Lamm Ella ist ein Flaschenkind

25. Mai 2019
Reulbach

Wenn Harald Vey in seinen Garten geht, kommt Ella sofort angerannt. Ella ist nicht etwa ein Hund, sondern ein zwei Monate altes Lamm, das der 45-Jährige aus Ehrenberg-Reulbach mit der Flasche großzieht. Ihre Mutter will sie nicht säugen.

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Von unserem Redaktionsmitglied Daniela Petersen

Friedlich grasen die Schafe von Harald Vey hinter seinem Wohnhaus in Reulbach. Ein Bach plätschert am Grundstück entlang, die Bäume blühen, und die Luft duftet nach Frühling. Nur eine Sache passt nicht ganz ins Idyll: ein Geschrei, wie von einem Kind. Und ein bisschen ist Ella das auch für die Familie Vey.

Das Lamm muss nämlich mit der Flasche aufgezogen werden und sieht in Harald Vey eine Bezugsperson. „Wenn sie mich erkennt, dann blökt sie“, sagt er und läuft auf das Tier zu. Gierig sucht das Lämmchen nach der Flasche in seiner Hand. „Die Mutter von Ella war mit knapp einem Jahr eigentlich noch zu jung zum Lammen und hat das Tier nicht angenommen. Zunächst haben wir sie festgehalten und gemolken, damit Ella die sogenannte Biestmilch bekommt. In den ersten zwei Tagen ist es nämlich wichtig, dass die Jungtiere diese fettreiche Milch trinken, um ihre Abwehrkräfte zu stärken“, erklärt der 45-Jährige.

Nachdem die kritische Anfangszeit vorüber war, konnte Ella auf Pulvermilch umgestellt werden. In den ersten Wochen musste Vey dem Tier alle ein bis zwei Stunden die Flasche geben, 25 bis 50 Milliliter. „Meine Kinder, Robin und Anna-Lena, sowie meine Frau Corina haben mir dabei geholfen“, erklärt Vey, der bei der Straßenmeisterei in Gersfeld arbeitet.

Mittlerweile sind Ellas Portionen größer und die Abstände zwischen den Fütterungen länger geworden. „Sie frisst auch schon ein bisschen Heu und Gras, das guckt sie sich von den anderen Schafen ab“, sagt der Rhöner.

Insgesamt haben er und seine Familie bereits sechs Lämmer mit der Flasche aufgezogen, weil die Muttertiere die Kleinen nicht säugen wollten oder aufgrund des Alters nicht konnten. Fünf der Lämmer hat Familie Vey durchgebracht. „Das erste Lamm, unsere Lea, hat es leider nicht geschafft“, sagt er und erklärt, dass Lea kein Gras und Heu fressen wollte und nach einem halben Jahr an einer Lungenentzündung gestorben sei. „Da gab es hier im Haus viele Tränen. Sie ist wirklich überall mit hin und lief manchmal sogar mit mir spazieren.“

Das tut Ella nicht, aus gutem Grund: „Es ist wichtig, dass die Tiere unter ihren Artgenossen bleiben und voneinander lernen – zum Beispiel, dass man Gras fressen kann.“ Momentan hat Harald Vey 21 Schafe: zwölf Muttertiere, einen Bock und acht Lämmer – alles Tiere der Rasse Walliser Schwarznasen. „Ich habe die Rasse mal vor vielen Jahren am Weihnachtsmarkt in einer lebendigen Krippe gesehen und mir vor 16 Jahren die ersten zwei Tiere angeschafft.“

Er kennt alle seine Schafe beim Namen. Das kleinste heißt Alice und ist gerade einmal zwei Wochen alt. „Ein Lamm bekommen wir in diesem Jahr noch“, sagt Vey.