Auf den Spuren ihrer jüdischen Familie: Schwestern aus England besuchen Hünfeld

11. November 2019
Hünfeld

Shoshana (28) und Hadassah (26) Steinberger sind die Enkelinnen von Martin Steinberger, der Ende der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts Hünfeld verlassen und damit dem Nazi-Terror entkommen konnte. Nun haben die beiden Schwestern aus England zwei Tage die Haunestadt besucht, um sich auf die Spuren ihrer jüdischen Vorfahren zu begeben.

Von unserem Redaktionsmitglied Sabrina Mehler

Beide waren noch Teenager, als ihr Großvater im Jahr 2008 starb. „Wir waren sehr jung und haben damals kaum Fragen gestellt“, erklärt Shoshana Steinberger. „Erst als wir älter wurden, haben wir uns mehr für unsere Familiengeschichte interessiert.“ Daher sind die Schwestern – Shoshana lebt in London, Hadassah in Manchester – für zwei Tage nach Deutschland geflogen, um in Hünfeld ihr bisheriges Wissen über ihre Familie zu erweitern.

Dabei erhielten sie Hilfe: Am ersten Tag erkundeten sie die Haunestadt gemeinsam mit Dr. Rudolf Summa, der sich schon seit langem mit der jüdischen Geschichte des Hünfelder Landes beschäftigt. Mit dabei war an diesem Tag auch ihr Cousin, Yitzie Steinberger, der eigens aus der Schweiz angereist war. Die vier besuchten viele Orte ihrer Vorfahren – sowohl die schönen, als auch die traurigen und beklemmenden. Überrascht waren die Steinbergers davon, dass am Fuldaer Berg, wo einst das Haus ihrer Vorfahren stand, zwei Stolpersteine verlegt worden sind. Sie erinnern an die Urgroßeltern Isak und Hulda Steinberger, die 1941 nach Riga verschleppt und später in Minsk ermordet wurden.

Beim Besuch im Stadtarchiv war auch Stadträtin Martina Sauerbier dabei, die die Engländerinnen im Namen der Stadt begrüßt hatte. „Uns ist es wichtig“, sagte sie, „dass die Erinnerungen an unsere Nachbarn, die hier in Hünfeld lebten, ebenso wie die Erinnerungen an eine unrühmliche Zeit nicht in Vergessenheit geraten.“ Archivleiterin Margit Stock hielt zudem eine Präsentation, die viele Bilder von Martin Steinberger enthielt, die seine Enkelinnen noch nicht kannten.

Ein emotionales Erlebnis für Shoshana und Hadassah Steinberger war auch der Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Burghaun, auf dem früher die Verstorbenen der jüdischen Gemeinden im Altkreis beigesetzt wurden. Sieben Gräber der Familie Steinberger gibt es hier. An jedem sprachen die beiden ein Gebet.

Es war nur ein kurzer Besuch der Schwestern in Hünfeld, und dennoch haben sie eine ganze Menge über ihre Familie erfahren. All die neuen Informationen sollen nun in ein Buch einfließen, das sie anlässlich der Hochzeit eines Verwandten in England erstellen wollen.

Australierin sucht Spuren ihrer Vorfahren in Gersfeld

Seit 1582 kann man urkundlich nachvollziehen, dass Juden in den Dörfern und Städten der Rhön gelebt haben. Unter anderem gehörten dazu auch die Vorfahren der Australierin Liora Sack. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn wollte sie mehr über die Geschichte ihrer Vorfahren erfahren und begaben sich auf Spurensuche in Gersfeld.