Wie ein Soldat seinen Tod an der Westfront vorhersah – und seine Frau reagierte

17. November 2019
Großenlüder/Fulda

Am heutigen Volkstrauertag wird der Gefallenen der Kriege gedacht. Ein besonders tragisches Schicksal ereilte Helmut Nagl: Er hat seinen Tod an der Front in Frankreich vorausgesehen. Er schrieb seiner damals 22 Jahre alten Frau einen Abschiedsbrief. Marianne Janisch heiratete nie wieder. Sie starb 1995 in Großenlüder.

Der August 1936 war ein Freudenmonat für zwei Familien im östlichen Böhmen: Marianne Janisch heiratete damals Helmut Nagl. „Das war das erste große Familienfest, an das ich mich erinnern kann – ein richtig freudiges Ereignis“, sagt Manfred Janisch (89), der Bruder von Marianne, der mittlerweile im Fuldaer Stadtteil Niesig wohnt. Auf dem Hochzeitsfoto strahlten Braut und Bräutigam um die Wette.

Mariannes Eltern betrieben einen Großhandel in Landskron. Als ältere Schwester war es Mariannes Aufgabe, sich um ihren kleinen Bruder zu kümmern. Manfred Janisch war damals viel mit seiner Schwester und seinem neuen Schwager zusammen. „Er war ein lebensfroher Mensch, hat viel mit mir rumgealbert“, erinnert sich Manfred Janisch. Die Zeiten seien gut gewesen.

Helmut Nagl in vorderster Front

Das änderte sich mit dem Kriegsbeginn 1939. Helmut Nagl, damals 26 Jahre alt und als Lehrer in den Dörfern rund um Landskron tätig, musste an die Front. Bereits im Januar 1940 wurde er eingezogen.

„Meine Eltern standen dem Krieg eher skeptisch gegenüber“, berichtet Manfred Janisch. Kein Wunder: Sein Vater hatte im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren. „Die Nachricht, dass der Schwiegersohn an die Front muss, löste da keine Jubelstürme aus.“

Im Juni 1940 startete die Wehrmacht ihre Offensive an der Maginot-Linie im Elsass – eine Verteidigungslinie, die die Franzosen entlang der Grenze errichtet hatten. Helmut Nagl sollte in vorderster Front angreifen. Kanonenfutter, wie man in militärischen Kreisen sagt. Helmut ahnte, dass er das nicht überstehen würde.

„Wie ein Schlag getroffen“

Am 10. Juni 1940 schrieb er Marianne einen Brief, der mit den Worten beginnt: „Wenn Du diesen Brief lesen wirst, dann kann Dein Junge niemals mehr zu Dir zurückkehren.“ Am 14. Juni starb Helmut, am 19. Juni erhielt seine Frau die Nachricht davon. „Meine Schwester war todunglücklich. Das hat sie wie ein Schlag getroffen“, erinnert sich Manfred Janisch.

Der Krieg bringt noch mehr Elend über die Familie: 1944 fiel sein Onkel in Russland, nach Kriegsende wurden die Janischs aus ihrer böhmischen Heimat vertrieben. Zunächst in Uffhausen, dann in Großenlüder bauen sie sich ein neues Leben auf. Marianne starb 1995. „Sie hat nie wieder geheiratet – obwohl sie bei Helmuts Tod mit 22 Jahren ja noch eine junge Frau war“, sagt Manfred Janisch.

Er hat den Soldatenfriedhof in Bad Niederbronn im Elsass besucht, auf dem sein Schwager zusammen mit fast 16 000 anderen deutschen Soldaten begraben liegt. „Wenn man diese vielen Kreuze sieht, dann wird einem bewusst, welch ein Irrsinn dieser Krieg war“, sagt Janisch und wird nachdenklich. „Die jungen Menschen können glücklich sein, dass sie das nicht erleben mussten und heute in Frieden und Freiheit leben.“ / kir

Erinnern und Gedenken: Zahlreiche Veranstaltungen am Volkstrauertag

Fulda und Stadtregion Der Kreisverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Magistrat der Stadt Fulda laden zur zentralen Gedenkstunde an das Mahnmal an der Michaelskirche ein. Dort wird am Sonntag ab um 11.15 Uhr der Toten der beiden Weltkriege gedacht. Die Gedenkrede hält Stadtpfarrer Stefan Buß.

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