Wölfe auf dem Vormarsch in Hessen – Angst und Ärger bei Schäfern

06. Dezember 2019
Malsfeld/Spangenberg/Wiesbaden

Wohl kein Tier erhitzt derzeit so die Gemüter wie der Wolf. Das Raubtier wandert zunehmend nach Hessen ein. Leidtragende sind Nutztierhalter, die von getöteten Tieren berichten. Der Schutz vor Wölfen ist schwierig für sie.

Wölfe in Hessen sorgen seit Monaten immer wieder für Aufregung. Besonders die Schäfer im Land sind in großer Sorge und sensibilisiert. Das zeigt sich etwa in Nordhessen bei zwei Schäfern, die von Angriffen und toten Tieren berichten. Hobby-Schäfer Karl-Heinz Meckbach (70) holt sich Rat bei Berufsschäfer Anton Göbel (66) in Spangenberg-Herlefeld. Als er ihm Fotos seiner getöteten Tiere zeigt, kommen ihm die Tränen. Auf einem Bild ist ein Schaf mit zerfleischter Kehle zu sehen. „Als ich das Tier entdeckt habe, brachen Panik und Wut in mir aus“, sagt Meckbach, „in bin immer noch völlig mitgenommen.“ Er verlor an dem Tag zwei Schafe, zwei weitere mussten verletzt eingeschläfert werden, sagt er.

Canis lupus macht viel Arbeit

Der Riss am 23. Oktober in Malsfeld-Sipperhausen ist in Hessen einer der aktuellsten Fälle, für den ein Wolf verantwortlich ist. Das haben Experten mit einem genetischen Test nachgewiesen. Es ist aber nur ein Fall von mehreren in einer Auflistung des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG). Die dort tätige Wolfsbeauftragte Susanne Jokisch ist derzeit eine gefragte Frau. Denn Canis Lupus macht ihr viel Arbeit.

Rund 30 Nachweise 2019 – 2018 waren es 0

Die Zahl der Sichtungen und Nachweise von Wölfen in Hessen ist sprunghaft gestiegen, erklärt Jokisch. In diesem Jahr wurden bis Mitte November bereits rund 30 Nachweise erbracht. Entweder wurden sie von Fachleuten auf Fotos zweifelsfrei identifiziert. Oder es gab Beweise durch Genetikproben. Die meisten Wölfe wurden in Nord-, Ost- und Mittelhessen nachgewiesen. Im Vorjahr gab es landesweit keinen Nachweis, 2017 waren es fünf gewesen.

Etwa 30 Nachweise bedeuten aber nicht, dass auch 30 Wölfe durch Hessen streifen. Die Tiere fallen natürlich unter Umständen mehrfach auf. Nachgewiesen sind bisher acht verschiedene Individuen, sechs Weibchen und zwei Männchen, wie Jokisch sagt. Sesshaft geworden sei kein einziger Wolf. Einen Wolf mit eigenem Territorium in Hessen gab es zuletzt im nordhessischen Reinhardswald 2008 bis 2011. Dann wurde der Rüde tot gefunden.

„Wolfsterritorien werden in Hessen entstehen“

Die Wölfe kommen in der Regel aus dem Norden und Osten Deutschlands nach Hessen, sagt Jokisch. Die Bundesländer mit den größten Wolf-Vorkommen seien Brandenburg und Sachsen. Aber auch aus Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wandern die Tiere in die Mitte Deutschlands ein. Derzeit gibt es etwa 110 Wolfsrudel in Deutschland mit einigen Hundert Tieren. Und in Hessen wird sich die Situation entwickeln: „In verschiedenen ländlichen Regionen Hessens werden in den kommenden Jahren einzelne Wolfsterritorien entstehen“, lautet die Prognose von Jokisch.

„Jeder Riss ist schrecklich und bedauernswert.“

Die Wölfe haben in diesem Jahr laut Nachweisen bereits in neun Fällen Nutztiere verletzt oder getötet, etwa Schafe oder Kälber. Die häufigste Beute sind aber weiterhin Wildtiere, insbesondere Rehe, so Jokisch. Zu den Rissvorfällen sagt die Biologin: „Jeder Fall ist schrecklich und bedauernswert. Ich kann die Sorgen der Schafzüchter gut verstehen.“

Doch so richtig verstanden fühlen sich Schäfer wie Meckbach und Göbel nicht. Sie sagen: Wölfe gehören hier nicht her. Man solle sie jagen und zur Strecke bringen. „Wenn Naturschutzverbände die Ansiedlung des Wolfes fördern, geht das zu Lasten der Weidetierhalter“, findet Göbel. Er glaubt, dass die Dunkelziffer von Wolfsrissen höher ist, als angegeben.

DNA-Test steht noch aus

Göbel ist überzeugt, dass es ein Wolf war, der in der Nacht zum 31. Oktober in Herlefeld eines seiner Schafe tot biss und zwei verletzte. „Die ganze Brustpartie war aufgerissen“, sagt er und zeigt ein Foto, das aus dem Kadaver quellende Gedärme zeiget. „Ich war geschockt.“ Auch ihm ist wichtig, dass knallhart gezeigt wird, was der Wolf anzurichten vermag. Doch letzte Gewissheit hat Göbel noch nicht, dass es ein Wolf war. Das Ergebnis des DNA-Tests steht noch aus.

„Ich habe Angst um meine Tiere.“

Hobbyschäfer Meckbach hatte keinen Stromzaun zum Schutz vor Wölfen, wie es empfohlen wird. Berufsschäfer Göbel hingegen versichert, dass seine Zäune dem Standard entsprechen. Doch er glaubt nicht, dass die Empfehlung der Behörden wirklich taugt. „Über die Zäune in der Höhe können Wölfe drüber springen“, sagt er, als zu einer Herde nach Sontra rausgefahren ist, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. „Jedes Mal, wenn ich jetzt nach meinen Schafen sehe, habe ich ein schlechtes Gefühl. Ich habe Angst um meine Tiere.“

Umweltministerium fordert besseren Schutz seitens der Halter

Die Empfehlung für Nutztierhalter lautet, ihre Tiere mit einem mindestens 90 Zentimeter hohen, Strom führenden und bis zum Boden reichenden Zaun zu schützen. Diese Sicherheitsvorkehrungen hält das hessische Umweltministerium für ausreichend. Eine Verschärfung der Vorschriften sei nicht notwendig. Denn laut Ministerium seien in einigen Fällen, in denen der Wolf zuschlug, die Zäune nicht korrekt aufgestellt gewesen. So bot sich dem Wolf leichte Beute. Eine Ministeriumssprecherin betonte: „Der Tierhalter muss seine Tiere schützen.“

Schafzüchter: Solche Zäune sind nicht zu handhaben

Doch Hubertus Dissen, stellvertetender Vorsitzender im Hessischen Verband für Schafzucht und -haltung, fragt sich, wie das gehen soll. Selbst 1,20 Meter hohe Zäune könne der Wolf überwinden. Aber solch hohe und noch höhere Zäune seien im mobilen Betrieb nicht zu handhaben. Die Schäfer hätten nun Probleme, ihre Tiere zu schützen. „Sie haben Angst und sind verärgert, dass dem Wolf einfach freier Lauf gelassen wird.“

„Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz vor Wölfen.“

Wolfsexpertin Jokisch betonte, wie wichtig es ist, Wölfen keine Schlupflöcher in Zäunen zu bieten. Beobachter sind der Auffassung, dass es den Wölfen vielfach zu leicht gemacht wird, an Beute zu kommen. Dabei wissen Experten: Wölfen muss beigebracht werden, dass es eine schmerzhafte Erfahrung ist, wenn sie an eingezäunte Schafe heran wollen und einen Stromschlag bekommen. Doch klar ist laut Experten auch: Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz vor Wölfen. / dpa

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