Mönchs-Rebellion im Kloster Fulda: Ein gigantischer Kirchenbau sorgt für Unruhe und erlebt Katastrophen

11. März 2016
FULDA

Ein gigantischer Kirchenbau prägte über Jahrhunderte das Bild Fuldas. An ihm entzündete sich eine Rebellion der Mönche, die Abt Ratger aus dem Amt fegte. Wer forscht, findet noch heute einige wenige Relikte des einst größten Kirchenbaus nördlich der Alpen.

Von unserem Redaktionsmitglied Sascha-Pascal Schimmel

Es ist nur wenige Jahrhunderte her, dass der einst größte Kirchenbau nördlich der Alpen das Bild Fuldas prägte. Die Ratgerbasilika war im Mittelalter nach dem Vorbild römischer Gotteshäuser entstanden. Ihre Errichtung führte zu einer Rebellion, die schließlich ihren Namensgeber, Abt Ratger, das Amt kostete.

Mehrere Katastrophen suchten den Kirchenbau, der zwischenzeitlich mehr als doppelt so groß wie der heutige Dom gewesen ist, heim und zerstörten ihn zu großen Teilen. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Basilika nahezu vollkommen abgerissen – an ihrer Stelle entstand das neue Fuldaer Wahrzeichen.

Nur noch wenig zeugt von der Ratgerbasilika

So gigantisch die Ratgerbasilika einst gewesen ist, in Fulda finden sich nicht mehr allzu viele Zeugnisse des Baus, der sich bis an das Ende des heutigen Domplatzes erstreckte. Und so ist auch nicht eindeutig belegt, wann der Bau der Nachfolgerin von Fuldas erster Klosterkirche, der Sturmiuskirche, begonnen hatte. Als wahrscheinlichsten Zeitpunkt nennen Historiker das Jahr 791.

Fuldaer
Fuldaer Dom und Ratgerbasilika im Vergleich.

Elf Jahre später wurde Ratger zum dritten Abt des Klosters gewählt. Er habe sich um die Verbesserung des Bildungsstandes im Kloster Fulda bemüht, schreibt die Fuldaer Historikerin Eva Krause in ihrer Abhandlung „Die Ratgerbasilika in Fulda“. Wegen seiner gelehrten Grundeinstellung sei Ratger der Wunschkandidat des Kaisers gewesen.

Die Mönche rebellieren

Doch nicht überall traf der Abt auf solche Gegenliebe. Ratger hatte gleich nach Amtsantritt mit dem Bau eines Westhauses begonnen und fügte letztlich beide Teile der Kirche zusammen. Dieser Baueifer und die damit verbundenen Kosten sowie Belastungen für die Klostergemeinschaft brachten einen großen Teil der Mönche gegen ihn auf, schreibt Krause.

In einer Beschwerde der Mönche ist die Rede von „riesigen überflüssigen Gebäuden“ und weiteren „unnützen Werken“, die die Brüder außergewöhnlich erschöpfen würden, woran deren Familien zugrunde gingen. Der Kaiser versuchte mehrmals zu schlichten – musste seinen Wunschkandidaten 817 dennoch absetzen.

Die folgenden zwei Jahre blieb das Kloster ohne gewählten Abt. Die Bautätigkeiten rund um die Basilika kamen zum Erliegen. Zumindest wurde der Rohbau der Kirche nicht eingeweiht.

Eigils untypischer Baueifer

Erst 819 nahm der Bau wieder Fahrt auf. Mit Abt Eigil hatte das Kloster einen Nachfolger für den geschassten Ratger gefunden. Eigil soll eine der treibenden Kräfte der Rebellion gegen seinen Vorgänger gewesen sein.

Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass Eigil in dessen Fußstapfen trat und sich einen Namen als „äußerst innovativer Bauherr“, wie Eva Krause schreibt, machte. Schließlich habe der Abt eigentlich als Vertreter des konservativen, zurückgezogenen mönchlichen Lebensstils gegolten.

Zwei Theorien wollen Licht ins Dunkel bringen

Seine Baumaßnahmen passen dazu nicht. Unter anderem ist in historischen Quellen von zwei prachtvollen, großartig gestalteten Krypten die Rede, die er auf Säulen und Bögen errichten ließ. Deren Nutzen für die schließlich am 1. November 819 eingeweihte Kirche und die Gemeinschaft stellt Historikerin Krause in Frage.

Warum eiferte Abt Eigil, der ab 819 zudem ganz in der Nähe der Basilika die Michaelskirche bauen ließ, seinem Vorgänger Ratger also nach? Zwei Theorien versuchen Licht ins Dunkel zu bringen.

Im Schatten des Doms: Die Geschichte eines der größten Schätze Fuldas

Einerseits halten es Historiker für möglich, dass Anhänger Ratgers die Bautätigkeiten im Schatten Eigils vorangetrieben hatten. Möglicherweise existierte ein „großer Bauplan“ des ehemaligen Abts, den diese zu Ende führen wollten.

Andererseits könnte Rabanus Maurus, ehemaliger Leiter der Klosterschule und später Nachfolger von Abt Eigil, seine Finger im Spiel gehabt haben. „Sein Interesse lag zwar mehr an der inhaltlichen Ausgestaltung“, schreibt Eva Krause. Jedoch seien aufgrund seiner Vorstellungen Ergänzungen an dem Gebäude nötig geworden – und eine baumüde Mönchsgemeinschaft habe sich vielleicht auf weitere Maßnahmen eingelassen, um endlich eine äußerlich wie innerlich vollendete Kirche zu haben.

Noch im 9. Jahrhundert errichtete das Kloster mit dem markantesten und größten Anbau das „Paradies auf Erden“. Im Osten der eigentlichen Kirche entstand ein riesiges Atrium. Es erstreckte sich nahezu über den kompletten heutigen Domplatz. Inklusive dieses Anbaus war die Basilika plötzlich mehr als 200 Meter lang oder gut doppelt so groß wie der spätere Dom.

Basilika
Dieses Modell der Ratgerbasilika steht im Vonderau Museum in Fulda.

Wann der Bau des „Paradies“ genannten Atriums begonnen hatte und wann er abgeschlossen gewesen ist, können Historiker nicht eindeutig belegen. Ohnehin zeugen lediglich Ausgrabungsfunde und vage schriftliche Hinweise von der Existenz dieses Anbaus.

Große Schäden am „östlichen Heiligtum“

In den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten erschüttern Katastrophen den monumentalen Bau mehrfach.

937 brennen große Teile der Kirche nieder. Die Zerstörung hat solche Ausmaße, dass sie nach ihrem Wiederaufbau 948 neu geweiht wird.

172 Jahre nach der Neuweihe ereignet sich das nächste große Unglück. Die Ostteile der Kirche stürzen ein, nachdem der südliche Turm kollabiert und auf das „östliche Heiligtum“ gekracht ist. Die darunterliegende Krypta und sieben Altäre seien erdrückt worden, heißt es aus historischen Quellen.

Wiederaufbau dauert 35 Jahre

Drei Jahre nach dem Einsturz beginnen umfangreiche Wiederaufbau- und Reparaturarbeiten. 35 Jahre sollten ins Land ziehen, bis diese Arbeiten abgeschlossen waren. Am 22. März 1157 wurde die Kirche ein weiteres Mal neu geweiht.

Die Basilika sollte anschließend noch einige Jahrhunderte aus dem Stadtbild Fuldas hervorragen. Kurz nach 1700 war ihre Zeit schließlich abgelaufen. Sie wurde fast vollständig abgerissen und musste dem barocken Dom weichen.

Video: Ein Rest der Basilika versteckt sich hinter der barocken Domfassade
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Wer etwas forscht, findet jedoch noch heute Teile der Ratgerbasilika im Fuldaer Dom. So haben die östlichen Türme der Basilika die Abbrucharbeiten überlebt. Ihr raues Gemäuer ist vom Domplatz aus nicht sichtbar – es versteckt sich hinter der barocken Fassade der neuen Türme.

Überbleibsel und Zeugnisse der Basilika

Im Dom selbst befinden sich für jedermann sichtbar zwei Reliquien aus der Ratgerbasilika. Zum einen eine Platte, die Karl den Großen zeigt und sich schräg unterhalb der großen Orgel befindet. Zum anderen eine runde sogenannte Schwurplatte zwischen den letzten Sitzbänken vor dem Alter. Sie zeigt vier Hände, die in alle Himmelsrichtungen deuten und Daumen, Zeige- und Mittelfinger zum Schwur gestreckt haben.

Schwurplatte

Im angeschlossenen Dom Museum befinden sich zudem Reste des Gemäuers der Basilika. Unter anderem Kapitelle, die die Säulen des Hauptschiffes krönten.

Kapitell

Außerdem hängen an den Wänden ein Ölgemälde, ein Holzschnitt und eine Federzeichnung, die Fulda und die Basilika zeigen.

Ölgemälde

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