Landpartie 2.0 will Nachwuchsmediziner für den Landarztberuf begeistern

19. Dezember 2017
Gersfeld/Fulda

Wie können wir Jungmediziner fürs Leben und Arbeiten auf dem Land begeistern und so dem Ärztemangel zukunftsorientiert begegnen? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Projekt „Landpartie 2.0“ des Landkreises Fulda in Kooperation mit dem Institut für Allgemeinmedizin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt.

Bei einem Tagesauflug nach Gersfeld machten sich kürzlich elf Medizinstudenten ein Bild von den Arbeitsbedingungen und lernten innovative Versorgungsmodelle kennen. Sie lesen nachfolgend eine Pressemitteilung des Landkreises Fulda im Wortlaut.

Der Besuch startete im Klinikum Gersfeld, wo die Studierenden – alle entweder im siebten oder im neunten Semester – vom ärztlichen Leiter Jan Garlepp eine kurze Einführung in die Geschichte, die Organisation und die Funktionsweise des Klinikums Gersfeld und des angeschlossenen Ärztehauses erhielten. Anschließend hatten zwei niedergelassene Allgemeinmediziner das Wort.

Enger Patientenkontakt, eine große medizinische Bandbreite, flexible Arbeitszeiten und ein attraktives Einkommen bei überschaubaren wirtschaftlichen Risiken lautete der Tenor von Michael Ziegler und Dr. Florian Kircher, die aus ihrem Alltag als Landärzte in Wüstensachsen und Gersfeld berichteten. Viele Vorurteile über den „rund um die Uhr arbeitenden Hausarzt“ stimmten heute nicht mehr. Moderne Technik, effizientes Terminmanagement und eine reformierte Rufbereitschaft mache die Arbeit niedergelassener Mediziner sogar zum familienfreundlichsten Beruf innerhalb der Medizin. Dieser sei einerseits in höchstem Maße erfüllend und biete andererseits attraktive Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten.

Die allgemeine wirtschaftliche Zufriedenheit in dieser Ärztegruppe ist mit 70 Prozent überdurchschnittlich hoch, wie auch der Ärztemonitor 2016 belegte. Demnach sind 13 Prozent der Hausärzte „sehr zufrieden“ mit ihrem Einkommen, weitere 53 Prozent „eher zufrieden“. Unter den Fachärzten kommen hingegen nur 64 Prozent zu der gleichen Einschätzung.

Im regen Austausch mit den Studierenden ließen sich viele Vorbehalte gegenüber dem Landarztberuf ausräumen. So sei laut Garlepp vor allem durch die Anbindung an Medizinische Versorgungszentren die unternehmerische Verantwortung überschaubar. In Sachen Praxisaufbau könne man auf spezialisierte Dienstleister zurückgreifen, aber auch die Kassenärztliche Vereinigung und die Weiterbildungszentren an den Universitäten Frankfurt und Marburg böten Beratung. Die Finanzierung einer Praxis-Neugründung stelle ebenfalls keine große Hürde dar. Neben Bankkrediten, kämen auch günstige unternehmensfinanzierte Kredite, Gründerförderungen sowie unter Umständen sogar Sponsoring durch die jeweilige Gemeinde in Betracht.

In Begleitung des Ersten Kreisbeigeordneten Frederik Schmitt und Professor Dr. Ferdinand Gerlach von der Universität Frankfurt besuchten die Studierenden am Nachmittag die Gemeinschaftspraxis Wild, Günther, Schleipen, Stienecker und Ulmer im Fachzentrum für Ambulante Medizin in Fulda, die zugleich Lehrarztpraxis des Programms Landpartie 2.0 ist. Internisten – zum Teil noch in Klinikanstellung – und Allgemeinmediziner arbeiten hier eng miteinander verzahnt und im Austausch mit anderen Fachärzten des Fachzentrums, wodurch Synergien und vorhandenes Equipment optimal genutzt werden können.

„Die Praxis ist ein schönes Modell für sektorenübergreifendes Denken und Arbeiten“, so Prof. Gerlach. „Wir sehen hier, dass die ambulante Medizin durch die enge Verzahnung zwischen spezialisierten Fachärzten und breit qualifizierten Hausärzten zunehmend in der Lage ist, ehemals Kliniken vorbehaltene Aufgaben zu übernehmen. So müssen Patienten zunehmend seltener und kürzer in Krankenhäusern behandelt werden. Das ist die Medizin der Zukunft.“

Nach einer kurzen Vorstellung des Gesundheitsnetzes Osthessen ging es in der anschließenden Diskussion mit dem Ersten Kreisbeigeordneten und Prof. Gerlach um die Frage, ob und wie das Modell der vorgestellten Praxis auf den ländlichen Raum übertragen werden könne. „Grundsätzlich ist die Kassenärztliche Vereinigung in der Pflicht, die ärztliche Versorgung der Versicherten sicherzustellen. Dennoch arbeitet der Landkreis daran, seinerseits langfristig die hausärztliche Versorgung auf dem Land zu erhalten“, berichtete Frederik Schmitt über das Engagement des Landkreises. Er lud die Studierenden anschließend ein, ihre Ideen und Wünsche, wie sie sich eine Arbeit als Landarzt vorstellen könnten aktiv einzubringen.