„Kein sexueller Übergriff“ – Lauter Protest gegen Pfarrer-Versetzung

25. August 2015
Dermbach

Patrick Lindner, der seit acht Jahren Pfarrer der Katholiken in Dermbach, Zella und Stadtlengsfeld ist, muss in den nächsten Monaten seine Stelle verlassen. Das Bistum Fulda begründet seine Entscheidung damit, dass der Pfarrer gegen die Präventionsrichtlinien verstoßen habe, die das Bistum nach den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche verabschiedet hat. Das stößt in Teilen der Gemeinde auf Empörung. Dies wurde am Sonntag beim Gottesdienst in Dermbach besonders deutlich.

Von unserem Redaktionsmitglied Hartmut Zimmermann

Die Entscheidung des Bistums setzt einen vorläufigen Schlusspunkt unter eine Auseinandersetzung, die schon fast ein Jahr dauert. Im September vergangenen Jahres hatte das Bistum Pfarrer Lindner „aus gesundheitlichen Gründen“ beurlaubt. Das war, wie Steinert auf Anfrage unserer Zeitung erklärte, eine Formulierung, um den damals bestehenden Verdacht eines sexuellen Übergriffs nicht öffentlich zu machen. Dies sei mit Lindners Anwalt so abgesprochen worden.

Auslöser war eine Zeckenkontrolle bei der Freizeit für Jungen, die die Gemeinde unter dem Titel „Boys only“ angeboten hatte. Dort waren die Teilnehmer, um der Gefahr einer Borreliose-Infektion vorzubeugen, nach einem Wald-Tag auf Zecken untersucht worden – ein Vorgehen, das offenbar seit Jahren üblich war. Die Kontrolle nahmen bei den Kleineren in der Regel ältere Freizeitteilnehmer nach dem Duschen vor. Allerdings gab es 2014 einmal die Situation, dass diese Jugendlichen nicht erreichbar waren, so dass Pfarrer Lindner aushilfsweise die Zeckenschau bei nackten Kindern übernahm.

Als sich daraufhin Eltern eines Jungen beim Bistum meldeten, weil ihr Kind über diese Situation berichtet hatte, entschied man sich dort, die Staatsanwaltschaft in Meiningen einzuschalten. „Aus den Erfahrungen der Missbrauchsfälle und in Kenntnis der daraufhin verabschiedeten Präventionsregeln war dieses Vorgehen geboten“, erläuterte Steinert.

Großer Rückhalt in der Gemeinde

Pfarrer Lindner wurde beurlaubt, ohne über den konkreten Sachverhalt informiert zu werden. Dies, so Steinert, habe man unterlassen, um die Ermittlung der Behörden nicht zu beeinträchtigen. Die Arbeit der Staatsanwaltschaft zog sich hin, was zu Unmut in der Gemeinde führte. Dort hat der aus Großenlüder stammende Lindner großen Rückhalt. Er wird als weltoffener Priester und guter Prediger beschrieben. Jetzt, so wird gemunkelt, bekomme Lindner die Quittung dafür, ökumenisch so engagiert und so nah an den Leuten zu sein.

Ende vergangener Woche kam das Votum der Staatsanwaltschaft, das Steinert am Sonntag im Gottesdienst öffentlich machte: Das Verfahren gegen Lindner sei eingestellt worden, man habe lediglich dessen „fehlende Distanzlosigkeit“ missbilligt.

Bistum spricht von Verstoß gegen Präventionsrichtlinien

Die Gottesdienstgemeinde reagierte, wie die „Südthüringer Zeitung“ (stz) berichtet, auf die Nachricht von der Einstellung des Verfahrens mit tosendem Applaus. Um so heftiger fielen die Zwischenrufe aus, als Steinert danach ankündigte, das Bistum wolle Lindner wegen seines Verstoßes gegen die Präventionsrichtlinien innerhalb des nächsten halben Jahres versetzen. Diese Richtlinien waren 2012 nach dem Bekanntwerden der innerkirchlichen Missbrauchsfälle formuliert und verabschiedet worden. Wie alle entsprechend Verantwortlichen war auch Lindner im Umgang mit diesen Regeln geschult worden und hatte sich zu ihrer Einhaltung verpflichtet. Darin heißt es unter anderem „Ich gehe verantwortungsbewusst und achtsam mit Nähe und Distanz um. Ich respektiere die Intimsphäre und die persönlichen Grenzen der mir Anvertrauten.“

Weitere Einzelheiten zu der Auseinandersetzung und zur Haltung der Gemeinde lesen Sie in der Dienstagsausgabe der Hünfelder Zeitung sowie im E-Paper.