Nach tödlichem Brand: So entschärfen Sie die Gefahrenquelle Mehrfachsteckdose

08. November 2016
Fulda

In Deutschland ereignen sich pro Jahr rund 200.000 Wohnungsbrände. Einige davon gehen auf tragische Weise sogar leider tödlich aus, wie das durch eine defekte Mehrfachsteckdose ausgelöste Feuer im antonius-Haupthaus. Wir haben einen Experten aus der Region gefragt, wie man die Brandgefahr reduzieren kann.

Die Brandgefahr durch defekte oder unsachgemäß angeschlossene Elektrogeräte wird unterschätzt, sind sich viele Experten einig. Zu einem solchen Unglück wie in der Nacht zu Sonntag, als im antonius-Haupthaus in Fulda ein 31-jähriger Bewohner ums Leben kam, muss es aber nicht kommen, wenn mögliche Gefahrenquellen in den eigenen vier Wänden konsequent identifiziert und entschärft werden

„Bereits bei der Planung von Umbau- oder Neubaumaßnahmen ist der Ansatz zu verfolgen, dass ein Festanschluss immer besser ist als eine Steckdosenleiste“, sagt Marco Farnung, Inhaber und Geschäftsführer des Eichenzeller Sachverständigen- und Ingenieurbüro Farnung (sifar). „Festanschlüsse, also Wandsteckdosen, werden in der Regel vom Fachmann verlegt und abgenommen und sind somit sicherheitstechnisch in den meisten Fällen in Ordnung.“

Steckdosenleisten erhöhen den Anteil von weiteren elektrischen Geräten und belasten somit auch die Zuleitungen der Wandsteckdosen“, führt der von der IHK Fulda öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Arbeitsschutz aus, der auch beim Verlag Parzeller für die Arbeitssicherheit zuständig ist. „Lässt sich der Einsatz von Mehrfachsteckdosenleisten nicht verhindern, so ist beim Kauf auf Qualität zu achten.“

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Marco Farnung / Foto: privat

Einige auf dem Markt befindliche Steckdosenleisten – hier vor allem Billigware aus Chinaerfüllen nämlich nicht immer den sicherheitstechnischen Standard der EU. Diplom-Ingenieur Farnung verweist dabei auf die Internetseite das-sichere-haus.de, von der die Broschüre „Zuhause sicher leben“ heruntergeladen werden kann. „Sichere elektrische Geräte tragen in der Regel ein Prüf-Zeichen wie GS oder VDE“, sagt der Eichenzeller Bau- und Sicherheitsingenieur.

Problematisch sei dabei aber, dass diese Prüf-Zeichen immer wieder gefälscht werden. „Genau aus diesem Grund ist oftmals der Termin in einem Elektrofachmarkt vor Ort und ein Gespräch mit dem Verkäufer besser“, rät Marco Farnung. „Dann kann die Ware auch direkt inspiziert werden.“

So erkennen Sie unsichere Steckdosenleisten

Bei Mehrfachsteckdosen könnten folgende Merkmale eventuell auf ein Billigprodukt hinweisen: Die Adresse des Herstellers, Importeurs, Händlers oder anderer Inverkehrbringer fehlt auf der Steckerleiste oder der Verpackung. Die Anschlussleitung ist dünn und die Schutzleiterkontakte der Steckdosen sind nicht federnd ausgeführt. Das Gehäuse ist brüchig und leicht biegsam.

„Bei der Verwendung von Mehrfachsteckdosen sollte überschlagen werden, welcher Stromverbrauch aller Geräte, die an die Mehrfachsteckdose angeschlossen werden, in der Summe in Watt vorhanden ist“, erklärt Farnung. Dieser dürfe die zulässige Leistung der Mehrfachsteckdose nicht übersteigen. Die zulässige Gesamteistung steht auf der Steckerleiste und beträgt häufig 3500 oder 3600 Watt

Bei der Verwendung von Mehrfachsteckdosen im Freien und in feuchten Räumen sollten, so der Experte, nur dafür zugelassene Mehrfachsteckdosen der Schutzart IP 44 (für Ingress Protection) verwendet werden. Dabei handelt es sich um eine Schutzart, die besagt, dass das Elektroprodukt wetterfest und für feuchte Umgebungen zugelassen ist. Wird eine nur für das Haus produzierte Mehrfachsteckdose zum Beispiel im Garten eingesteckt, kann es einen Kurzschluss geben, oder ein Schwelbrand entsteht.

Marco Farnung weiter: „Ein wirklich wichtiger Punkt ist, dass Steckdosenleisten nicht miteinander verbunden und somit verlängert werden. Dadurch entsteht eine erhöhte Brandgefahr durch erhöhte Wärmeentwicklung am Übergangswiderstand.“ Zudem sollten Anschlusskabel regelmäßig auf Schäden an der Isolierung überprüft werden und unbeaufsichtigter Dauerbetrieb vermieden werden.

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Um die Brandgefahr weiter zu verringern, sollte außerdem ein Sicherheitsabstand zwischen leicht entflammbaren Gegenständen wie Zeitschriften und elektrischen Wärmegeräten beachtet werden. In Deutschland ereignen sich pro Jahr rund 200.000 Wohnungsbrände. Nicht selten entstehen dabei laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherer in Berlin pro Jahre Schäden in Höhe von über einer Milliarde Euro. / sar, dpa