Leben am Limit: Vern Croley erzählt von seiner Zeit als Soldat auf Point Alpha

24. November 2019
Rasdorf/Point Alpha

Es ist mitten in der Nacht, der Alarm geht los, die Soldaten – alle in Uniform – springen aus ihren Betten und in die Stiefel. Innerhalb von fünf Minuten müssen sie einsatzbereit sein. Denn es droht ein Einmarsch der Sowjets. Realität wurde dieses Szenario nie. Doch die Übungen bestimmten den Alltag der amerikanischen Soldaten auf Point Alpha. Vern Croley aus Rasdorf war einer von ihnen.

Von unserem Redaktionsmitglied Sabine Kohl

Von 1982 bis 1985 war der heute 60-Jährige in der Kaserne der Amerikaner in Fulda stationiert. In regelmäßigen Abständen gehörte in diesen Jahren der Dienst auf dem Observation Post Alpha zwischen Rasdorf und Geisa dazu.

„Fehler durften uns dort keine unterlaufen, sonst ging es sofort zurück nach Fulda“, berichtet der in Georgia geborene Amerikaner, der vor drei Jahren nach 40 Jahren im aktiven Dienst der Army als Command Sergeant Major in den Ruhestand gegangen ist.

Enormer Druck

So durfte etwa der Lauf einer Waffe nicht durch eine unbedachte Bewegung in Richtung Grenze gerichtet werden – es hätte auf der anderen Seite als Provokation aufgefasst werden können. Militärfahrzeuge durften die berüchtigte Rote Linie, die auf dem ehemaligen Militärstützpunkt noch heute zu sehen ist, nicht überrollen – es hätte im schlimmsten Fall zu einem dritten Weltkrieg kommen können.

„Das wurde uns hier oben ständig eingebleut, wir lebten in dauernder Erwartung eines sowjetischen Angriffs. Uns war absolut bewusst, dass wir hier an vorderster Front standen“, so Croley. Dieser Druck sei enorm anstrengend gewesen. Deshalb wechselten die etwa 40 auf Point Alpha stationierten Soldaten regelmäßig. Der Dienst an der Grenze dauerte in der Regel drei Wochen, anschließend ging es für gut zwei Monate zurück nach Fulda.

Acht-Stunden-Schichten auf Wachturm

Besonders anstrengend sei der oben geschilderte Dienst in der sogenannten Quick Reaction Force gewesen. „Die mussten rund um die Uhr einsatzbereit sein, ein- bis zweimal am Tag gab es Ernstfallübungen. Da musste alles innerhalb von fünf Minuten parat stehen. Pausen gab es da nicht wirklich“, schildert Vern Croley den Einsatz am Limit.

Der Dienst auf dem Wachturm war dagegen in Acht-Stunden-Schichten eingeteilt. Auch dort war der Dienst aber nicht immer einfach, selbst wenn an der Grenze alles ruhig war. „Früher war der Turm aus Holz, wenn dort der Wind durch die Balken pfiff, hat alles geschwankt“, erinnert sich Croley.

Trotz des anstrengenden Alltags haben die Soldaten laut Croley den Dienst auf Point Alpha geliebt. „Hier hatten wir eine echte Mission, waren uns der Bedeutung unserer Arbeit voll bewusst“, betont der 60-Jährige. Auch für Croley selbst hat die Dienstzeit beim 11th Armored Cavalry Regiment, den sogenannten Blackhorses, eine tragende Bedeutung: Das Wappen der Einheit hat er auf den Siegelring gravieren lassen, den der Offizier bei seiner Beförderung zum Sergeant Major erhalten hat.

Soldaten glaubten nicht an Mauerfall

Und auch auf Point Alpha war nicht alles Arbeit: Die Soldaten hatten eine Sporthalle sowie einen Filmraum. „Dort sahen wir die neuesten Filme, die sonst noch niemand kannte“, denkt der Army-Major im Ruhestand an die Zeit auf dem Beobachtungsposten zurück. „Und wir wurden super bekocht.“ Regelmäßig kamen außerdem wichtige Besucher auf den Stützpunkt. Croley erinnert sich etwa an George Bush, den Älteren, damals Vize-Präsident unter Ronald Reagan.

Dass die Mauer einmal fallen könnte, daran glaubten die Soldaten nicht im Traum, so Croley. Dass es dann doch geschah, erscheint dem 60-Jährigen immer noch wie ein Wunder: „Wir haben auf dem Reißbrett so viele Schlachten geschlagen – dass die Grenze dann gefallen ist, ohne dass ein einziger Schuss abgefeuert wurde, ist unglaublich.“

Kontakt hält bis heute

Croley selbst war 1989 nicht mehr auf Point Alpha stationiert, lebte aber – wie heute – mit seiner Frau Gertrud, die er 1979 geheiratet hatte, sowie den Kindern Patrick und Katharina in Rasdorf. Bis 1994 war der Amerikaner dann erneut in Fulda stationiert und hier mit der Schließung zahlreicher amerikanischer Kasernen betraut, die nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gebraucht wurden.

Bis zu seiner Pensionierung vor drei Jahren war er dann für die US-Army in weiteren Einsätzen auf der ganzen Welt unterwegs. Zu seinen Kameraden bei den Blackhorses hält er aber bis heute den Kontakt – und freut sich bereits auf das Wiedersehen zum 30. Jahrestag der Last Border Patrol im kommenden Jahr.

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