Standhaft bleiben: Wie sich Fuldas Fachhändler gegen die Handels-Giganten behaupten

23. September 2015
FULDA

Wie lange wird es in Fulda noch die bunte Vielfalt spezialisierter Einzelhändler geben? Bisher behaupten sie sich als David im Kampf gegen den Goliath Internet und Großhandel. Ganz ohne Frust geht das nicht. Ihren Lebenstraum wollen die Händler dennoch nicht aufgeben.

Von unserer Mitarbeiterin Carolin Hasenauer

Es ist ein Kampf wie David gegen Goliath, wenn der Einzelhandel gegen Internet und Großhandel antritt. Während in vielen kleineren Städten die Schaufenster zunehmend leer sind oder Ware von Ketten präsentieren, halten in Fulda einige stark spezialisierte Händler dagegen.

In der Löherstraße, aber auch weiter im Zentrum, bieten sie Waren wie Naturtextilien, Rasierer, Schallplatten und Holzspielzeug an. Auch wenn der Druck durch die mächtige Konkurrenz wächst: Aufgeben möchte keiner der Händler.

Viele haben sich mit ihrem Geschäft einen Traum erfüllt. Sie wollen ihren Kunden das bieten, was sie im Internet nicht finden. Unsere Reporterin Carolin Hasenauer hat einige von ihnen besucht und mit ihnen gesprochen. Startpunkt war die Buchhandlung Ulenspiegel.

„Löherstraße eine Art Kiez“

„Wir bieten den Kunden spezialisierte Ware. Von Kunst über Originalgrafiken und Wein bis zu antiquarischen Büchern. Zudem veranstalten wir Lesungen und Matinées“, sagt Anne Braun, langjährige Mitarbeiterin der Buchhandlung Ulenspiegel. „In Zusammenarbeit mit dem Café gegenüber stellen wir den Gästen bei Frühstück oder Kaffee verschiedene Werke vor“.

In der Buchhandlung schätzten die Kunden besonders die urige Atmosphäre, das persönliche Gespräch, die Beratung und das Angebot, sagt Braun. „Wir haben nicht nur Mainstream.“

Durch die Interessengemeinschaft Löherstraße ist die Straße „zu einer Art Kiez geworden“. Es finde ein guter Austausch zwischen den Läden statt. Es sei natürlich spürbar, dass viele nicht mehr vor die Tür und normal einkaufen gingen. Inhaber Manfred Borg bleibt dennoch standhaft. Seit 32 Jahren hat er den Buchhandel – und wird ihn auch weiterhin führen.

Seit 30 Jahren Vinyl

Beim Nachbarn des Ulenspiegel geht es musikalisch zur Sache: Marleen Records gibt es bereits seit 30 Jahren. Seit 17 Jahren ist Martin Hasenauer Inhaber des Ladens. „Wir schreiben Flexibilität, Kundennähe und Beratung groß. Dadurch setzen wir uns vom aggressiven Großmarkt ab“, sagt er. „Hier spielt die soziale Komponente eine große Rolle.“

Auf zwei Etagen bietet Hasenauer unter anderem Rock, Pop, Metal, Soul und Hip Hop auf Schallplatten an. Einmal im Jahr, am weltweiten „Record Store Day“, dürfen sich die Kunden zudem auf besondere, teils limitierte Platten freuen. Auch CDs und DVDs stehen in den Regalen von Marleen Records.

Kundentreue über Generationen

Sich vom Großmarkt abzusetzen ist auch Susanne Haschkes Ziel. Sie ist Geschäftsführerin und Gründerin des Elektrofachmarktes Haschke. „Service und Kundennähe sind die Dinge, die unsere Kunden an uns schätzen.“ Sich gegen das Internet durchzusetzen, sei für sie natürlich ein Thema, allerdings kein allzu vordergründiges.

„Schwierig ist es oft, freundlich zu bleiben. Viele Kunden kommen, um Fachinformationen zu bekommen, und gehen dann in einen Großhandel, um das Gerät dort billiger zu kaufen“, sagt sie. Dennoch: „Unsere Stammkunden bleiben uns treu, oft über Generationen hinweg“.

150 Jahre Bettenhaus

Diese Erfahrung macht auch das Bettenhaus Köhler. „Wir bedienen oft Stammkunden in zweiter und dritter Generation. Qualität spricht sich eben herum“, sagt Irmgard Köhler, Inhaberin des Fachgeschäftes.

„Das Besondere ist, dass wir uns individuell mit den Bedürfnissen der Kunden auseinandersetzen. Wir gehen den Wünschen auf den Grund.“ Bereits seit 150 Jahren gibt es den Fachhandel in der Unterstadt – seit nunmehr fünf Generationen. „Die sechste steht in den Startlöchern.“

„Hier werde ich alt“

Ein paar Schritte weiter in Richtung Zentrum befindet sich das Schuhgeschäft Berk’s Footwear. „Unser Angebot ist einzigartig“, sagt Gründer und Inhaber Ercan Berk. Zusammen mit seinem Bruder leitet er das Geschäft. „Wer einmal kommt, kommt immer wieder.“ Das Besondere am Angebot: „Die Schuhe stammen meist aus europäischer Produktion“, sagt Berk.

Creatime auf derselben Straßenseite verkauft Kleidung aus Naturtextilien. „Den Laden zu gründen war immer mein Lebenswunsch“, sagt Marlies Piechotka, Gründerin und Inhaberin von Creatime. Sie verkauft und produziert selbst – und gibt Kurse. “So etwas bekommt man nicht im Internet.“ Im nächsten Jahr feiert sie 20-jähriges Jubiläum. Schluss ist dann noch lange nicht. „Hier werde ich alt“, sagt Piechotka zufrieden.

Die Murmel will nicht aufgeben

Weniger rosig sieht es für den Fachhandel für Holzspielzeug Die Murmel aus. „Gegen das Internet oder große Filialen anzukommen, funktioniert gar nicht. Das macht uns zu schaffen“, sagt Renate Crewing, Gründerin und Leiterin des Fachhandels. Zusammen mit ihrer Freundin Doris Heil hat sie vor 33 Jahren das Geschäft eröffnet.

„Wir hatten die Idee, als unsere Kinder noch klein waren. Damals gab es kein pädagogisch wertvolles, nachhaltiges Spielzeug – genau wie heute.“ Obwohl die große Kundschaft ausbleibt, wollen sie den Laden noch nicht aufgeben: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Aussterbende Rasse?

Der Überlebenskampf gegen die Internet-Riesen beschäftigt auch Judith Vey. „Die Kunden lassen sich hier beraten und gehen dann ins Internet“, sagt die Geschäftsführerin von Rasierer Müller.

Eines ist klar: Das große Geld winkt Fuldas Fachhändlern nicht. Das ist jedoch auch nicht deren Ziel. Für alle war es vor vielen Jahren ein Anliegen, ein Traum oder ein Ziel, sich selbstständig zu machen. „Reich wird man damit nicht“, sagt Bernd Lembach, Gründer und Inhaber der Konditorei Lembach. „Damit erfülle ich mir aber meinen Lebenstraum.“

Mit ihren Lebensträumen setzen sich die alteingesessenen Fachgeschäfte vom Einerlei in den meisten Städten ab. Spezielle und einzigartige Angebote, persönliche Beratung und eine private Atmosphäre sollen den Kunden einladen, sich beim Einkauf wohlzufühlen. Obwohl sich viele natürlich Sorgen um ihr „Baby“ machen, bleiben sie standhaft. Die aussterbende Rasse der „inhabergeführten Geschäfte“ hält den Atem an – und durch.