Messerstecherei in Flüchtlingsunterkunft: 37-Jähriger ist vorerst freier Mann

18. Mai 2018
Fulda

Milde Strafe nach einer Messerattacke: Ein 37-Jähriger, der einen 21-Jährigen in einem Flüchtlingsheim in Bad Salzschlirf angegriffen hat, kommt aus der Untersuchungshaft frei. Ob er wieder ins Gefängnis muss, steht noch nicht fest.

Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian Kircher

Als der Vorsitzende Richter Josef Richter in Richtung des Angeklagten sagte, er sei ein freier Mann, fasste sich der Afghane ans Herz. Die Erleichterung war ihm sichtlich anzumerken. Seit August hatte der 37-Jährige in U-Haft gesessen, weil er einem Landsmann in der Unterkunft mit einer Bierflasche ins Gesicht geschlagen, ihm zweimal in den Oberschenkel gestochen und sechsmal auf den am Boden Liegenden eingetreten hatte. Die Erste Große Strafkammer des Landgerichts hob gestern den Haftbefehl auf. Damit kommt der Mann auf freien Fuß.

Möglicherweise muss er aber wieder zurück ins Gefängnis. Denn gleichzeitig verurteilte die Kammer ihn zu einem Jahr und vier Monaten Freiheitsstrafe – und zwar ohne Bewährung. Wenn das Urteil rechtskräftig ist, muss das Landgericht entscheiden, ob der Rest der Strafe noch abgesessen werden muss oder zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Dafür spreche, dass der Angeklagte bereits die Hälfte seiner Strafe verbüßt und mit seiner Familie ein gefestigtes soziales Umfeld habe.

Wir berichteten:

Versuchter Totschlag: 37-jähriger Afghane vor Gericht

Ein 37-jähriger Afghane soll am 25. August vergangenen Jahres einen damals 19-jährigen Mann in einer Asylunterkunft in Bad Salzschlirf schwer verletzt und dabei sogar seinen Tod in Kauf genommen haben. Seit dem heutigen Dienstag steht er deshalb vor dem Landgericht.

In dem monatelangen Prozess sei klar geworden, dass der 37-Jährige „kein gewaltbereiter, aggressiver Täter“ sei, führte Richter Richter aus. Der Messerangriff sei eine Ausnahmesituation gewesen. Denn der Afghane habe den Eindruck gehabt, dass das spätere Opfer mit seinen Töchtern ein doppeltes Spiel treibe, sagte Richter. Der 21-Jährige, der in der gleichen Unterkunft wohnte, hatte wohl beiden Mädchen Avancen gemacht. Dies habe zu Streit in der Familie geführt. „Den Töchtern ging es seelisch und körperlich immer schlechter“, erklärte der Vorsitzende. Deshalb habe der 37-Jährige seinen Landsmann gebeten, sich von der Familie fernzuhalten.

Aber die Versuche, den Konflikt friedlich zu lösen, seien gescheitert. „Deswegen wollte der Angeklagte dem Jüngeren unmissverständlich die Grenzen aufzeigen und ihm Angst uns Schrecken einjagen“, sagte Richter. Einen Tötungsvorsatz, wie ihn die Staatsanwaltschaft zunächst vermutet hatte, habe er aber nicht gefasst. „Hätte er den 21-Jährigen umbringen wollen, hätte er auch in Bauch, Brust oder Hals stechen und lebenswichtige Organe verletzen können.“ Zudem seien die Stiche nicht besonders tief gewesen, es habe keine schwerwiegenden Verletzungen gegeben.

Dennoch sprach sich die Kammer gegen eine Bewährungsstrafe aus. „Das Verhalten war gefährlich und zum Teil brutal. Das hätte auch anders ausgehen können“, begründete Richter, der deutlich machte: „Das Motiv, ihre Familie schützen zu wollen, ist verständlich. Aber in Deutschland lösen wir die Konflikte ohne Gewalt.“ Der 37-Jährige habe dieses Mal eine „Strafe am unteren Rand“ erhalten. „Aber wenn das erneut vorkommt, wird das härter ausfallen“, betonte der Vorsitzende.