Die Drei-Stunden-Grenzöffnung – vor 30 Jahren feierten 400 DDR-Bürger in Theobaldshof

01. Dezember 2019
theobaldshof/Empfertshausen

Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin. Wochen später war die Grenze zwischen Theobaldshof und Andenhausen aber immer noch dicht. Am 27. November änderte sich das für ein paar Stunden, als Hunderte DDR-Bürger in Theobaldshof feierten.

Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian Kircher

„Hinter Theobaldshof hat früher die Welt aufgehört“, sagt Werner Schröder (76), der in dem 300-Seelen-Dorf lebt. Hinter dem Tanner Stadtteil liegt nämlich die Grenze zu Thüringen – und damit zur DDR, zum Warschauer Pakt, zum kommunistischen System. Die Theobaldshöfer erlebten hautnah mit, wie die Grenze ab 1961 nach und nach verstärkt wurde: erst Holzpfähle mit Stacheldraht, dann Beton, später Minenfelder und Selbstschussanlagen. Nahe Theobaldshof waren Bundesgrenzschutz, Zoll und US-Soldaten stationiert. Geländewagen, Panzer und Hubschrauber gehörten zum Ortsbild. „Das war für uns zur Normalität geworden“, erinnert sich Gisela Schröder (72).

„Andenhausen ist das nächste Dorf. Und dennoch war das eine andere Welt für uns“, sagt sie. Man habe mit den Amerikanern mehr zu tun gehabt als mit den Thüringern. „Das war eine paradoxe Situation“, beschreibt ihr Sohn Thomas (52). „Denn manche aus den hessischen Orten hatten ja Verwandte drüben. Mit der Grenzschließung mussten sie alles zurücklassen.“

Grenze blieb dicht

Mit dem Berliner Mauerfall am 9. November 1989 änderte sich für die Theobaldshöfer – nichts. Während die Berliner feierten, blieb die Grenze zwischen Theobaldshof und Andenhausen dicht. „Wir haben das am Fernsehen mit Gänsehaut verfolgt. Für uns war das Ganze doch anders als etwa für Frankfurter oder gar Fuldaer. Wir hatten die Grenze vor der Haustür“, sagt Gisela Schröder. Ihre Tochter Sonja (51) fügt an: „Es schwang ein wenig Unsicherheit mit, wie es jetzt weitergeht.“

Auch auf der anderen Seite der Grenze war die Euphorie gedämpft. Die Montagsdemos in der thüringischen Rhön gingen weiter, nachdem klar war, dass sich dort nichts tat. Damals mit dabei war Günter Zier (56) aus Empfertshausen. „Einer unserer Sprüche war ‚Nicht nur Berlin, sondern auch Andenhausen‘. Wir hatten ja keinerlei Informationen, wann unsere Grenze endlich aufmachen wird.“

Kurze, temporäre Öffnung

Am 27. November 1989, einem Montag, demonstrierten die Bürger erneut. Nach einem abendlichen Gottesdienst in Empfertshausen zogen fast 400 Thüringer auf den nördlich von Andenhausen gelegenen Katzenstein. Das dortige Hotel war ein Erholungsheim für Stasi-Offiziere. „Wir haben am Zaun gerüttelt und verlangt, dass die Grenze endlich geöffnet wird“, erinnert sich Günter Zier.

Als der Protest immer größer wurde, kamen zwei ranghohe Offiziere an den Zaun. „In dem Moment stand die Welt still. Es hätte ja sein können, dass die den Befehl geben, die Demonstration mit Waffengewalt niederzuschlagen“, sagt Zier. Es kam anders: Um kurz vor 21 Uhr wurde die Grenze geöffnet. „Das war aber nur temporär. Die Soldaten haben gesagt: Bis Mitternacht seid ihr wieder da. Und wir haben unser Ehrenwort gegeben.“

Auf dem Weg zur „Schönen Aussicht“

In Theobaldshof hatte man von all dem nichts mitbekommen. Die Hessen hatten zuvor mit den DDR-Nachbarn vereinbart, am Abend ebenfalls zur Grenze zu ziehen, um dort zu protestieren. Aber als um 18 Uhr 100 Theobaldshöfer an der Grenze standen, war von den Thüringern nichts zu sehen. Trotz Nebel, Schnee und klirrender Kälte warteten sie eine Weile, bevor sie gegen 20 Uhr wieder zurückgingen. „Wir waren überzeugt: Das wird heute nichts mehr“, sagt Thomas Schröder. In der Gaststätte der Familie, „Zur Schönen Aussicht“, war das Licht sowieso aus – montags war Ruhetag. Auch Nachbarin Gisela Dittmar (63) erinnert sich: „Ich habe die Kinder ins Bett gebracht, den Schlafanzug angezogen und mich hingelegt – in der Hoffnung, dass das Ost-West-Treffen morgen vielleicht klappt.“

Aber um 21 Uhr klingelte bei Schröders das Telefon. „Sie kommen, sie kommen ...“, rief ein Zöllner in den Hörer. 400 Thüringer waren auf den Weg in die „Schöne Aussicht“. Fassungslos standen die Theobaldshöfer am Straßenrand. „Das war alles so spontan. Ich habe mir nur schnell den Anorak übergeworfen – drunter hatte ich noch den Schlafanzug an“, sagt Dittmar mit einem Lachen.

Feier im Saal der Gaststätte

Hunderte DDR-Bürger feierten auf einmal im Saal der Gaststätte. „Das war überwältigend. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen“, sagt Sonja Schröder. Den Gästen wurde das Bier direkt aus den Kästen gereicht. „Es war so eng, ich habe die Kiste über meinen Kopf halten müssen. Die Flaschen wurden links und rechts rausgenommen, so schnell konnte ich gar nicht gucken“, fügt ihr Bruder Thomas an. Zwischenzeitlich ging das Bier aus, der Getränkelieferant Bräuning musste mit Nachschub anrücken. Die Familie ist sich einig: die Stimmung, die Freude, das war einmalig. Der ganze Irrsinn einer innerdeutschen Grenze schien in diesem Moment vergessen.

Die Gäste aus der DDR jedoch hielten ihr Versprechen und machten sich noch vor Mitternacht auf den Weg zurück. „Am Hof standen danach Dutzende leerer Bierkästen. Aber in keiner einzigen war eine Flasche. Die hatten die Thüringer als Andenken mitgenommen“, sagt Werner Schröder.

Am 22. Dezember war es soweit

Günter Zier berichtete zu Hause seinem Vater Josef von dem nächtlichen Ausflug. „Der konnte das gar nicht glauben.“ Als die Grenze am darauffolgenden Samstag (2. Dezember 1989) ein weiteres Mal für ein paar Stunden geöffnet wurde, machte sich Josef Zier ebenfalls auf den Weg nach Theobaldshof – und brachte eine Licher-Flasche mit, die die Familie bis heute aufbewahrt.

Bis die Grenze Theobaldshof–Andenhausen endgültig aufgemacht wurde, mussten die Rhöner noch ein wenig warten: Erst am 22. Dezember war es soweit. „Heute sind Andenhausen und Empfertshausen für uns so selbstverständliche Nachbarorte wie die Tanner Stadtteile Günthers und Schlitzenhausen. Man kennt sich, trifft sich, feiert gemeinsam“, sagt Thomas Schröder. „Kaum zu glauben, dass das vor 30 Jahren noch eine komplett andere Welt war.“

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