Reformation und Provokation: Lutherweg wird eröffnet

18. Mai 2019
Tann

Nein – Martin Luther ist nie in Tann gewesen. Dennoch hatte der Reformator großen Einfluss auf die Rhönstadt. Das verdeutlicht ein knapp drei Kilometer langer Skulpturenweg, der teilweise auf der Strecke des Hochrhöners verläuft.

Der „Lutherweg“, der an der Tanner Stadtkirche beginnt und am Marktplatz endet, bietet einen Ausblick auf das Rhönstädtchen und am Ende die Möglichkeit, in zwei Gaststätten „luthertypisch“ zu essen, schreibt der Landkreis in einer Pressemitteilung.

Wer sich mit den Kunstwerken und den Info-Tafeln auseinandersetzt, erfährt an insgesamt acht Stationen Interessantes aus der Biographie Luthers, aus der Tanner Stadtgeschichte – und erhält Anregungen zum Philosophieren und Diskutieren, sei es zu Luthers Einstellung gegenüber Frauen, Juden und Adeligen oder, wie bei der Station des „Glaubensschiffs“, zu Kirchenspaltung und Ökumene.

Hätte Luther Smartphones gemocht?

Nicht umsonst spiegelt sich im Logo der Begriff „Reformation“ als „Provokation“ wider. Eine Anregung zum Nachdenken gibt es gleich bei der ersten Station: dem Denk-Kreuz zur digitalen Revolution, die als modernes goldenes Kalb bezeichnet wird. Hätte der Reformator – der geschickt die Möglichkeiten der Massenkommunikation seiner Zeit nutzte – heute auf Social Media gesetzt und hätte er Smartphones oder Funkmasten auf Kirchen kritisch gegenübergestanden?

Das Denk-Kreuz ist 2017 anlässlich des 500. Jubiläums der Reformation als Projekt des Tanner Kultur- und Geschichtsvereins entstanden. „Das Jubiläumsjahr hat viele Impulse gegeben, auch Nicht-Theologen haben sich mit Martin Luther und der Reformation beschäftigt und ganz neue Facetten entdeckt“, erläutert Klaus Schuhmacher, einer der beiden Initiatoren des Lutherwegs. Diese Erkenntnisse wollte der in Tann lebende Grafiker aufgreifen.

„Als ich aus dem Rhein-Main-Gebiet zugezogen bin, war ich erstaunt, dass es sich bei der Tanner Stadtkirche um eine evangelische Kirche handelt – mitten im katholischen Fuldaer Land“, erinnert sich Schuhmacher, der sich daraufhin für den historischen Hintergrund interessierte.

Zusammenarbeit mit kontroversen Diskussionen

Während er den Schwerpunkt des Projekts auf Geschichte und Gesellschaft legte, war der zweiten Beteiligten Doris Reim der religiöse Aspekt wichtiger. In ihrer Freizeit erläutert die Künstlerin als ausgebildete pädagogische Kirchenführerin die Symbolik von Kirchen und ihrem Inventar. „Die intensive Beschäftigung mit Luther hat mir neue Glaubensimpulse gegeben, die ich gerne an die Besucher des Wegs weitergeben möchte.“ Zudem konnte sie ihre Erfahrungen einfließen lassen, die sie vor zehn Jahren bei der Gestaltung des „Gestütwegs“ – einem historischen Themenweg in ihrem Wohnort Mansbach – erworben hat.

Bereits bei den zwei Straßenmal-Festivals Via Pictura haben die beiden Mitglieder des Tanner Kultur- und Kunstvereins Kunst und Unterhaltung verknüpft – genau wie jetzt beim Lutherweg. Zu diesem gehört beispielsweise auch eine Tafel, hinter der man sich in Luther oder dessen Frau Käthe „verwandeln“ und fotografieren lassen kann.

Diesmal war die Zusammenarbeit der beiden kreativen Köpfe von kontroversen Diskussionen begleitet: Schuhmacher wollte provozieren, Reim „Stationen der Werte und Orientierung schaffen“. Am Ende ist die Symbiose gelungen. Der Weg bietet gleichermaßen Anregungen für Einheimische und Touristen, für Gläubige, für Kunst- und Geschichtsinteressierte. Finanziert wurde das Projekt in Trägerschaft der Stadt Tann aus europäischen und hessischen Mitteln für die Entwicklung des ländlichen Raums.

Die Stadt Tann lädt am Samstag, 18. Mai, um 13 Uhr zur Eröffnung des Lutherwegs an den Festplatz am Unsbach ein. Die Initiatoren bieten eine Führung an und stehen für Fragen zur Verfügung. / lea