Königreiche und Adelshäuser in Stein gemeißelt

30. November 2019
Jossa

Was haben alte Grenzsteine, die irgendwo in der Landschaft stehen, heute eigentlich noch zu sagen? Diese Frage stellte sich Matthias Schweimer, bevor er im Jahr 2015 damit anfing, die Standorte von Grenzsteinen in der Gemarkung Jossa zu dokumentieren.

Herbst und Winter sind die ideale Zeit, um auf die Suche nach Grenzsteinen zu gehen, weiß Matthias Schweimer. „Wenn die Bäume nicht mehr belaubt sind, sieht man sie besser.“ Der 37-Jährige ist seit 2018 Obmann für Grenzsteine und hat in den vergangenen Jahren die Gemarkungen Jossa und Hosenfeld erkundet. Die Arbeit verrichtet er ehrenamtlich: „Das Alte reizt mich generell. Grenzsteine interessieren mich, weil ich an ihnen vorbei laufe und mich frage, warum sie gerade dort stehen und was darauf zu finden ist. Sie sind quasi Kleindenkmäler.“

Grenzsteine liegen versteckt

Um die Grenzsteine untersuchen zu können, muss Schweimer sie aber erst einmal finden. Und das ist trotz Kartenmaterial, an dem er sich orientiert, nicht immer einfach: „Manche sind zugewachsen oder sind irgendwann versetzt worden, weil ein Grundstückseigentümer vor 100 oder 200 Jahren damit ein paar Meter Land mehr hatte. Einen haben wir mal ausgegraben, der war 50 Zentimeter tief im Boden.“

Steine aus dem 16. Jahrhundert

Die Funde reichen in die Jahrhunderte zurück, eine der ältesten Generationen von Grenzsteinen stammt laut Schweimer aus dem 16. Jahrhundert. Die Steine dienten als Landes-, Regierungs- oder Konfessionsgrenze, etwa zwischen Katholiken in Fulda und Protestanten im Vogelsberg. Diese Funktion erfüllen sie noch heute, im Bereich Hosenfeld beispielsweise mit der Markierung der Grenze zwischen den Landkreisen Vogelsberg und Fulda.

Wappen und eine Rille

Manchmal zieren Wappen von Adelsgeschlechtern wie derer von Boyneburg oder Abkürzungen die Front der Steine, etwa „KP“ für „Königreich Preußen“. An der Oberseite der Steine findet sich zudem eine kaum erkennbare Rille, die sogenannte Weisung. Sie zeigt die Richtung des Grenzverlaufs an, an der der Stein steht.

Online einsehbar

Findet Schweimer ein Exemplar, befreit er es von Moos und anderen Ablagerungen und gleicht den Fundort per GPS mit den Angaben auf seiner Karte ab. Dann wird dokumentiert: Schweimer fertigt Fotos an, vier pro Stein, eines für jede Himmelsrichtung. Gemarkung, Flur und Flurstück des Fundortes werden in eine Datenbank eingetragen. Über diese, so Schweimer, sollen einmal alle erfassten historischen Grenzsteine online abrufbar sein.

90 Prozent hat Schweimer gefunden

Insgesamt 69 Steine habe er in Jossa gefunden – das entspricht 90 Prozent der Grenzsteine, die auf den Karten der Gemarkung verzeichnet sind. Die restlichen Steine konnte der Ehrenamtliche nicht ausfindig machen. „Es kommt auch immer mal wieder vor, dass Grenzsteine von irgendjemandem mitgenommen werden“, weiß Schweimer. Im August 2002 hatte unsere Zeitung über einen kuriosen Fall berichtet. Damals hatte ein Hosenfelder, der sich der Bedeutung von Grenzsteinen nicht bewusst war, einen solchen gefunden – und ihn dekorativ in seiner Hofeinfahrt platziert.

Pfiffiges Prüfsystem

Um die korrekte Position eines Grenzsteins jederzeit prüfen zu können, ließen sich die Menschen der damaligen Zeit ein pfiffiges System einfallen: „Beim Setzen des Steins vergrub man eine Tonscherbe, eine Münze oder ähnliches im Boden. Davon wussten aber nur die, die den Stein gesetzt hatten.“

Nachdem Schweimer die Gemarkungen Jossa und Hosenfeld vollständig „abgegrast“ hat, sucht er nun in Blankenau nach Grenzsteinen. Hilfe von Ehrenamtlichen ist ihm dabei jederzeit willkommen.

Wer Interesse hat, Obmann für historische Grenzsteine zu werden, der kann sich bei Bernd Kaiser unter der Telefonnummer (06 61) 83 11 14 melden. Das Ehrenamt kann jeder ausüben, der gut zu Fuß ist, sagt Kaiser. Für die Vermittlung von Fachwissen stehe das Amt für Bodenmanagement zur Verfügung.

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