„Fast die Hoffnung verloren“: Dank eines Zufalls beginnt für Rollstuhlfahrerin aus Hünfeld ein neues Leben

13. Februar 2016
Hünfeld

Endlich hat Karina aus Hünfeld es geschafft. Nach jahrelanger Arbeitslosigkeit und mehr als 100 Bewerbungen hat die Rollstuhlfahrerin einen Job gefunden. Für die junge Frau beginnt praktisch ein neues Leben – ein glücklicher Zufall, und ihre Familie haben großen Anteil daran.

Von unserem Redaktionsmitglied Sascha-Pascal Schimmel

Mehr als 100 Bewerbungen hatte Karina Bott geschrieben. Am Ende war es jedoch ein glücklicher Zufall, der ihr den Weg in ein selbstbestimmtes Leben geebnet hat.

Die 23-jährige Hünfelderin leidet unter einer erblichen Muskelkrankheit. Ein massives Hohlkreuz bereitet ihr Probleme, die Muskulatur bildet sich zurück. Konnte sie vorher noch laufen, ist ein elektrischer Rollstuhl seit etwa elf Jahren einer von Karinas wichtigsten Helfern.

Fast die Hoffnung verloren

Menschen wie sie haben es auch heute noch schwer, Arbeit zu finden – auch wenn sie richtig etwas auf dem Kasten haben. So hatte Karina nach etwa drei Jahren Arbeitslosigkeit auch fast die Hoffnung aufgegeben, wie sie im Gespräch mit fuldaerzeitung.de berichtet.

Mitte 2015 hatte sie sich ein weiteres Mal beworben – auf ein Praktikum. „Eine Zu- oder Absage nach dem Vorstellungsgespräch habe ich aber auch nach mehreren Anrufen nicht bekommen“, sagt die Hünfelderin. „Immer hieß es, der zuständige Kollege sei gerade nicht da.“

Dass Karina trotzdem nicht aufgegeben hat, verdankt sie ihrer Familie. „Die hat mich praktisch dazu gezwungen, mich nicht hängen zu lassen.“ Und dafür wurde sie schließlich belohnt.

Als sie im Herbst 2015 mit ihrer Mutter auf einen Lebensmittelmarkt in Hünfeld zusteuerte, trafen die beiden eine alte Bekannte. „Ich habe sie zuerst gar nicht erkannt“, sagt Karina. „Erst während des Gesprächs kamen die Erinnerungen an sie zurück – am Ende half meine Mutter mir auf die Sprünge.“

90 Bewerbungen und noch immer keinen Job: Die unendliche Geschichte einer jungen Rollstuhlfahrerin

Auch Simone Filip erinnert sich noch genau an dieses Treffen. „Auf einmal kam Karina mit ihrer Mutter über die Straße auf mich zu“, sagt die Vorstandsvorsitzende des Kinder- und Jugendhospiz‘ „Kleine Helden“ in Hünfeld. „Ich wollte wissen, wie es ihr geht, ob sie sie bereits arbeitet. Dass sie damals keine Stelle hatte, konnte ich nicht verstehen.“

Filip kennt die junge Hünfelderin seit deren achtem Lebensjahr. Zwar hätten sich beide zwischenzeitlich aus den Augen verloren. Sie habe aber immer wieder an Karina gedacht.

Für Simone Filip war nach dem Treffen klar, was zu tun ist. „Ich habe gegenüber dem Vorstand geäußert, dass Karina die freie Stelle bei uns erhalten soll“, sagt sie.

Reise nach Dresden

Im Anschluss ging es für die 23-jährige Rollstuhlfahrerin Schlag auf Schlag. Nach einem Monat Praktikum bei den „Kleinen Helden“ wurde sie zum 1. November sofort übernommen. Ihre erste Fortbildung, zur Fachkraft für Qualitätsmanagement, hat sie bereits erfolgreich absolviert.

„Karina war dazu mehrere Tage mit einem ehrenamtlichen Begleiter nach Dresden gereist“, sagt Simone Filip. „Alles hat super geklappt – auch mit Rollstuhl.“ Nun soll die Fortbildung zur „Beauftragten für das Qualitätsmanagement“ folgen.

Bei den „Kleinen Helden“ arbeitet die Hünfelderin 20 Stunden die Woche. „Ich prüfe, welche Arbeitsabläufe wir optimieren können“, sagt Karina. „Wo können wir Zeit sparen? Woran liegt es, dass sich Fehler wiederholen?“ Sie achte jedoch auch darauf, was bereits gut laufe.

Startseite: Kleine Helden Kinder- und Jugendhospiz Osthessen e. V.

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass die junge Frau bei den „Kleinen Helden“ gelandet ist und nicht in einem x-beliebigen Unternehmen. Denn in dem Hospiz trauen sie ihr eine Menge zu. „Wir wollten für Karina keine Stelle, wo sie einfach nur mitläuft“, sagt Vorstandsvorsitzende Filip. „Die Ablage machen oder nur Kaffee zu kochen, hätte sie definitiv unterfordert und auf Dauer frustriert.“

Für die 23-Jährige ist dieses Vertrauen wie ein Sechser im Lotto – sowohl beruflich als auch privat. „Ich bin jetzt wieder lebensfroh und habe nun ein viel größeres Selbstvertrauen“, sagt Karina. „Früher war jeder Tag gleich. Heute hat er eine klare Struktur, und ich habe eine Aufgabe.“

Die blauen Augen strahlen

Dass Karina glücklich ist, ist ihr anzusehen. Die blauen Augen der Hünfelderin, die eine Schwäche für modische Sneaker hat, strahlen geradezu. Dementsprechend voller Tatendrang geht sie ihre nähere Zukunft an.

Im Sommer steht ein Urlaub am Meer in der Türkei an, gemeinsam mit ihrer Schwester. „Dafür gab es ganz schön viel zu organisieren“, sagt die 23-Jährige. „Nicht jede Fluglinie nimmt Rollstuhlfahrer mit. Und nicht jedes Hotel ist behindertengerecht.“ Vieles koste für Menschen mit Behinderung mehr. „Aber die zusätzlichen Kosten teilen wir uns.“

Auf eines ist sie besonders Stolz

Demnächst möchte Karina zudem in eine Wohnung in zentraler Lage ziehen. Zurzeit lebt sie mit ihrem Vater im selben Haus. Von dort fährt sie täglich mit ihrem Rollstuhl 15 Minuten zur Arbeit im Zentrum der Stadt. Bisher hat Karina allerdings nichts Passendes gefunden.

Die Eingänge vieler Häuser sind nur über zwei, drei Treppenstufen zu erreichen. Optimal wäre für die junge Frau sicher eine ebenerdige Wohnung in einem Haus mit Aufzug.

Auf eine Sache in ihrem „neuen“ Leben ist Karina besonders stolz. Kürzlich hat sie einen Monat lang so genannte Begutachtungsfahrten absolviert und anschließend die Begutachtungsprüfung überstanden. Für die Hünfelderin bedeutet das: Sie darf den Führerschein machen. Bereits am Montag (15. Februar) legt sie los.