Vor 30 Jahren: DDR-Übersiedler aus Prag kommen in Hünfeld an

09. November 2019
Hünfeld

Am Hünfelder Bahnhof war es kalt und zugig in jener Samstagnacht des 4. November 1989, als auf dem Bahnsteig Bürger aus Hünfeld und der Umgebung auf die Übersiedler warteten. Dann endlich, gegen Mitternacht, rollte der Zug aus Prag mit 248 DDR-Bürgern ein.

Von Karl-Heinz Burkhardt

Es waren zumeist junge Menschen und junge Familien mit kleinen Kindern, die aus dem Zug stiegen und die ein Ziel hatten: den Start in eine neue Zukunft. BGS-Beamte, Mitglieder des DRK-Kreisverbands Hünfeld und Pfarrer Bernt Henning halfen den DDR-Übersiedlern, die nach der Flucht über Prag und ihre Reise über die DDR und Süddeutschland von all den Strapazen völlig erschöpft waren. In Bussen wurden die Menschen zur BGS-Unterkunft gebracht.

Heimische Unternehmen leisten Unterstützung

Ihre Ankunft war erst einen Tag vorher angekündigt worden. In der Bundesgrenzschutzunterkunft, in der Stadtverwaltung und beim DRK liefen die Vorbereitungen unverzüglich an. Der BGS hatte 250 freie Plätze gemeldet. Arbeitsgruppen wurden gebildet, für manche Mitarbeiter begann ein Einsatz rund um die Uhr. Der BGS-Chef, Polizeidirektor Karl Lindacher, wollte die Unterbringung in Turnhallen vermeiden. Da traf es sich, dass eine Hundertschaft gerade in Frankfurt und weitere BGS-Beamte an der französischen Grenze im Einsatz waren. Daher standen Zimmer für die Übersiedler zur Verfügung, weitere Räume wurden umfunktioniert.

Windeln, Babynahrung und andere wichtige Dinge wurden besorgt. Heimische Unternehmen, die der BGS ansprach, leisteten spontan Unterstützung. Viele wollten helfen, denn niemand wusste, was die Menschen von zu Hause hatten mitnehmen können. Fehlende Bekleidung stellte die Kleiderkammer des DRK zur Verfügung. Für die Kinder wurde in der BGS-Unterkunft ein Kindergarten eingerichtet. Es folgten Aufrufe an die Bevölkerung in der Haunestadt und dem Hünfelder Land, Bekleidung, Spielsachen und mehr zu spenden. Bei den Hünfelder Geldinstituten wurden Spendenkonten eingerichtet.

Bananen und Kaffee in der BGS-Kantine

Mit „liebe Landsleute aus der DDR“ begrüßte Polizeidirektor Karl Lindacher in der BGS-Kantine die Neuankömmlinge. Erster Stadtrat Willi Vogt erklärte: „Die Stadt würde sich freuen, wenn viele bleiben“. Es war eine kurze Begrüßungszeremonie, denn die Übersiedler mussten registriert werden und Hausausweise ausgestellt werden.

Auch die BGS-Küchenbesatzung hatte Vorbereitungen getroffen: Kaffee, kalte Getränke, Nudelgerichte, Bananen und Joghurt fanden regen Absatz. Vertreter der Stadt, des Bundesgrenzschutzes sowie der DRK-Ortsvereine Hünfeld, Langenschwarz, Burghaun und Rasdorf unter Leitung des damaligen Kreisverbands-Geschäftsführers Alfred Kehres kümmerten sich um die Gäste und suchten in Gesprächen an den Tischen erste Kontakte.

„Es ist ein saugutes Gefühl, endlich hier zu sitzen“

„Es ist ein saugutes Gefühl, endlich hier zu sitzen“, sagte Uwe, ein 32-jähriger Werkzeugmacher, beim Kaffeetrinken und schilderte seine Erinnerung an die letzten Nächte, die er lediglich mit einer Decke im Garten der Botschaft in Prag verbracht hatte. Fast alle seine Verwandten lebten in der Bundesrepublik.

Uwes 21 Jahre alter Tischnachbar Jens, von Beruf Maurer, wagte damals als erster aus seiner Familie den Schritt in den Westen. „Ich betrete völliges Neuland, ich bin sehr gespannt, was auf mich zukommt.“ Die 23-jährige Susanne Grünig aus Schmalkalden hatte für das Leben im „neuen Land“ schon längst ihr Ziel ins Auge gefasst. Sie wolle nach Lübeck und bald studieren. Sie hatte bereits einen Ausreiseantrag gestellt, sei aber wochenlang hingehalten worden. Weil sie nicht länger warten wollte, fuhr sie mit dem Zug nach Prag. An der Grenze habe sie wenige Schwierigkeiten gehabt, es gab lediglich eine Taschenkontrolle.

Lebewohl, DDR

Anders erging es Uwe und Marie Habermann aus Berlin. Als sie mit ihrer 11-jährigen Tochter Leslie und deren sechs Jahre jüngerem Bruder Andy im Zug die Grenze zur Tschechoslowakei erreichten, seien sie „total gefilzt“ worden. In Prag hatte die Mutter mit ihren Kindern im Botschaftsgebäude geschlafen, der Familienvater im Freien übernachtet. Man habe Angst gehabt, aus dem Zug geholt zu werden, weil jemand eventuell ein Ausreisepapier verloren hatte oder nur die russische Staatsbürgerschaft besaß, sagte der 34-Jährige.

Ziel der Familie war Velbert, wo bereits der Bruder von Uwe Habermann wohnte. Dort wollte er in seinem Beruf als Dreher oder als Kraftfahrer den Lebensunterhalt verdienen, erklärte er. Auf der Fahrt in die Tschechoslowakei habe ihn ein DDR-Grenzpolizist gefragt, ob er „Auf Wiedersehen“ oder „Lebewohl“ sagen möchte. Habermann sagte „Auf Wiedersehen“ – aus Sorge, sonst möglicherweise dem angestrebten Neubeginn „Lebewohl“ sagen zu müssen.