Keine Lust auf Ehelosigkeit – Wo Pfarrer wegen des Zölibats aufgeben

15. April 2019
Fulda

Über die Sexualmoral in der katholischen Kirche und besonders den Zölibat ist zuletzt verstärkt diskutiert worden. Das Eheverbot beschäftigt auch Hessens Bistümer – vor allem, wenn sich Geistliche nicht mehr daran halten wollen. 2018 gab es zwei Fälle in der Region.

Von Jörn Perske, dpa

In hessischen Bistümern haben zuletzt mehrere Geistliche der katholischen Kirche ihr Priesteramt wegen des Zölibats aufgegeben. Das trifft die Kirche besonders hart, weil sie ohnehin chronisch unter Priestermangel leidet. In einer Umfrage, die die Deutsche Presseagentur (dpa) in Auftrag gegeben hat, nennen die Bistümer Fulda, Limburg und Mainz ihren Personalverlust in den vergangenen Jahren aufgrund des Zölibats.

Vier Pfarrer gingen im Bistum Fulda

Im Bistum Fulda haben in den vergangenen fünf Jahren (seit Jahresbeginn 2014) vier Geistliche das Priesteramt aufgegeben – aufgrund des Zölibats. Betroffen waren die Gemeinden Petersberg, Schlüchtern, Vellmar (Landkreis Kassel) und Schleid (Wartburgkreis).

„Im Vergleich zum Fünf-Jahres-Zeitraum davor kann man von einer Zunahme sprechen“, sagte Bistumssprecher Christof Ohnesorge und deutete auf ein wachsendes Problem hin. Doch es sei kein rein osthessisches Phänomen: „Wir sehen einen Trend in der Gesellschaft, in der treues Festhalten an einem Beruf oder einer Lebensweise nicht mehr durchgehalten wird, so zum Beispiel auch bei Ehescheidung. Man könnte von ,fragmentiertem Lebenslauf‘ sprechen.“

Fälle in Schlüchtern und Petersberg

Pfarrer Dr. Lech Kowalewski hatte Ende Juli 2018 bekanntgegeben, dass er sein Priesteramt in Schlüchtern niederlegt. In der Messfeier wurde ein Schreiben vorgelesen, in dem es hieß, dass er „die zölibatäre Lebensform nicht mehr weiterführen möchte.“

Kurz zuvor hatte in Petersberg Pfarrer Jan Kremer für Aufsehen gesorgt, als er seinen Amtsverzicht verkündete. In einem Gemeindebrief erklärte er, dass er die zölibatäre Lebensweise nicht mehr durchhalten könne und wolle. „Nach reiflicher Überlegung und innerer Prüfung werde ich mein Leben in Zukunft an der Seite einer Frau verbringen“, erläuterte er an die 5500 Gemeinde-Mitglieder der Pfarreien St. Peter und St. Paulus gerichtet.

Der neue Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber will am Zölibat nicht rütteln. Geistliche würden damit dem Beispiel Christi folgen. Zudem betonte er: Die Ehelosigkeit führe nicht in die Einsamkeit, sondern in die Gemeinschaft. Aber bei dem Thema sei eine „große Baustelle“ entstanden: „Wie können wir vermitteln, dass diese Lebensform der Ehelosigkeit eine Lebensform ist, die gemeinschaftlich gelebt wird?“

Doch wie geht es eigentlich weiter, wenn ein Geistlicher sein Amt in solch einem Fall niederlegt? Der Fuldaer Bistumssprecher Ohnesorge sagte: „Es gibt bis zu drei Monate lang noch ein Gehalt, danach gegebenenfalls ein Darlehen für eine Aus- oder Fortbildung. Im Einzelfall wird auch Hilfestellung bei der Suche einer neuen beruflichen Tätigkeit gegeben.“

Der Zölibat und sexueller Missbrauch

Der Zölibat ist umstritten. Angefacht wurde die Diskussion jüngst bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. Ihr Vorsitzender Reinhard Marx sagte mit Blick auf den Zölibat, es müsse die Frage erlaubt sein, ob verheiratete Priester in der katholischen Kirche die absolute Ausnahme bleiben müssten.

Bei der Sexualmoral gebe es „einen außerordentlichen Gesprächsbedarf“, befand der Münchner Kardinal. „Man kann das nicht mit einem Tabu belegen, weil man sagt, das gibt eh nur Streit.“ Papst Franziskus hatte erst kürzlich erklärt, dass der Zölibat nicht „optional“ sein könne, Ausnahmen aber nicht komplett ausgeschlossen seien.

Marx sagte bereits in der Debatte über den Zölibat: Dieser sei zwar keine Ursache für sexuellen Missbrauch in der Kirche. Allerdings kann ein Leben in der Ehelosigkeit kombiniert mit bestimmten Schwächen einer Person seiner Ansicht nach zum Problem werden.

Eine große Mehrheit von 72 Prozent der Deutschen hält einer Umfrage zufolge dagegen das Eheverbot katholischer Priester für eine Ursache von sexuellem Missbrauch. 14 Prozent glauben das nicht, und 13 Prozent machten keine Angaben.

Mehr als vier Fünftel (82 Prozent) sind dafür, den Zölibat abzuschaffen, so dass katholische Priester selbst entscheiden dürfen, ob sie heiraten oder nicht. Das ergab eine im Februar veröffentliche Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken als Vertretung der Laien forderte als Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal die Abschaffung.