„Sobald eine Frau Mutter wird, hält die „Gehaltsuhr“ an und bleibt so lange stehen, bis sie wieder kommt.“

08. März 2018
Fulda

Immer wieder fragen sich Frauen: Werde ich Mutter oder mache ich Karriere? Dass eine gute Mutter gleichzeitig im Beruf erfolgreich sein kann, weiß Martin Wehrle, Karriereberater und Bestseller-Autor. Seine Erfahrungen teilt er am heutigen Donnerstagabend in Fulda. Einen Vorgeschmack zu seinem Thema Frauenkarriere bekommen Sie in unserem Interview.

Von unserem Redaktionsmitglied Eva Rützel

Im folgenden Interview gibt Martin Wehrle Tipps, wie es jungen Müttern leichter fallen kann, Karriere zu machen, wie auch Frauen zu Führungspositionen kommen und warum das weibliche Geschlecht häufig weniger verdient.

Herr Wehrle, was raten Sie jungen Müttern, die gleichzeitig Karriere machen wollen?

Die Firma muss erst einmal zu einer solchen Kultur passen. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Frauen sollten sich Betriebe suchen, in denen es Vorbilder gibt: Frauen in der Führungsetage, die ebenfalls Kinder haben und dennoch und vielleicht auch gerade deshalb Karriere machen.
Es gibt Firmen, die achten nur auf die Anwesenheit, da hat man es als junge Mutter natürlich extrem schwer. Und es gibt andere Firmen, die mehr eher darauf achten, was jemand am Arbeitstag leistet. Frauen sind oft sehr effektiv in ihrer Arbeit, kriegen oft sehr viel auf die Reihe in kurzer Zeit. Deshalb ist dieser Ansatz sehr gut.

Ich finde es immer so bemerkenswert, wenn ein Mann ein Kind bekommt, dann klopfen ihm seine Vorgesetzten auf die Schulter und gratulieren, weil sie sich von einem Mann in der Versorgerrolle noch mehr Leistung erhoffen. Wenn eine Frau ein Kind erwartet, hakt man sie im Grunde genommen ab und sagt, sie hat sich für das Kind und gegen die Karriere entschieden. Das ist ein erheblicher Fehler der Firmen, dass sie nicht erkennen, dass das eine das andere überhaupt nicht ausschließt.

Wie können Frauen Führungspositionen übernehmen? Muss sich auch im Denken der Frauen etwas ändern?

Ja natürlich. An verschiedenen Stellen muss sich jetzt etwas ändern. Laut einer Studie bewerben sich Frauen auf eine Position, wenn sie 90 Prozent der Anforderungen erfüllen, Männer bewerben sich, wenn es nur 60 sind. Frauen schauen eher darauf, was sie nicht können oder was gegen sie spricht, während Männer sich mehr zutrauen. Und das führt natürlich dazu, das Männer von da aus schon mal im Vorteil sind.

Ein zweiter Aspekt, der hinzu kommt: Männer bilden starke Netzwerke, meistens mit anderen Männern. Nach einem Seminar gehen Männer beispielsweise nicht in ihr Hotelzimmer, um am nächsten Tag wieder schön wach zu sein, sondern sie gehen runter an die Bar, tauschen Visitenkarten aus und erfahren immer direkt, wenn irgendwo eine interessante Position frei wird.

Wenn zwei Männer um eine Position konkurrieren gilt diese Feindschaft nur so lange, bis die Sache entschieden ist. Oftmals empfehlen Männer auch ihre Kollegen an den Arbeitgeber. Dieser Zusammenhalt ist bei Männern wesentlich ausgeprägter als bei Frauen, die sich oft als Konkurrentinnen wahrnehmen.

Frauenkarriere mit Hindernissen: Bestseller-Autor Martin Wehrle liest heute in Fulda

Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen fällt vielen Frauen nicht leicht. Intolerante Arbeitgeber zeigen oft kein Verständnis und wählen mit deutlicher Mehrheit Männer für Führungspositionen aus. Der Karriereberater und Bestseller-Autor Martin Wehrle befasst sich in seiner Lesung mit Vortrag am Internationalen Frauentag, 8.

Warum haben Frauen oft eine schlechter bezahlte Arbeitsstelle als Männer?

Sachliche Gründe gibt es keine. Sobald eine Frau Mutter wird, hält die „Gehaltsuhr“ an und bleibt so lange stehen, bis sie wieder kommt, als hätte sie in dieser Zeit überhaupt nichts für sich gelernt. Dabei ist Mutter oder Vater sein eine wunderbare Management-Schulung, wobei man ganz viel über Menschenführung lernt, über den Umgang mit kritischen Situationen, das Verwalten eines kleinen Budgets und das damit klar kommen.

Der zweite Punkt, der ebenso wichtig ist: Frauen wählen häufig Berufe, in denen es um das Wohl von Menschen geht und achten nicht so sehr auf das Geld. Männer bevorzugen oft technische Berufe. Ein Ingenieur verdient ungefähr doppelt so viel verglichen mit einer Krankenschwester.

Der dritte Grund ist: Männer fordern offensiv mehr Gehalt und gehen öfter in Gehaltsverhandlungen. Sie stellen auch hohe Forderungen. Frauen sagen in der Beratung zu mir oft: „Das muss der Chef doch sehen, was ich alles leiste.“ Solange aber niemand protestiert, gehen die Arbeitgeber in der Regel davon aus, dass sie zufrieden sind.

Welche Tipps haben Sie für Frauen, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen?

Man sollte klare Ziele in der Firma vereinbaren und darüber sprechen, dass man an den Zielen und der Leistung gemessen wird und nicht an der Anwesenheit. Ich persönlich bin mir ganz sicher, dass man in vier Stunden konzentrierter Arbeit mehr und Besseres leisten kann, als wenn man nach 14 Stunden übermüdet irgendetwas entscheidet.

Außerdem ist es wichtig, den richtigen Mann zu suchen: Es ist ziemlich rätselhaft, warum ausschließlich die Karriere der Frauen unter dem Kind leidet, während Männer nach der Geburt eines Kindes laut Studien ihre Arbeitszeit erhöhen. Da müssen wir mal über unser Rollenbild nachdenken, im Großen als Gesellschaft, aber eben auch als Frau im Umgang mit meinem Partner.

Außerdem brauchen Frauen Strategien, wie sie aus ihrer Gehaltsvorstellung eine Forderung ableiten können, wie sie sich auf Führungspositionen bewerben und wie sie ihr Gehalt nach oben pokern. Sie müssen Verhandlungsspielräume einplanen, zum Beispiel 750 Euro mehr Lohn fordern, um 500 Euro mehr zu bekommen.