Streit um Blasenspiegelung: Urologen in Osthessen treten in Teil-Streik

15. November 2019
Fulda

Osthessens Urologen gehen auf die Barrikaden: Ab nächsten Montag führen sie zwei Wochen lang Blasenspiegelung nur noch in Notfällen durch. Sie protestieren dagegen, dass sie ständig wachsende Hygieneanforderungen einhalten sollen, ihnen die Erfüllung aber nicht bezahlt wird.

Von unserem Redaktionsmitglied Volker Nies

Die Urologen kämpfen um eine angemessene Vergütung für die Aufbereitung der Instrumente zur Blasenspiegelung. „Die Situation verschärft sich seit Jahren. In unseren Praxen müssen wir mittlerweile die Hygienestandards von Kliniken erfüllen. Das ist sachlich nicht angemessen“, sagt Dr. Dr. Werner Holtermann, Urologe in Gersfeld und Mitglied im Aufsichtsrat der Hessischen Urologen.

Im Mittelpunkt des Konflikts steht die Blasenspiegelung, eine Untersuchung, die in urologischen Praxen tagtäglich vorkommt. Mit ihr werden Blasenerkrankungen diagnostiziert. Dabei führt der Arzt ein Zystoskop – einen elastischen Schlauch, der mit einer kleinen Kamera verbunden ist – in die Blase ein. Im Jahr werden in Deutschland 675.000 Blasenspiegelungen vorgenommen, 55.000 in Hessen. Nach jedem Eingriff wird das Zystoskop desinfiziert und zum Teil sterilisiert.

200 Blasenspiegelungen fallen in der Region aus

Allerdings: Die Hygiene-Anforderungen an die Aufbereitung von Endoskopen, gerade von flexiblen Zystoskopen, sind durch den Gesetzgeber in den vergangenen Jahren kontinuierlich und deutlich verschärft worden. Das bedeutet: deutlich mehr Aufwand in den Praxen. Bezahlt wird diese Anforderung von den Krankenkassen aber nicht.

Dagegen ruft der Bundesverband Deutscher Urologen zum Protest auf. Er rät seinen Mitgliedern, die Blasenspiegelung eine Zeit lang auszusetzen. Die osthessischen Urologen schließen sich ab Montag für zwei Wochen an. Das bedeutet: In ihren Praxen fallen nun insgesamt knapp 200 Blasenspiegelungen aus.

Alle Urologen in Osthessen beteiligen sich

„Die Entscheidung dazu ist uns schwergefallen“, sagt Holtermann. „Wir wollen keine Abstriche an der Hygienequalität, sondern eine aufwandsgerechte Vergütung.“ Alle Urologen in Osthessen beteiligen sich an dem Protest. Das sind Praxen in Fulda, Gersfeld, Lauterbach und Schlüchtern, berichtet Holtermann.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) äußert Verständnis. KBV-Sprecher Roland Stahl sagt: „Wir haben das Problem erkannt und verhandeln darüber zur Zeit mit den Krankenkassen – genauer: mit dem GKV-Spitzenverband – im Zuge der anstehenden EBM-Reform.“ Der EBM ist der Einheitliche Bewertungsmaßstab, über den die niedergelassenen Ärzte ihre Leistungen für Krankenkassen-Patienten abrechnen.

Scharfe Kritik von den Krankenkassen

Der Spitzenverband der Krankenkassen übt hingegen scharfe Kritik: „Die Ankündigung der Urologen, wichtige medizinische Leistungen nicht mehr zu erbringen, weisen wir scharf zurück. Wir teilen die Einschätzung des Berufsverbandes, dass es hier ein Problem gibt und arbeiten bereits gemeinsam mit der KBV an einer Lösung“, sagt Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes.

Hintergrund: Das Gesundheitsamt Ludwigshafen hat Ende 2018 zwölf urologischen Praxen in Rheinland-Pfalz die Durchführung von Blasenspiegelungen (Zystoskopien) untersagt, da die Aufbereitung nicht durch externe Prüfer untersucht worden war. Im Januar 2019 stellten die Urologen in der Südpfalz die Durchführung von Zystoskopien vorerst ein. Für die höheren Standards wollen die Krankenkassen aber nicht zahlen. Verhandlungen um eine Kostenerstattung für die höheren Hygienestandards blieben bislang ohne Ergebnis.

Um die Hygienevorschriften in der Praxis einzuhalten, fallen für die Aufbereitung des flexiblen Zystoskops Lohn- und Sachkosten von 170 Euro an – und das bei jeder Untersuchung. Das von den Kassen gezahlte Honorar beträgt aber nur 47 Euro beim Mann und 28 Euro bei der Frau. Für Hessens Urologen geht es um acht Millionen Euro im Jahr, die sie – wie sie meinen – zu wenig erhalten. Bundesweit fehlen den Urologen 100 Millionen Euro.

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