Als sich dramatische und lebensgefährliche Szenen an der Grenze bei Rasdorf abspielten

12. Januar 2020
Rasdorf/Geisa

Der Eiserne Vorhang direkt vor der Haustüre – was in der Rückschau Stoff für viele Geschichten bietet, war in der Zeit von Stacheldraht, Schießbefehl und Minenfeldern immer wieder die Kulisse für dramatische, mitunter lebensgefährliche Situationen.

Es war ein früher Werktagvormittag Anfang September 1989. Der Stuttgarter Heinz Bader befuhr mit seinem Pkw die B 84 in Richtung Buttlar. Vor einem der den Zonengrenzverlauf markierenden Hinweiszeichen parkte er das Fahrzeug, stieg aus, um dann Eindrücke von der innerdeutschen Grenze zu fotografieren – auf Zelluloidfilm, wie es damals noch üblich war.

Unbedacht schritt der Schwabe in Richtung Metallzaun, ließ die rot-weißen Markierungsstäbe hinter sich und gelangte so ohne es zu wissen oder zu wollen, auf DDR-Gebiet. Der Versuch des damals 38 Jahre alten Vertreters, der im Rasdorfer Gasthof „Zum Adler“ übernachtet hatte, „nur mal die Grenze zu fotografieren“, endete dramatisch: Zwar winkten ihm vom heute noch stehenden Beobachtungsturm aus zwei DDR-Grenzsoldaten freundlich zu. Doch dann, bei seinem Rückweg in Richtung Westen, blickte er plötzlich in Gewehrläufe.

Der Film war futsch

Als er Fragen stellte, hieß es barsch: „Halten sie den Mund“. Schließlich lotsten die Grenzsoldaten Bader durchs Grenztor weiter hinein aufs DDR-Territorium. Hier verlangte man seine Papiere. Doch die befanden sich in seinem abgestellten Auto.

Den Film in seiner Kamera musste er abgeben. Nach Überprüfungen seiner Personalien erreichte Bader wieder den deutsch-deutschen Grenzverlauf. Hier übergaben ihn acht Begleiter an einen bereits wartenden Polizisten und an BGS-Beamte. Noch mal Glück gehabt ...

Die Grenze zwischen Rasdorf und Buttlar befand sich immer wieder im öffentlichem Interesse. Auch die vom Bund, Ländern und Landkreisen finanziell unterstützen als „Grenzlandfahrten“ gestarteten Ausflüge gen Osten endeten zumeist hier. Dabei wurden Teilnehmern Informationen zur innerdeutschen Grenze sowie zu den Grenzeinrichtungen gegeben.

Aktivisten campieren auf DDR-Territorium

Mitte der 1980er Jahre campierten westdeutsche Friedensaktivisten zwischen Grenzzaun und Grenzverlauf auf DDR-Territorium. Die DDR-Grenztruppen, die das Geschehen vom Beobachtungsturm aus überwachten, schritten nicht ein. BGS-Beamte vor Ort war es in dieser Situation nicht möglich, die Aktivisten zum Rückzug vom DDR-Gebiet zu bewegen.

Viel dramatischer war es zugegangen, als am Nachmittag des 3. September 1956 bei Grüsselbach ein hellgrüner Mercedes mit spanischen Kennzeichen an die damals noch durchlässigere Grenze fuhr. Eine Person mit fremden Akzent näherte sich dem DDR-Grenzpolizisten Waldemar Estel, der den Mann festnehmen wollte – und von dem Unbekannten erschossen wurde.

Interpol-Spur führt nach Madrid

Der Schütze floh, wie der auf seinem Feld tätige Grüsselbacher Landwirt und Bürgermeister Gregor Gombert beobachtete, durch die Felder. Trotz intensiver Gespräche von DDR-Grenzern, westdeutschen Zoll und der Staatsanwaltschaft Fulda blieb der Fall ungeklärt, die Fahndung war erfolglos.

Erst nach der Wiedervereinigung wurde durch erneute Ermittlungen von Interpol bekannt, dass der Eigentümer des hellgrünen Mercedes ein Leutnant der spanischen Luftwaffe war, der und seinerzeit noch in Madrid lebte. Laut Auskunft von Interpol Madrid führten sowohl er als auch seine Begleiter seit 1950 Waffen. Sie standen im Rang von Obersten der Luftwaffe und es sei nicht bekannt, ob gegen sie seinerzeit ein spanisches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde.

An den Grenzpolizisten Estel erinnert heute noch ein am einstigen Übergang errichteter Gedenkstein. / bh

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