Vom Schwergewicht zum Gleichgewicht

16. April 2019
hosenfeld

Michael Klotzbier hat in seinem Leben viele Höhen und Tiefen erlebt: Vom talentierten Fußballer zum 160-Kilo-Mann zum Marathonläufer zum Schwergewichtler. Heute ist er mit einem Gewicht von 135 Kilogramm auf dem Weg zu seinem körperlichen und seelischen Gleichgewicht.

Von unserem Redaktionsmitglied Marcus Lotz

Mehr als 20 Jahre ist es her, da tauchte ein damals 17-jähriger, talentierter Fußballer aus Hosenfeld namens Michael Klotzbier in der Rubrik „Spieler, über die man spricht“ in der Fuldaer Zeitung auf. Auf dem Weg in den Profifußball spielte er damals zusammen mit Sebastian Kehl und Timo Hildebrand. Während beide einige Jahre später in die Deutsche Nationalmannschaft aufstiegen, passierte Michael Klotzbier das, was er heute „den großen Zusammenbruch“ nennt: Kreuzbänder gerissen, Freundin weg, Abitur nicht geschafft, aus dem Ausbildungsbetrieb gemobbt.

„Ich war ganz unten. Ich bin einen sozialen Tod gestorben“, erinnert er sich heute. Aus dem sportlichen Jugendlichen wurde ein 160 Kilogramm schwerer Mann, der von seinem Umfeld völlig anders wahrgenommen wurde. „Vorher war ich der sportliche, gesunde, erfolgreiche Michael Klotzbier, der im Rampenlicht stand, dem alles spielend von der Hand ging und für den es steil nach oben ging. Und jetzt wog derselbe Mensch plötzlich 160 Kilo.“

In dieser Zeit seien ihm „unheimlich peinliche Dinge“ passiert, erzählt er heute. „Ich saß bei einem Geschäftstermin im Restaurant und brach mit einem Holzstuhl zusammen. Da vergeht dir der Appetit. In einer anderen Situation saß ich mit einer attraktiven Arbeitskollegin im Flieger, als die Stewardess vorbeikam und fragte: ,Entschuldigung, brauchen Sie eine Gurtverlängerung?‘ Da willst du nirgends mehr hinfliegen. Da möchtest du lieber im Boden versinken.“

Um solche Peinlichkeiten zu überspielen, versuchte Klotzbier es mit Humor. Sein Gewicht redete er klein: „Man sagt dann so Dinge wie: ,Ich weiß auch nicht, wo mein Übergewicht herkommt, ich esse ja nur Salat.‘“

Nachdem ihm seine Hausärztin sagte, dass er für sein Gewicht gute Werte habe und er gesundheitliche Schäden vermeiden könne, wenn er an sich arbeite, setzte sich Klotzbier nach einer Wette mit Freunden ein Ziel: Abnehmen, um einen Marathon zu laufen.

Mit seiner Geschichte ging er an die Öffentlichkeit, rief ein Abnehmtagebuch ins Leben. „Das hat mir ein Stück weit Motivation gebracht. Gleichzeitig war der gesellschaftliche Druck da, nicht zu versagen.“ In der Folgezeit nahm Klotzbier 50 Kilogramm ab, lief an seinem 37. Geburtstag den Marathon. Eines seiner Ziele, unter 100 Kilogramm zu kommen, erreichte er jedoch nicht. Im Gegenteil: Nach dem Marathon nahm er wieder zu.

„Ich habe gemerkt, dass ich wieder auf demselben Weg war wie damals, ohne es geregelt zu bekommen. Es gab Schwierigkeiten in der Familie, beruflichen Stress, Veränderungen im Freundeskreis sowie den Umzug von Berlin zurück in die Heimat nach Hosenfeld. Ich musste hier wieder ankommen. Das hat Kraft gekostet. Statt zum Apfel habe ich dann auch mal zur Schokolade oder zum Bier gegriffen. Ich habe plötzlich das, was ich immer gepredigt habe – mit Spaß gesund abzunehmen – selbst nicht mehr hinbekommen.“

Mit seinem Scheitern geht Klotzbier offen um: „Denen, die gesagt haben, nach dem Marathon wird er wieder fett, denen schüttele ich heute die Hand und sage: Ja, ihr habt Recht gehabt.“ Trotzdem will er nicht aufgeben: „Scheitern ist menschlich. Ich verfolge weiter meine Ziele, auch wenn ich sie ein Stück weit korrigiere, weil ich gemerkt habe, dass sie vermutlich ein Stück weit zu ambitioniert waren. Mir ist bewusst, dass ich nie einen Sixpack haben werde. Wichtig ist, immer einmal mehr aufzustehen, als hinzufallen.“

Also stand er wieder auf, rief sein Abnehmtagebuch und seine Kolumne wieder ins Leben. „Dieser Start steht dieses Mal unter dem Motto: ,Vom Schwergewicht zum Gleichgewicht.‘ Ich möchte weg von dem sportlichen Wettkampfcharakter hin zu erlebnisorientiertem Sport. Die Zahl auf der Waage soll nicht mehr darüber entscheiden, ob ich eine gute oder eine schlechte Woche hatte. Denn dazu gehört mehr und die Balance soll stimmen zwischen einem Gewicht, mit dem ich mich wohlfühle und einem gesunden Arbeits- und Privatumfeld.“

Eines seiner Ziele ist es, für mehr Toleranz gegenüber Übergewichtigen zu sorgen. „Ich möchte mit dem Vorurteil aufräumen, Dicke seien krank, faul, undiszipliniert und dümmlich. Einer der schlimmsten Kommentare, die ich jemals bekommen habe, war im Internet: ,Ihr Fettis, ihr müsstet alle mehr an die Krankenkasse zahlen.‘ Dem habe ich meine Telefonnummer gegeben und die Sache mit ihm geklärt.

Auch beruflich war Klotzbier trotz des Übergewichts erfolgreich: Er ist Diplomkaufmann, hat sowohl sein Diplom als auch seine Ausbildung im Fremdsprachensekretariat mit Note 1,7 abgeschlossen und war im Online Marketing bei der AWIN AG einer Axel Springer Beteiligung in Berlin tätig.

Kritik äußert Klotzbier an der Sportindustrie. „Die gaukelt uns Modelmaße vor, die nicht der Realität entsprechen. Es ist sinnlos, diesen Idealen hinterherzuhecheln. Deshalb trete ich für eine Entstigmatisierung von Übergewichtigen ein, denn hinter jedem Übergewichtigen steckt eine Geschichte.“

Klotzbier sieht als häufige Ursache ein psychisches Problem. „Im Grunde ist das häufig ein Suchtverhalten. Ich habe eine innere Leere, die ich mit irgendetwas füllen muss. Manche tun das mit Alkohol, Sex, Drogen oder Sport, andere mit Essen.“ Die Ursache für seine eigene Leere hat er jedoch noch nicht gefunden: „Da bin ich noch auf der Suche.“

Und wie läuft das Abnehmen bisher? „Die gesunde Ernährung ist momentan ein Krampf“, gibt Klotzbier zu. „Ich gehe aber mindestens zweimal die Woche ins Fitnesstudio und versuche auch am Wochenende, so häufig wie möglich rauszugehen.“

Für seine Lebensgeschichte greift der Sportler Klotzbier auf eine Fußballmetapher zurück: „Mit 40 Jahren ist für mich gerade Halbzeit. Ich kann mir jetzt 15 Minuten lang überlegen, wie ich die zweite Halbzeit spiele und hoffen, dass ich auch noch eine kurze Verlängerung kriege.“

Trotz aller Ausgeglichenheit liebäugelt der Wettkämpfer in Klotzbier bereits mit dem nächsten Marathon. „Weil er auf meinen Namenstag fällt“, sagt er.

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