Wasserkuppe ist ein Eldorado für Segelflieger

09. August 2014
Wasserkuppe

Die Wasserkuppe ist ein Eldorado für Segelflieger mit bis zu Tausend Starts im Jahr. Gegenüber vom Flugplatz steht das weltgrößte Segelflugmuseum, in dem die Geschichte der Himmelsgleiter mit eindrucksvollen Fluggeräten dargestellt wird.

Gegenwart und Vergangenheit des Segelfliegens liegen auf der Wasserkuppe nur wenige Meter voneinander entfernt. Auf der einen Seite befindet sich das Deutsche Segelflugmuseum. Im weltgrößten Museum dieser Art sind eindrucksvolle Exponate ausgestellt. Auf dem gegenüberliegenden Areal liegt der Flugplatz, von dem auf Hessens höchstem Berg Piloten und Passagiere in die Luft gehen. Wohl nirgendwo in den Hessen ist man dem Himmel so nah wie auf dem 950 Meter hohen Berg in der Rhön. Die Wasserkuppe gilt zugleich als die Geburtsstätte des Segelfliegens in Deutschland.

Herr des Geschehens auf dem Flugplatz ist Harald Jörges. „Das Segelfliegen ist ein wichtiger Motor für den Fremdenverkehr hier. Die Wasserkuppe hat durch die Fliegerei einen großen Bekanntheitsgrad erlangt“, erklärt der 58-Jährige.

Von der Wasserkuppe heben aber nicht nur die Segelflieger ab. Kleine Motorflugzeuge und -segler starten zu touristischen Rundflügen. Und auch Ultraleichtflugzeuge, Hängegleiter, Gleitschirm-, Drachen- und Modellflieger gehen in die Luft. Insgesamt 20.000 Starts zählt der Flugplatz im Jahr, Hauptsaison für die Segelflieger (etwa 14.000 Starts) ist von April bis Oktober. Die Segelflugschule auf der Wasserkuppe ist nach eigenen Angaben die älteste der Welt. Sie wurde 1924 gegründet und feiert 2014 ihr 90-jähriges Bestehen.

Einer der ältesten Piloten auf der Wasserkuppe, der immer noch aktiv ist und ambitionierte Flüge unternimmt, ist Edgar Kremer. Er besitzt den Segelflugschein seit 60 Jahren. Und trotz seines Alters von 78 Jahren fliegt er nicht selten Hunderte Kilometer am Tag. Mal nach Dresden, direkt hinüber nach Schwäbisch Hall und wieder zurück. Probleme, die Erlaubnis vom Fliegerarzt zu bekommen, hat er nicht. „Das ist nicht selbstverständlich in dem Alter“, sagt Kremer.

Der Pilot hat Flugzeugbau beim Segelflugzeughersteller Alexander Schleicher im benachbarten Poppenhausen gelernt. Er ist seit Jahrzehnten für die Geschäfte mitverantwortlich und ist der Schwiegersohn des Firmengründers. Die seit 1927 bestehende Firma gehört zu den weltweit ältesten ihrer Art und ist mit ihren 120 Mitarbeitern Kremer zufolge globaler Marktführer.

Gute Maschinen kosten 100.000 bis 300.000 Euro. Sie sind etwa 300 Kilogramm schwer und haben eine Spannweite von 15 bis 28 Meter. Kremer hat die Entwicklung der Segelflieger aus Holz hin zu Hightech-Maschinen aus modernen Werkstoffen wie Kohlefasern mitgestaltet.

Chris Jörges ist durch seinen Vater Harald zum Segelfliegen gekommen. Der 28-Jährige ist mittlerweile selbst Fluglehrer und von seinem Hobby fasziniert: „Die Kraft des Windes zu nutzen, die Thermik zu spüren. Besonders in den Alpen ist es eindrucksvoll. Dort kreisen die Adler mit einem. Und das Panorama dort oben ist atemberaubend.“

Von derart weiten und hohen Flügen konnten die Pioniere des Segelfliegens nur träumen. Im Jahr 1911 wagten Darmstädter Gymnasiasten erste Experimente auf der Wasserkuppe. 1912 schafften sie mit einem selbst gebauten Gleiter einen Weltrekordflug. In 110 Sekunden legte Hans Gutermuth (1893-1917) 843 Meter zurück. Ein Nachbau dieses historischen Fluggeräts ist im Segelflugmuseum, dem größten weltweit, auf der Wasserkuppe zu sehen.

Zuvor waren nur Otto Lilienthal (1848-1896) mit einem Doppeldecker-Gleiter erste Flugversuche ohne Motor in Deutschland geglückt. In den Rhinower Bergen (Brandenburg) gelangen dem Ingenieur 1891 mit einer Eigenkonstruktion 400 Meter durch die Luft.

Im 1987 eröffneten Segelflugmuseum sind 56 Flieger auf 4000 Quadratmetern ausgestellt, zum Teil Nachbauten historischer Fluggeräte. „Aber nicht die Zahl ist das Beeindruckende, sondern der Querschnitt der Segelfluggeschichte. Wir haben eine Vielzahl von Segelfliegern, die es weltweit sonst nirgendwo mehr gibt. Wir bilden hier alle Meilensteine der Entwicklung ab“, erklärt die Archivarin des Museums, Claudia Stengele.

Deutschland ist ohnehin das Segelflug-Land Nummer eins weltweit. Es gibt die meisten Piloten, Maschinen und Flugplätze, wie der Generalsekretär des Deutschen Aero Clubs, Thomas Diener, sagt.

Das Segelfliegen auf der Wasserkuppe soll Kulturerbe der UNESCO werden. Hessen hat ihn als Beitrag für das UNESCO Immaterielle Kulturerbe nominiert. Ob er auf die deutsche Liste kommt, entscheidet das Expertenkomitee der deutschen UNESCO-Kommission im Herbst. 2015 fällt dann die Entscheidung, wer es auf die begehrte Liste schafft.

Mit dem geplanten weltweiten Verzeichnis will die UNESCO „einzigartige kulturelle Traditionen und Ausdrucksformen ausfindig machen, sammeln und präsentieren.“ Zum Immateriellen Kulturerbe zählen unter anderem Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturheilkunde und Handwerkstechniken – und bald vielleicht auch der Segelflug auf der Wasserkuppe.