Weniger Social Media, mehr Ruhe: Hahner-Twins geben alles für zweite Olympia-Teilnahme

19. Januar 2020
Nüsttal/Fulda

Es ist ruhiger geworden um die Hahner-Zwillinge Anna und Lisa. Ihr Ziel, die zweite Teilnahme an Olympischen Spielen, haben die 30-jährigen Marathonläuferinnen aus Nüsttal-Rimmels allerdings weiter klar vor Augen.

Von unserem Redaktionsmitglied Angelika Kleemann

Norwegen, Neuseeland, Äthiopien – was sich nach Urlaub anhört, sind die Trainingslager-Stationen der Hahner-Twins auf dem Weg zum Frühjahrsmarathon in Wien oder in Hannover. Dort soll möglicherweise das Ticket nach Tokio gelöst werden. Die Olympianorm von 2:29,30 Stunden gilt es zu unterbieten.

Drei Startplätze besitzt der Deutsche Leichtathletik-Verband. Mit der gebürtigen Äthiopierin Melat Kejeta vom Laufteam Kassel mit ihrer Fabelzeit von Berlin (2:23:57 Std.) und Katharina Steinruck (Frankfurt, 2:27:26) haben bereits zwei Athletinnen 2019 die Norm (2:29:30) geknackt.

„Die zu erreichen, ist nicht unmöglich.“

„Der erste Startplatz ist weg“, sind sich Anna und Lisa sicher, geben sich bezüglich der weiteren zwei Plätze allerdings kämpferisch: „Die zu erreichen, ist nicht unmöglich.“ Dem ordnen sie alles unter.

„Im Winter und im Frühjahr haben wir unser Leben und das Training darauf eingestellt, geben 100 Prozent, um dann beim Frühjahrsmarathon topfit an der Startlinie zu stehen.“ Dabei richten die Zwillinge ihren Blick nicht auf die Konkurrenz. „Die ist unberechenbar. Wir konzentrieren uns lieber auf uns selbst“, erklärt Anna Hahner.

2019 war es ruhig um die Twins

Sie schickt hinterher: „Wir haben eine Chance, zum zweiten Mal bei Olympia zu laufen. Das wäre großartig.“ 2019 war es ruhig geworden um die Hahner-Twins. Der Wechsel zum SCC Event Team Berlin und die Arbeit mit den neuen Trainern Dan Lorang (Anna) und Dieter Hogen (Lisa) trug noch nicht die gewünschten Früchte.

Anna Hahner verpasst Olympia-Norm beim Berlin-Marathon

Wie die Hessenschau berichtet, kam Hahner nach 2:36:34 Stunden ins Ziel. Allerdings war die 29-Jährige mit einigen Problemen unterwegs. Mehrfach hielt sie sich während des Rennens die Hände vor das Gesicht. Bereits beim Einlaufen am Samstag war Hahner zusammengebrochen und in Ohnmacht gefallen. Am Sonntag wurde ihr laut Hessenschau-Bericht nach nur zwei Kilometern schwarz vor Augen.

Während Anna beim Berlin Marathon mehr gegen aufkommende Ohnmacht als gegen die Strecke kämpfte, und sich in 2:36:34 Stunden über die Ziellinie schleppte, beendete Lisa das Jahr, wie schon in 2018 und 2017, ohne Marathon-Ergebnis. „Ich bin auf einem guten Weg und endlich voll gesund“, sagt sie mit Blick auf das Seuchenjahr.

Ein Strich durch die Rechnung

Im Frühjahr machten ihr vereiterte Weisheitszähne einen Strich durch die Rechnung. Den Hannover Marathon musste sie absagen. Nach erfolgreichen Operationen plagte sie dann eine Kieferentzündung. Seit Ende November sei diese auskuriert.

Unter 1:17 Stunden: Anna Hahner wird Zehnte beim Berliner Halbmarathon

Unterdessen verfehlte die niederländische Europameisterin Sifan Hassan ihren Europarekord. Die gebürtige Äthiopierin siegte am Sonntag zwar souverän mit Streckenrekord von 65:46 Minuten, blieb damit aber 31 Sekunden über ihrer eigenen im September in Kopenhagen erzielten Bestmarke. Bei den Männern verfehlte Sieger William Wanjuki aus Kenia in 61:00 Minuten den Streckenrekord (58:56) deutlich.

„Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht‘“, sagt Lisa mit Blick auf schmerzfreies Training, wenn sich nicht jede Erschütterung im Kiefer bemerkbar mache. Leistungsmäßig habe sie das Marathon-freie Jahr nicht weit zurückgeworfen. Es war ja keine Verletzung, die sie behindert habe, der Körper sei gesund und Alternativtraining möglich gewesen.

Mitgenommen aus dem Jahr hat sie eine gewisse Demut, sie wisse mehr zu schätzen, was es bedeute, gesund zu trainieren und sie merke, sie habe ihre Erwartungen zurückgeschraubt.

Ein extrem schwieriger Schritt

Zeit, um darüber nachzudenken, warum sich der kometenhafte Aufstieg der Twins nicht fortsetzte – Annas Bestzeit datiert von 2014 (2:26:44), Lisas von 2015 (2:28:32) –, sondern Stillstand und Rückschritt Einkehr hielten, hatten die 30-Jährigen genügend. Der Wechsel zum SCC Berlin sei ein extrem wichtiger Schritt gewesen, sind sich Anna und Lisa einig.

Osthessen 2016: Rummel in Rimmels und eine ganze Region im Olympia-Fieber

2016 war auch das Jahr der Olympischen Sommerspiele von Rio de Janeiro. 5 von insgesamt 423 Athleten der deutschen Olympiamannschaft kamen aus Osthessen. Am meisten in der Öffentlichkeit in Erinnerung bleibt von ihnen wohl der Marathon-Start von Anna und Lisa Hahner.

Zu viel hätten sie in den ersten Jahren ihrer Marathonkarriere erreicht, und zu schnell. Das habe sich nun auf ein normales Niveau eingependelt, mit einigen Zwangspausen. Dabei sieht Lisa durchaus kritisch, wie nicht nur Raubbau mit dem Körper betrieben, sondern aus diesem zu viel Energie gesaugt worden sei. „Das Energie-Level war leer.“

Verschobener Fokus

Der Fokus habe sich verschoben. Beispielsweise geben die Hahners nur noch dosiert Einblick in ihren Trainingsalltag, ihr Leben für den Sport. „Auf Instagram sind wir noch regelmäßig, da wird weniger diskutiert als auf Facebook“, erklärt Anna. Dem Training und den Erholungsphasen gilt höchste Priorität.

„Mittags ruhen wir uns aus, lassen Kopf und Körper zur Ruhe kommen“, nennt Lisa ein Beispiel. Der Computer hat Pause. Die Zuversicht ist groß, dass sie nun auf dem richtigen Weg sind. Durch ihren Verein sowie von ihren Trainern erhielten sie die bestmögliche Unterstützung. „Dieter ist bei allen Trainingslagern dabei und coacht sogar Anna nach Absprache mit ihrem Trainer Dan“, erzählt Lisa.

Volksfest in Rimmels: Hunderte drücken Hahner-Twins die Daumen

Wie auf einem Volksfest ging es am Sonntag im Nüsttaler Ortsteil Rimmels, dem Heimatort von Anna und Lisa Hahner, zu. Hunderte hatten sich auf dem Brunnenplatz versammelt, um beim Olympia-Marathon mitzufiebern. Letztlich landeten beide auf den Plätzen 81 und 82.

Das klappe sehr gut. Begeistert waren die beiden vom Trainingslager im Dezember im verschneiten Norwegen mit langen Skilanglaufeinheiten. Das sei eine super Vorbereitung auf Neuseeland gewesen, wo sich der achtköpfige Tross nun befindet. „In Neuseeland ist es bergig, da braucht man viel Kraft in den Beinen“, erklärt Lisa, weswegen in Norwegen beim Skilanglauf gelenkschonend Grundlagen geschaffen werden konnten.

Topfit an der Startlinie

In Neuseeland bleiben die Hahners bis zum 16. Februar, kehren danach für eine Woche nach Deutschland zurück, begeben sich dann nach Äthiopien in die Höhe, um beim Marathon in Wien (19. April) oder in Hannover (26. April) topfit an der Startlinie zu stehen. „Wo wir laufen, ist noch nicht klar“, sagt Anna.

Alles sei möglich – dass sie beide in Wien oder Hannover laufen oder eine in Wien und eine in Hannover. Druck von Vereinsseite gebe es nicht, auf etwaige Startgelder oder Werbeerlöse müssten sie keine Rücksicht nehmen. „Der Kühlschrank ist gut gefüllt, egal wo wir laufen“, erklärt Lisa, es gehe einzig und allein um beste Bedingungen für einen schnellen Marathon.

„Hand gereicht, nicht Ellenbogen ausgefahren": Anna Hahner nimmt zu Vorwürfen Stellung

„Wir haben nicht nachgedacht, sondern aus unserem Gefühl heraus gehandelt. In Hannover hatte ich keine Chance den Zieleinlauf auf Platz 1 zu feiern. In Rio habe ich die letzten Meter gefeiert", schrieb Anna Hahner gestern. Sie hatte gestern nachträglich den Sieg beim Hannover-Marathon erhalten, weil die Kenianerin Edinah Kwambai aufgrund einer positiven Doping-Probe der Erfolg aberkannt worden war.

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