„Vor Problemen biblischen Ausmaßes“: Nahost-Korrespondent Gil Yaron referierte zur Lage im Nahen Osten

17. November 2015
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Fulda

Nahost-Korrespondent Gil Yaron versteht es, aus einer Analyse der Vergangenheit die richtigen Schlüsse für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Und mindestens ebenso gut versteht es der 42-Jährige, seine Erkenntnisse einem breiten Publikum nahezubringen. In seinen Reportagen – und in seinen Vorträgen, wie einmal mehr gestern Abend auf Einladung unserer Zeitung in der vollbesetzten Fuldaer Orangerie zu erleben war.

Von unserem Redaktionsmitglied Manfred Schermer

Hatte Michael Schmitt in seiner Begrüßungsansprache kurz die Lage im Nahen Osten umrissen und schon gemutmaßt, der Titel des Vortrags verheiße nichts Gutes, so wurde der Verleger unserer Zeitung in der folgenden Stunde bestätigt: Selten hat man Gil Yaron in Fulda so pessimistisch gesehen, wobei der auf eine Leinwand projizierte Titel „Im Osten nichts Neues – Das Ende aller Theorien“ zunächst ratlos machte. Ein Journalist, der nichts Neues zu vermelden hat – und dies trotzdem vermeldet? Gibt’s das? Yaron selbst ging darauf ein, und schnell wurde klar, was gemeint war: „Im Osten nichts Neues“ ist gleichbedeutend mit: Geschichte wiederholt sich doch.

Um dies zu belegen, holte der in Tel Aviv lebende Arzt und Journalist weit aus, führte seine Zuschauer mit geschickt verknüpften Satellitenaufnahmen und Karten, Fotos und antiken Zitaten bis zurück in die späte Bronzezeit, die Zeit der ersten Hochkulturen im Vorderen Orient. Ägypter, Hethiter, Assyrer und wie sie alle hießen standen um das Jahr 1250 v. Chr. in engem Kontakt miteinander und trieben Handel. Yaron zeigte dies am Fund eines bronzezeitlichen Schiffes vor der türkischen Küste auf: Kupfer aus Zypern und Asien, Bernstein von der Ostsee, Glas vom Euphrat, Elfenbein aus Afrika, Spuren von Zimt gar aus dem Fernen Osten – Global Player der Bronzezeit.

Gil Yaron erinnerte an die biblische Geschichte von Josef in Ägypten, der entgegen aller Erfahrungswerte dem Pharao geraten habe, Vorräte für gleich sieben Jahre anzulegen – obwohl die jahrhundertelang penibel notierten Nil-Wasserstände allenfalls Dürreperioden von ein bis zwei Jahren plausibel erschienen ließen.

„Diese biblische Geschichte erhält eine neue Dimension“, so Gil Yaron. Die heutige Krise hätte verhindert werden können, wenn die Länder der Levante einen Träumer wie Josef gehabt – und ihre Regierungen auf ihn gehört hätten. „Haben sie aber nicht“, lautete Yarons ernüchterndes Fazit, gefolgt von einem besorgten Blick nach Jordanien und in den Libanon, wo viele Syrer Zuflucht gefunden haben. „Wenn auch diese Länder kollabieren, dann ist der Dominoeffekt perfekt“, warnte er. Und weitere Dominosteine würden entlang der Flüchtlingsroute durch die Balkanländer fallen. Yaron: „Wir stehen vor Problemen biblischen Ausmaßes.“

Einen ausführlichen Bericht finden Sie in der Mittwochsausgabe unserer Zeitung und im E-Paper.

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