„Verhaftung in Granada“: Schriftsteller Akhanlı las im Kanzlerpalais

08. März 2018
Fulda

Es war ein Abend der nachdenklichen Töne: Im Kanzlerpalais in Fulda nahm der türkischstämmige Schriftsteller Doğan Akhanlı seine Zuhörer mit in die Geschichte seiner Verhaftungen – ausgehend von der jüngsten im August 2017 im spanischen Granada. Und am Ende fragte man sich, wie ein Mensch nach all der Willkür und Gewalt so unglaublich nett und humorvoll sein kann.

Von unserem Redaktionsmitglied Manfred Schermer

Zwar trägt Akhanlıs Buch den Titel „Verhaftung in Granada“, doch sein erzählerischer Bogen umfasst sehr viel mehr als jene zwei Monate im spanischen Spätsommer, die ihn auf einen Schlag bekannt machten – auch bei jenen, denen seine Werke bis dato nicht geläufig waren. Was wie eine heitere Urlaubserzählung beginnt – der Schriftsteller und seine Lebensgefährtin in Granada auf den Spuren Federico García Lorcas –, entwickelt schnell eine gefährliche Parallele zum Schicksal des großen spanischen Dichters. Lorca wurde in der Nacht des 16. August 1936 verhaftet – Akhanlı widerfuhr dieses Schicksal am 18. August: Im ersten Kapitel schildert er, wie er frühmorgens in Boxershorts der Polizei die Tür öffnet, die vorsorglich das ganze Hotel hat räumen lassen.

Doch hier endet die Ähnlichkeit zum Fall Lorca: Jener wurde am 19. August von Faschisten ermordet – Akhanlı am 19. August von der Polizei wieder freigelassen, durfte aber Spanien für zwei Monate nicht verlassen. Akhanlı nutzte die Zeit, die er im Gästezimmer des Goethe-Instituts neben der deutschen Botschaft in Madrid verbrachte und – schrieb. Denn anders als 2010, als er – längst deutscher Staatsbürger – seinen todkranken Vater in der Türkei besuchen wollte, verhaftet wurde und vier Monate in U-Haft saß, anders als damals, als Verletzung und Wut ob der staatlichen Willkür eine schriftstellerische Verarbeitung verhinderten, blieb 2017 nur noch ein Gefühl übrig: Wut. „Ich wollte dieses Buch schreiben und diese Regierung lächerlich machen“, erzählt er.

Und lächelt dabei so freundlich wie den ganzen Abend. Echten Groll scheint Akhanlı nicht mehr zu hegen – zumindest bringt er ihn nicht zum Ausdruck. Im Buch versucht er sogar, seine Folterer von einst zu verstehen. In Fulda verzichtet Akhanlı zwar auf diese Passage, entscheidet sich aber für eine, die zu den besten zählt: Wie er seine Ankunft in türkischer U-Haft 2010 schildert, in „Sibirien“, wie das Gefängnis wegen der Kälte genannt wird, wie er Kontakte zu Mitgefangenen knüpft, über Schnüre am Fenster mit Zigaretten und Tee versorgt wird, wie alle versuchen, die eigentlich unerträgliche Situation mit Humor doch zu ertragen – mit der ihm eigenen Mischung aus Empathie, Unbeugsamkeit und einem Blick für Details gelingen Akhanlı unvergessliche Szenen.

Szenen freilich, die der erfahrene Erzähler nie ins Komödiantische abgleiten lässt, zumal er im Kapitel „Zeitkrümmung“ auch beschreibt, wie er in der Haft das Zeitgefühl verliert. Und dass ihn dasselbe Heimweh, das ihn 2010 in die Türkei und in das Dorf seiner Kindheit – auch seine Erinnerungen daran sind großartig geraten – getrieben hat, nun zurück zu seiner Familie in Deutschland zieht: Hätte er im Januar 2011 seine Kinder nicht wiedergesehen, „ich hätte es nicht überlebt“.

Nur ein Thema ließ Akhanlı bei seinen beiden Leseblöcken aus – den Untertitel seines neuen Buches: „Treibt die Türkei in die Diktatur?“ Erst bei der anschließenden Diskussionsrunde, durch die Rolf Altmann, Gruppensprecher von Amnesty International (ai) Fulda als Veranstalter des Abends, führte, ging gleich der erste Fragesteller darauf ein und wollte von Akhanlı eine Prognose für die weitere Entwicklung in der Türkei haben – die dieser nicht liefern konnte. Er habe die Frage zwar im Buch gestellt, sie aber auch dort nicht beantwortet. Um sich in Fulda dann aber doch noch eine Einschätzung entlocken zu lassen: „Es geht in Richtung Faschismus.“

Einige Bilder und weitere Informationen zur Person Doğan Akhanlı finden Sie in der Mittwochausgabe im E-Paper der Fuldaerzeitung.