Nach 17 Jahren Leerstand: Abrissparty zum Abschied vom Gasthof Ebert

10. Januar 2020
Mittelkalbach

Fasching, Kommunion, Tanz- und Musik: Einst feierten im Gasthof Ebert Hunderte ausgelassen bis in die Morgenstunden. Zur Abrissparty am Freitag erwachte das Gebäude nach Jahren des Leerstands noch einmal zum Leben.

Von unserem Redaktionsmitglied Marcus Lotz

Fragt man als Ortsunkundiger am Freitagnachmittag nach dem Weg zum Gasthof Ebert, geben die Einheimischen eine unmissverständliche Weisung: „Da, wo die vielen Leute sind.“ Und tatsächlich: Trotz Dauerregen drängen sich bereits dutzende Menschen unter großen Regenschirmen vor dem ehemaligen Gasthof.

Das Innere des Gebäudes offenbart eine skurrile Mischung aus Leben und Verfall: Durch die teilweise kaputten Fenster des alten Gebäudes fällt ein wenig Licht auf den alten Tanzsaal, der so dick mit Staub bedeckt ist, dass man fast meinen könnte, es habe ein wenig geschneit. Knarrige Holzdielen, Geflechte aus Spinnweben sowie herumliegender Schutt vermitteln ein Gefühl von Trostlosigkeit. Und mittendrin: Viele Menschen, die zusammenstehen, sich angeregt und lachend unterhalten oder sich in Grüppchen – mit Smartphone oder Taschenlampe bewaffnet – auf Entdeckungstour begeben und dabei sicherlich auf so manche schöne Erinnerung stoßen.

Der Gasthof verbindet

„Wenn hier die Tür aufging, spürte man das Leben“, erinnert sich ein 67-Jähriger aus Heubach. Im Saal zu feiern, das sei damals „ein Highlight“ gewesen. „Es war jede Woche Musik“, erinnert sich eine Besuchergruppe aus Veitsteinbach. Eine Frau aus Mittelkalbach, die keine 200 Meter weiter geboren wurde, erzählt: „1975 habe ich hier an der Sektbar gearbeitet, sie immer wieder aufgefüllt – und auch manches Mal geleert.“

Ob zum Essen, zur Kommunion, zum Fasching oder einfach nur zum Feiern – einige der Menschen, die durch die verfallenen Räume gehen, verbindet mit diesem Ort eine Geschichte. „Viele haben sich hier kennengelernt“, hört man immer wieder. Eines dieser Pärchen steht gleich am Eingang und begutachtet das Gebäude. Die beiden kommen aus Oberkalbach. „Es war eine schöne Zeit“, sagt die Frau lächelnd und ihr Mann mutmaßt: „Bestimmt acht von zehn Kalbachern haben sich hier kennengelernt. Es war der Treffpunkt im Ort.“

Ein Sammelsurium an Anekdoten kennt ein weiterer Mittelkalbacher: „Hier waren manchmal 1000 Leute an einem Abend, viele aus dem Ort, manch einer auch aus weiter entfernten Städten wie Gelnhausen. Die haben alles zugeparkt, das war Wahnsinn.“ Gut erinnert sich der Mann an die Feiern: „Manchmal kamen wir morgens um 7.30 Uhr aus der Sektbar, und dann ging es direkt im Anschluss in die Frühkirche“, erzählt er lachend.

So unterschiedlich die Erinnerungen an den ehemaligen Gasthof Ebert sind, so einig sind sich die Leute darin, dass der Anblick des Gebäudes in seinem heutigen Zustand sie traurig und betroffen macht. „Es ist ein bisschen wie auf einer Beerdigung“, meint der Heubacher nachdenklich.

17 Jahre Leerstand

Doch manch einer ist auch froh darüber, dass es weitergeht. Auf einem Großteil des 5600 Quadratmeter großen Areals soll künftig eine drei- oder viergliedrige Wohnanlage mit mehr als 20 Wohnungen sowie Gewerbeeinheiten entstehen. 2021 könnte Baubeginn sein. Das teilte Alexander Hohmann bei der Präsentation seiner Pläne Ende des vergangenen Jahres mit. Dazu soll der Gasthof nach 17 Jahren Leerstand in diesem Jahr abgerissen werden.

Ebert

Zuletzt war der Gasthof Ebert in der Ortsmitte ein Sorgenkind: Galt er in den 1960er- und 70er-Jahren als Mekka für Musik- und Tanzbegeisterte der Region, lagen zuletzt weite Teile des Areals brach; es verwilderte. Haupthaus und Saal, in dem sich einst bei Veranstaltungen mitunter mehr als 800 Besucher drängten, standen leer und sind inzwischen baufällig. / nz

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Das mehr als zehn Jahre lang brach liegende Ebert-Gelände im Ortskern von Mittelkalbach findet eine neue Bestimmung. Die dort bestehenden Gebäude werden zu Beginn des Jahres abgerissen, im Jahr 2021 soll dann auf dem etwa 6500 Quadratmeter großen Grundstück der Bau von drei bis vier Mehrfamilienhäusern beginnen.

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