„Was da gefordert wird, ist ein riesiger Wahnsinn“ – Landwirte aus der Region bewerten Agrarpolitik

23. Oktober 2019
Fulda/Bonn

Während sie selbst auf den Feldern schwitzen, erlasse die Politik in klimatisierten Büros fragwürdige Regeln für ihre Arbeit: Viele Bauern sind unzufrieden – auch die Landwirte aus Osthessen, von denen deshalb viele am Dienstag in Bonn waren.

Mit Tausenden Traktoren und kilometerlangen Konvois haben Bauern in vielen Regionen Deutschlands den Verkehr blockiert, um gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung zu protestieren. Bei der zentralen Kundgebung in Bonn versammelten sich am Dienstag etwa 6000 Teilnehmer.

Darunter war auch eine dreistellige Zahl Landwirte aus dem Landkreis Fulda, dem Vogelsberg und dem Bergwinkel. Einige Dutzend von ihnen hatten sich mit dem Schlepper auf den Weg zum Rhein gemacht.

Die Landwirte protestierten vor allem gegen strengere Regeln zum Umwelt- und Insektenschutz, weil sie dadurch ihre Existenz bedroht sehen.

Auch Jugendliche protestierten mit

Es waren vor allem Männer mittleren Alters, die in Bonn ihrem Ärger Luft machten. Doch auch Thorben, Ben und ihre Freunde, 12 bis 14, begleiteten ihre Väter aus dem westfälischen Ochtrup nach Bonn. „Tuesdays for Farmers“ steht auf einem ihrer Schilder – ähnlich wie „Fridays for Future“ bei Mitschülern, die für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen. „Wir wollen für die Zukunft der Landwirte protestieren. Die Politiker sollten sich nicht weggucken“, sagte einer der Jungs.

Die, die nicht weggucken sollen, sind allen voran Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) – beide waren der Einladung nach Bonn nicht gefolgt.

Rhöner Landwirt „vermisste Ministerin Klöckner“

Dies kritisiert ein Rhöner Landwirt, mit dem unsere Zeitung sprach. Christian Hartmann aus Hofbieber-Wiesen berichtet von etwa 60 Teilnehmern aus dem Landkreis, die mit dem Bus angereist waren. Hinzu kommen sieben Schlepper, die bereits während der Nacht aufgebrochen waren. Die Fahrzeuge mussten am Rhein abgestellt werden und durften nicht in die Stadt hinein.

Hartmann schätzt, dass sich zur Kundgebung ab 11 Uhr etwa 5000 bis 6000 Personen eingefunden hatten. Es sei alles friedlich verlaufen, allerdings habe es bei der Rede von Landwirtschafts-Staatssekretär Hermann Onko Aeikens (CDU) Zwischenrufe gegeben. Aeikens vertrat Ministerin Julia Klöckner (CDU), die laut Hartmann „von uns vermisst wurde“.

„Was da gefordert wird, ist inzwischen ein riesiger Wahnsinn.“

Bettina Bockmühl (51) führt in Bronnzell einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb mit Ackerbau und Viehhaltung. Mit der Landwirtschaft könne man noch Geld verdienen, sonst würden viele Betriebe dicht machen. „Sorgen bereiten uns aber die schwankenden Preise“, betonte sie.

„Die größten Ängste haben wir jedoch wegen der politischen Rahmenbedingungen. Was da gefordert wird, ist inzwischen ein riesiger Wahnsinn.“ Ein Hof sei aber wie ein Schiff auf hoher See. „Den kann man nicht so schnell manövrieren. Und schließt ein Bauernhof erst einmal die Tore, wird er nie wieder zurückkommen.“ / kw, dpa

Bauernprotest: Auch Fuldaer und Vogelsberger Landwirte dabei

Eine Art stiller Protest drückt sich durch grüne Kreuze aus. Auch in Osthessen stehen auf Wiesen und Feldern große Holzkreuze. Landwirte wollen damit auf ihre Nöte aufmerksam machen. Inzwischen wird die Zahl der grünen Kreuze bundesweit auf mehr als 10.000 geschätzt.