Doris Edhofers DDR-Flucht gelang dank kaputtem Tor

15. Januar 2020
Ehrenberg

Doris Edhofer hatte sich als Jugendliche etwas geschworen: aus der DDR zu fliehen. Denn sie und ihre Familie wurden 1961 von Frankenheim in Thüringen nach Burgstädt in Sachsen zwangsumgesiedelt. Der heute 66-Jährigen gelang die Flucht, ihrer Familie allerdings nicht.

Von unserem Redaktionsmitglied Nadine Buß

Wenn die eigenen Eltern nach einem missglückten Fluchtversuch inhaftiert werden und das Kind im Kinderheim landet, ist das eine Zerreißprobe. Doris Edhofer musste sich dieser stellen. Die 66-Jährige, die gebürtig aus Frankenheim in der thüringischen Rhön kommt, hat eine starke Persönlichkeit und spricht aus, was sie denkt. Dennoch: Die Geschehnisse machen die selbstbewusste Mutter von drei Kindern auch nach so langer Zeit fassungslos.

Sohn aus Angst zurückgelassen

Sie war gerade einmal acht Jahre alt, als sie mit ihrer Familie nach Sachsen zwangsumgesiedelt wurde. Dieses einschneidende Erlebnis – und die vielen weiteren, die folgen sollten – trugen dazu bei, dass ihr Hass auf das DDR-Regime immer weiter zunahm. Als 16-Jährige rebellierte sie, landete sogar vor Gericht, weil sie kurz vor dem Tag der Republik – dem Nationalfeiertag der DDR – eine Fahne herunterriss. „Ich habe mir geschworen: Irgendwann flüchte ich“, erinnert sich die Pensionärin. In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1977 kam für die damals 23-Jährige dann der Tag, an dem sie ihren Plan in die Tat umsetzte. Unter dem Vorwand, ihre Großmutter besuchen zu wollen, erhielt Doris Edhofer eine Ausreisegenehmigung. Sie fuhr mit ihrem damaligen Ehemann an die innerdeutsche Grenze nach Frankenheim.

Doris Edhofer war zu diesem Zeitpunkt Mutter eines fünfjährigen Sohnes, den sie zuerst mitnehmen wollte. „Doch dann hatte ich Angst. Ich wollte nicht riskieren, dass ihm etwas passiert“, sagt die gelernte Schneiderin und Gastronomin und ließ ihn aus Sicherheitsgründen bei den Eltern.

Kaputtes Tor wird zum Weg in die Freiheit

„Als wir in Frankenheim den Grenzzaun sahen, dachten wir uns: Wie sollen wir hier bloß abhauen?“, weiß die 66-Jährige noch gut. Die Lage schien aussichtslos. Dann ging das Ehepaar in eine Gaststätte. Vor Ort waren auch einige Soldaten. Von ihnen erfuhr Doris Edhofer, dass diese nur noch drei Tage im Dienst sein würden. „Ich dachte mir: Vielleicht schauen sie nicht mehr so genau hin“ – ein kurzer Hoffnungsschimmer keimte in der jungen Mutter auf. Dann fasste das Ehepaar doch den Entschluss, dass die Flucht zu gefährlich sei. Es begab sich auf den Rückweg.

Als sie dann aber auf dem Heimweg an der Grenze vorbei gingen, kamen sie an einem Grenztor vorbei. Scherzeshalber sagte Doris Edhofer: „Jetzt muss ich doch nochmal schauen. Vielleicht ist das Tor ja offen.“ Während des Interviews mit unserer Zeitung fängt sie an zu lachen, denn so unwahrscheinlich es auch schien: Das Tor war kaputt und gab ein Stück nach.

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Ohne lange nachzudenken quetschte sich das Ehepaar durch einen schmalen Spalt. Dann rannten beide so schnell sie konnten – an Stacheldraht vorbei sprangen sie von einer Erderhöhung zur nächsten. „Erst später habe ich erfahren, dass es sich um ein Minenfeld handelte.“ Als plötzlich Scheinwerferlicht auf die Flüchtigen gerichtet wurde, dachte das Paar, es wäre aufgeflogen – doch nichts passierte. Ihre Flucht gelang.

Langes Warten auf Familie

Doch Doris Edhofer wäre am liebsten wieder umgedreht, um ihren Sohn zu holen. Doch das Wiedersehen mit ihm und ihrer Familie dauerte noch Jahre. „Ich habe Fluchthelfer organisiert, die meine Familie nach Westdeutschland schleusen sollten“, berichtet die geborene Beck. Nachdem sie von dem ersten Fluchthelfer abgezockt wurde, versprach ihr der zweite, ihre Eltern für 6000 DM aus der DDR zu holen. „Er sagte, ich soll am 9. Dezember 1977 nach Hamburg in die Bahnhofgaststätte kommen. Dahin würden meine Eltern mit einem Lkw gebracht werden“, so die DDR-Flüchtige.

An dem vereinbarten Tag hatte sie vor Ort ein ungutes Gefühl. „Ich hatte schon immer einen siebten Sinn.“ Dann klingelte in der Gaststätte das Telefon. Der Anruf war für sie und verhieß nichts Gutes: „Es ist etwas schiefgelaufen“, wurde ihr am anderen Ende der Leitung gesagt. Ab diesem Moment wusste sie für vier Monate weder, wo ihre Familie ist, noch wie es ihr geht.

Ein Rechtsanwalt stellte für sie Nachforschungen an und fand heraus, dass die Eltern und der Bruder inhaftiert worden waren. Edhofers Sohn kam ins Kinderheim. Am Boden zerstört, kämpfte die Rebellin für die Freilassung, schrieb Briefe an die Regierung und wollte gar in den Hungerstreik gehen. Nach einem Jahr und vier Monaten konnten ihre Eltern und der Bruder freigekauft werden. Auf ihren Sohn musste sie ein weiteres Jahr warten.

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