und zugleich viel fordernder. Jesus hat bei der Berufung von Simon und Andreas, von Jakobus und Johannes gesagt: „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten IHM“ (Mt 4,19).