Eine Ära geht zu Ende – Wetterdienst-Mitarbeiter verlassen 2020 die Wasserkuppe

17. November 2019
Gersfeld

Seit fast 100 Jahren sind von Menschen Wetterdaten auf der Wasserkuppe ausgewertet worden. Dies wird bald nicht mehr der Fall sein. Die Messungen werden automatisiert. Von sieben Mitarbeitern, die im Ursinus-Haus beschäftigt sind, reduziert der Deutsche Wetterdienst ab 1. Januar auf zwei. Am 30. November 2020 endet auch für sie der Dienst.

Von unserem Redaktionsmitglied Rainer Ickler

Die Mitarbeiter, die das Wetter auf Hessens höchstem Berg rund um die Uhr beobachteten und die gewonnenen Daten nach Offenbach an die Zentrale des Wetterdienstes weitergeben, werden nicht entlassen, sondern an anderer Stelle für den DWD eingesetzt, erklärt Pressesprecher Andreas Friedrich.

Die Entscheidung für eine Automatisierung sei schon vor acht Jahren gefallen. „Die Wetterwarte auf der Wasserkuppe ist eine der letzten in Deutschland, die noch bemannt ist“, sagt er. Grund ist die besondere Lage auf 950 Meter Höhe.

Der Messbetrieb wird umgestellt. Die autonom arbeitenden Geräte seien genauer als die Beobachtungen der Menschen, erklärt Friedrich. Auf der Wasserkuppe stehen die Messeinrichtungen auf dem fußballfeldgroßen umzäunten Gelände neben dem Ursinus-Haus.

Menschen nicht mehr notwendig

In den vergangenen Jahren seien sie optimiert worden, sodass die Sensortechnik auch bei widrigen Bedingungen wie Sturm, Frost, Nebel oder Schneefall mittlerweile einwandfrei automatisch arbeiten und die Daten über Computer in Sekundenschnelle an die Offenbacher Zentrale liefert. Menschen seien nicht mehr notwendig, erläutert Andreas Friedrich.

Auf der Wasserkuppe erfasst werden neben den Temperaturen, unter anderem Niederschlag, Windrichtung und Windgeschwindigkeit, Art der Bewölkung, Luftfeuchtigkeit, der Luftdruck, aber auch Parameter wie Radioaktivität oder die Art und Anzahl der Luftschwebestoffe.

Die verschiedenen Messstellen liefern rund um die Uhr die Daten von der Wasserkuppe an die zentrale Erfassungsstelle in Offenbach. Es handelt sich um ein internationales Netzwerk, das für möglichst genaue Wettervorhersagen unerlässlich sei.

Eine von 181 Stationen

Die beiden dann verbliebenen Mitarbeiter des Deutschen Wetterdienstes übernehmen für eine Übergangszeit von elf Monaten noch Wartungs- und Kontrollaufgaben im Ursinus-Haus, das direkt neben dem Groenhoff-Haus steht.

Die Wetterwarte auf der Wasserkuppe gehört zu den insgesamt 181 Stationen, die der DWD deutschlandweit unterhält. Aktuell ist die Wetterwarte auf Hessens höchstem Berg eine von nur noch 24 Messstellen, die nicht automatisiert die Wetterdaten an die Offenbacher Zentrale liefern. Bis zum Jahr 2022 sollen auch die letzten, vor allem die 19 an den großen deutschen Flugplätzen, ohne Personal auskommen.

Aufschluss über Ursachen des Klimawandels

Neben den 181 über ganz Deutschland verteilten Wetterwarten übermitteln aber noch rund 1700 ehrenamtliche Wetterbeobachter, ihre Daten an den DWD. All diese Informationen rund ums Wetter sowie die internationalen Wetterdaten werden von dem Super-Computer des DWD ausgewertet und daraus die Prognose entwickelt, erläutert Friedrich. Zusätzlich zu den reinen Wetterdaten gehört die Wetterwarte auf der Wasserkuppe zu den Referenzstationen, deren Daten Aufschluss über die Ursachen des Klimawandels liefern.

Das Ursinus-Haus bleibt vorerst im Besitz des Deutschen Wetterdienstes, erklärt der Pressesprecher. Denn auch dort ist noch Messtechnik untergebracht, die zur Auswertung benötigt werde. Das ändert nichts an der Tatsache, dass im November 2020, also nach 98 Jahren, die Zeit endet, dass Menschen Wetterbeobachtungen auf der Wasserkuppe weitergeben.

Fotogalerie: Schneefreunde genießen Winterwetter auf der Wasserkuppe - Sonntag soll es regnen

Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, glitzernder Schnee, eine prima Fernsicht - die zahlreichen Besucher der Wasserkuppe kamen am Samstag wieder voll auf ihre Kosten. Viele nutzten das schöne Winterwetter für einen Spaziergang auf der Wasserkuppe, auf der zwar reger Verkehr herrschte, die aber nicht übervoll war.

Hintergrund: 1922 wurden nach Recherchen von Joachim Jenrich im Buch „Die Wasserkuppe“ die ersten meteorologische Messungen auf der Wasserkuppe zur Erforschung der Hangwinde durchgeführt. Sie waren fürs Segelfliegen von Bedeutung. Das preußische meteorologische Institut richtete am 1. August 1923 eine Messstation auf der Wasserkuppe ein. Seit 1933 war sie im Ursinus-Haus untergebracht.

1952 wurde die Wetterwarte Bestandteil des Beobachtungsnetzes des Deutschen Wetterdienstes, nachdem direkt nach dem Krieg die Station zum „Zentralamt des Deutschen Wetterdienstes in der US-Zone“ gehörte. Als Folge der Bombardierung der Wasserkuppe im Jahr 1944 wurden vom 1. März bis 21. September 1945 laut Jenrich keine Wetterdaten auf der Wasserkuppe erhoben.

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