Angeklagter im Entführungsfall Würth freigesprochen

27. November 2018
Gießen/Schlitz

Rund dreieinhalb Jahre nach der Entführung des Sohnes von Milliardär Reinhold Würth ist der 48-jährige Angeklagter freigesprochen worden. Die Ermittler haben viele Indizien zusammengetragen. Doch dem Landgericht Gießen reichen diese nicht für eine Verurteilung des Angeklagten.

Im Prozess um die Entführung des Sohnes von Milliardär Reinhold Würth hat das Landgericht Gießen den 48-jährigen Angeklagten freigesprochen. Die Ermittler haben im aufsehenerregenden Entführungsfall Würth viele Indizien zusammengetragen. Doch dem Landgericht Gießen reichen diese nicht für eine Verurteilung des Angeklagten. Es blieben „Zweifel an der Täterschaft“, sagte der Vorsitzende Richter am Dienstag. Es gebe sogar „schwache“ Hinweise, die in die entgegengesetzte Richtung wiesen.

Das Entführungsopfer ist der Sohn des baden-württembergischen Unternehmers und „Schraubenkönigs“ Würth. Der damals 50-Jährige wurde im Juni 2015 aus einer Wohngemeinschaft für behinderte und nicht-behinderte Menschen im osthessischen Schlitz entführt. Ein Erpresser forderte am Telefon drei Millionen Euro Lösegeld. Die Übergabe scheiterte jedoch. Nach etwa 20 Stunden war die Entführung vorbei: Der Erpresser verriet den Aufenthaltsort von Markus Würth, der nahezu unversehrt an einem Baum gekettet in einem Wald bei Würzburg gefunden wurde.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Täter Komplizen hatte. Das Vorgehen sei auch deshalb besonders verwerflich, weil das Opfer wegen seiner Behinderung „stark intellektuell eingeschränkt“ sei, befand die Staatsanwaltschaft. Sie hatte dreieinhalb Jahre Haft für den Angeklagten gefordert. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert.

Zu den wichtigsten Beweismitteln in dem Indizienprozess gehörte ein Stimmgutachten. Dafür hatten Experten die aufgezeichnete Stimme des Erpressers untersucht. Die Analyse lieferte unter anderem Erkenntnisse zur Region, aus der der Anrufer vermutlich stammt und wo er Deutsch gelernt haben könnte. Denn dieser sprach mit einem deutlichen Akzent.

Das erstellte Profil passte aus Sicht der Ermittler zu dem 48-jährigen Serben. Die Gutachter kamen zudem nach einem Vergleich der Stimme des Angeklagten mit der Erpresserstimme zu dem Ergebnis, dass die Sprecher „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ identisch seien. Eine Zeugin aus dem Rhein-Main-Gebiet hatte die Ermittler schließlich auf die Spur des 48-Jährigen gebracht. Er wurde im März in Offenbach festgenommen.

Das Gericht würdigte zwar die Analyse der Gutachter, die sogar „Forschungsarbeit“ geleistet hätten. Doch letztlich habe nur festgestellt werden können, dass die Stimme des Angeklagten und des Erpressers gleich klingen – was auch auf andere Personen zutreffen könne. Der „Gleichklang der Stimmen“ reiche nicht für eine Verurteilung. Zudem habe die wichtige Zeugin und Hinweisgeberin vor Gericht ungenaue oder auch falsche Angaben gemacht.

Die Verteidigung zeigte sich erleichtert: „Wir haben an die Unschuld unseres Mandanten geglaubt.“ Der Anklagevertreter kündigte an, das Urteil prüfen und Revision einlegen zu wollen. / dpa

Würth-Entführung: Staatsanwaltschaft fordert Haftstrafe, Verteidigung Freispruch

Im Prozess um den im Jahr 2015 in Schlitz entführten Milliardärssohn Markus Würth hat die Staatsanwaltschaft im Landgericht Gießen drei Jahre und sechs Monate Haft gefordert. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch: Ihr Mandant sei unschuldig, betonten die beiden Verteidiger.