Keine Vorstellung, kein Geld – Hessens Kulturszene in der Zwickmühle

22. März 2020
Frankfurt

Die Auswirkungen der Corona-Krise treffen Kulturschaffende in Hessen mit voller Wucht. Manch einer denkt sich da ungewöhnliche Maßnahmen aus, um über die Runden zu kommen.

Eigentlich wollte der Verband der Freien Theatermacher Hessens, laPROF, nur die Stimmung unter den Kollegen ausloten. Wer ist von der Corona-Krise betroffen? Und wie hoch ist der finanzielle Schaden? Doch die vor wenigen Tagen im Internet gestartete Umfrage erwies sich als Initialzündung. „Wir haben ein Fülle an Rückmeldungen bekommen – nicht nur aus dem Bereich der Darstellenden Künste, sondern auch aus anderen Sparten wie etwa der Bildenden Kunst“, berichtete Verbandssprecher und Regisseur Jan Deck. Die ebenso bittere wie nachvollziehbare Erkenntnis daraus: Covid-19 und die Auswirkungen treffen Hessens Kulturmacher derzeit mit voller Wucht.

Verwaiste Bühnen und menschenleere Ausstellungen

Abgesagte Tourneen, leere Konzerthäuser, verwaiste Bühnen und menschenleere Ausstellungen sind dabei nur die äußeren Zeichen der aktuellen Situation. „Vielen im Kulturbereich tätigen Menschen und Einrichtungen brechen Einnahmen weg, die oft keine oder nur geringe Rücklagen haben“, beschrieb Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) am Freitag in Wiesbaden die Lage. Ähnlich hatte sich bereits Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) geäußert. „Ich weiß, dass die gegenwärtige Situation zu einer Belastung werden kann, bis hin zu einer existentiellen Gefährdung“, sagte sie vor gut einer Woche.

Finanzielle Unterstützung angekündigt

Die Landesregierung kündigte daher an, auch Freiberufler, Solo-Selbständige, Einrichtungen und Kleinstunternehmen finanziell zu unterstützen. Das von Finanzminister Thomas Schäfer am Vortag zugesagte Hilfspaket über 7,5 Milliarden Euro soll demzufolge auch dem Kultur-Bereich zugute kommen. „So stellen wir sicher, dass niemand vergessen wird, auch und insbesondere nicht im besonders betroffenen Kulturbereich“, sagte die Ministerin. Die Grünen im Landtag begrüßten noch am Vormittag den Vorstoß. „Die Maßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 treffen den Kulturbereich besonders hart. Bereits jetzt ist durch die aktuelle Lage die Existenz von vielen Künstlern und Kulturschaffenden aus den unterschiedlichsten Sparten bedroht“, sagte die kulturpolitische Sprecherin Mirjam Schmidt.

Finanzieller Schaden lässt sich noch nicht abschätzen

Wie groß der finanzielle Schaden für Hessens Kultur-Szene tatsächlich ist, lässt sich derzeit noch nicht seriös abschätzen. Denn während viele Häuser öffentliche Zuschüsse erhalten, beginnt für privatwirtschaftlich ausgerichtete Veranstalter und freiberufliche Künstler teilweise schon jetzt der Existenzkampf. Die Frankfurter Museums-Gesellschaft etwa rief ihre Abonnenten dazu auf, sich das Geld für ausgefallene Konzerte nicht erstatten zu lassen – sondern zu spenden. „Durch den Ausfall von Konzerten entstehen uns Kosten und Einnahmeausfälle, die uns finanziell stark belasten“, begründete der Verein, der unter anderem in der Alten Oper Frankfurt Konzerte organisiert, seine ungewöhnliche Bitte.

Einen ähnlichen Aufruf startete auch Volker Northoff, Veranstalter der „Castle Concerts“ in Bad Homburg (Hochtaunuskreis). Er stellt den Bands des für Juni geplanten Jazzfestivals Swinging Castle ein Ausfallhonorar in Aussicht, falls die Konzerte nicht stattfinden. Die Hilfe soll aus nicht zurückerstatteten Eintrittsgeldern gezahlt werden. „Freischaffenden Musikern sind im Moment sämtliche Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten genommen. Viele von ihnen werden bei einem längeren Anhalten der Corona-Pandemie in finanzielle Not geraten“, begründet er die Aktion „Meine Karte für die Kunst!“.

Kostenlose Internet-Konzerte

Wer tatsächlich nicht auf die Einnahmen aus seinen Konzerten angewiesen ist, scheint freilich derzeit fein raus. So produziert etwa der Frankfurter Organist Martin Lücker seit Anfang der Woche Konzert-Videos, die er im Internet kostenlos zur Verfügung stellt. Sie sollen die seit dem 1. September 1983 zweimal wöchentlich bei freiem Eintritt stattfindenden Konzerte in der St. Katharinen-Kirche ersetzen, solange das Gotteshaus geschlossen ist. „Die Orgelmusiken geben meinem Leben Gerüst, Sinn, Halt und Struktur“, erklärt der ehemalige Musik-Professor in einem „Making Of“-Video.

Regisseur Jan Deck kündigte an, die ursprünglich bis Freitag laufende Umfrage des Verbands zu verlängern und die ausgewerteten Gesamtergebnisse an das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst weiterzuleiten. „Weil sich einfach zu viele melden.“ / dpa

Anzeige
Anzeige