Stefan Pappert aus Niederkalbach ist Küchenchef im Wembley-Stadion in London

16. November 2019
Kalbach/London

Es gibt wenige Menschen, die von sich behaupten können, so viele Frauen (und auch Männer) gleichzeitig glücklich machen zu können wie Stefan Pappert aus Niederkalbach. Der 42-Jährige Wahl-Londoner bringt es nicht nur fertig, Fußballteams wie die DFB-Frauen oder die Eintracht, sondern auch Popstars wie Robie Williams oder gar die Queen zu verköstigen.

Von unserem Redaktionsmitglied Christian Halling

Wer sich ein bisschen länger mit Stefan Pappert unterhält, der hat schnell ein gutes, vertrautes Gefühl. Obwohl er gerade mit seinem ganzen Team das Catering für das Konzert der Sopranistin Sarah Brightman in der Royal Albert Hall schmeißt, nimmt sich der Küchenchef aus Osthessen gleich sechsmal so viel Zeit zum Reden wie die vorab verabredeten zehn Minuten.

Pappert weiß, wie Smalltalk funktioniert – und womöglich hat ihm vor allem diese Eigenschaft geholfen, auf der ganzen Welt klarzukommen, nachdem ihm Fulda nach der Ausbildung zum Heilerziehungspfleger 2001 zu klein geworden war. Schema F ist nicht sein Ding, sonst wäre es ihm wohl nicht gelungen, auf seiner Work-and-Travel-Tour als Bestatter in Australien, Reiseführer in Neuseeland oder Lehrer in Afrika zu jobben.

Einladung von Pep Guardiola

Übers Burger-Grillen in New York fand Pappert später den Draht nach München, wo er von 2005 bis 2015 unter anderem am Tollwood-Festival und – freilich – der Wiesn Großprojekte zu stemmen hatte. Richtig angekommen fühlt er sich aber erst seit wenigen Jahren, und zwar in London.

„Ich habe viel für die Paulaner Brauerei gemacht, und irgendwann wurde ich gefragt, ob ich nicht in London eine Paulaner-Stube mit eröffnen wolle. Das war für mich ein spannendes Projekt, und ich habe sofort zugesagt“, erinnert sich der Niederkalbacher zurück ans Jahr 2015. Dass das Leben auch im Land des Linksverkehrs keine Einbahnstraße ist, musste Pappert rasch erkennen: die Paulaner-Stube lief nicht.

Doch der nächste Step kam, ohne dass Pappert auch diesmal einen Buchstaben für ein Bewerbungsschreiben oder einen Lebenslauf in den PC tippen musste. Pep Guardiola, der den 42-Jährigen von der Wiesn und Cateringaufträgen bei den Münchner Bayern kannte, lud Pappert unvermittelt mal zu einem FA-Cup-Spiel ins Londoner Wembleystadion ein.

Zufall und Vitamin B

„Ich kam beim Spiel ins Gespräch mit dem damaligen Wembley-Küchenchef, der ging wenig später zu Tottenham – und kurzerhand stand ich vor den Kochtöpfen des englischen Nationalstadions“, erinnert er sich zurück. Heute hat Pappert, der es laut eigener Aussage nie auf etwas angelegt hat und oft einfach vom Zufall und Vitamin B profitierte, sein eigenes Küchenteam zur Hand.

Der Niederkalbacher, der sich früher an den Rezepten seiner Oma versuchte und das Kochen im Grunde selbst beigebracht hat, ist insbesondere mit der Vorbereitung der Speisen betraut: „Ich bestelle, koordiniere und delegiere. In der Küche brate ich meistens nur noch an“, beschreibt der 42-Jährige sein Stellenprofil.

Seine „Wohnzimmer“ sind Wembley und das Emirates-Stadion von Arsenal London, von Zeit zu Zeit beliefert er auch die neue White Hart Lane von Tottenham, die Stamford Bridge von Chelsea – oder eben die Royal Albert Hall, wie Anfang dieser Woche, sei es größtenteils für Sportevents oder auch Konzerte.

„Die Kohle ist geregelt, die Arbeitszeit nicht“

Pappert genießt das Wirken in der Küche. Das muss auch so sein, denn Zeit für Privates oder Urlaub bleibt eigentlich keine. „Die Kohle ist geregelt, die Arbeitszeit nicht“, erklärt der Chefkoch lachend. Stark belastet wirkt Pappert trotzdem nicht. Gerade der Umgang mit den vielen Sportlern und Künstlern halte ihn jung und vital.

„Neulich haben nach den Herren 2017 auch unsere DFB-Frauen in Wembley gespielt, in zwei Wochen kommen die Jungs von der Eintracht. Im Februar steht eine riesen Geburtstagsparty von Robbie Williams an. Zwischendurch habe ich noch einen Auftrag in Singapur“, skizziert der Mann aus dem kleinen Niederkalbach sein Programm.

Grüne Soße für die SGE-Jungs

Von den Events selbst bekommt er meist sogar relativ viel mit, „denn wenn es losgeht, ist in der Küche schon ganz viel erledigt.“ Bei seinen Lieblingskünstlern wie Bon Jovi lässt der 42-Jährige dann die Küchenschürze auch mal länger am Herd hängen.

Pappert kocht im Grunde alles, wobei bei den Gästen meistens das Schlichte am besten ankommt. „Einfaches gut gemacht“, ist häufig das Motto, vor allem wenn die Fußballer kommen. Was steht denn bei der Eintracht auf dem Speiseplan? „Frankfurter Grüne Soße, Frankfurter Würstchen, die ja eigentlich Wiener sind, Mettbällchen oder auch eine Grünkohl-Kartoffelsuppe“, sagt der Koch, der selbst am liebsten mal einen Kaiserschmarrn mit frischem Apfelmus verdrückt. „Und ein frisches Bier dazu.“

Flurgönder auf royalen Tellern

Mit seiner lockeren, spontanen und umgänglichen Art – und natürlich seinen Kochkünsten – hat es Stefan Pappert gar bis nach Schloss Windsor geschafft. Montags und dienstags bekocht er in der Regel das britische Königshaus. „Anfangs war ich schon sehr ehrfürchtig, irgendwann verflüchtigt sich aber der Wow-Effekt.“ Die Queen sei zu Hause eben einfach auch „nur“ Uroma, Oma, Mutter und Ehefrau, die es sich in Pantoffeln gemütlich macht. Vor dem Kamin genieße Elizabeth II. gerne mal einen Gin (Pappert: „GINSTR aus Stuttgart ist in meinen Augen derzeit der Gin schlechthin.“

Mit Flurgönder käme bei den Royals gar auch mal eine Spezialität aus Osthessen auf den Tisch. „Prinz Philipp hat ja große Teile seiner Kindheit in Deutschland verbracht. Gerichte aus Old Germany kommen gut“, weiß Pappert. Das heißt aber nicht, dass die englische Küche mit ihren Sausages and Beans kein Hingucker sei.

„London ist vielleicht nicht mit dem Rest Englands zu vergleichen: Aber die Küche hier kann sich sehen lassen, weil hier so viele internationale Köche auf der Durchreise sind. Das Klischee stimmt nicht“, betont Stefan Pappert. Ob dessen Reise mal irgendwann wieder nach Fulda führt? „Stand heute nicht, auch wenn ich zum Beispiel meinen Freund und Sternekoch Björn Leist aus der Rhön schon vermisse“, gibt der 42-Jährige zu.

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