Ein poetischer Rausch im Theatrium Steinau

14. Oktober 2019
Steinau a. d. Straße

Der Schauspieler und Sprachakrobat Simon Weiland kam zum dritten Mal nach Steinau und präsentierte diesmal sein neues Stück „Arm und Reich“ im Theatrium. „Das schönste Theater, in dem ich je aufgetreten bin“, meinte er.

Von Hanswerner Kruse

Wie immer nahm Weiland das Publikum auf der kargen Bühne mit ins Traumgebilde – wie er sein Spiel nennt – und verließ sich ganz auf sich selbst: seine variable Stimme, den intensiven Körpereinsatz sowie die von ihm kreierten Sprachspiele und Wortkaskaden: „Ich will ein Schloss. Ich brauche einen Palast für meinen Ballast!“ Gelegentlich sang er zur Gitarre balladeske oder rockige Songs.

Der Zauberbutt

Seine vielschichtige Darbietung folgte vage dem plattdeutschen Märchen „Von dem Fischer und syner Fru“, das von den Grimms in ihre Sammlung aufgenommen wurde. Ein Fischer lässt einen gefangenen Butt wieder frei, weil in ihm ein verwunschener Prinz steckt. Angeblich unter dem Einfluss seiner Frau Ilsebill fordert er ständig neue Belohnungen vom Zauberbutt. Doch der Untertitel dieses Stücks heißt: „Vom Fischer und keiner Frau.“

Wie eine griechische Tragödie

Weiland, der immer gerne in seinen Solostücken die sprechenden Figuren wechselt, hatte diesmal seine Darbietung wie eine griechische Tragödie mit drei Rollen aufgebaut: Im Hintergrund gab er den Chor, der gelegentlich Stichworte wie „arm“ oder „reich“ vorsagte. Als munterer Protagonist äußerte er sich auf der rechten Bühnenseite jeweils positiv zu den vom Chor vorgegebenen Begriffen: „Mir reichst, es ist genügend da!“ Grummelnd widersprach ihm von links (was nicht politisch gemeint war) ständig der bärbeißige Antagonist: „Mir reichst vorne und hinten nicht. Das ist nicht mein Reich.“

Die menschliche Gier

Manchmal trug der Antagonist, als Fischer, dem Butt neue Wünsche mit dem bekannten Reim vor: „Manntje, Manntje, Timpe Te / Buttje, Buttje inne See...“ Die menschliche Gier machte von der Bronzezeit bis zur Digitalisierung die Welt ständig kriegerischer und unwirtlicher, so Wieland. Dafür steht der Protagonist als Patriarch mit seinen unverschämten Forderungen, für die er gute Gründe zu haben meint: „Hier? Ich weiß nicht was das heißen soll. Ich will Hier/archie. Ein Reich so weit das Auge reicht. Zum Schalten und Walten. Ich brauche Gewalt, die Verwaltung, streng hier/archisch!“

Gesänge ohne Wortspiele

Zwischen den klar aufgebauten Szenen griff Weiland hin und wieder zur Gitarre und stimmte Gesänge ohne Wortspiele an. So rehabilitierte er liebevoll des Fischers Frau Ilsebill, indem er auf die Herkunft ihres Namens verwies: Sibyllen waren weise Frauen in der antiken Mythologie. Dann stimmte er das Lied an: „Ich liebe meine Frau.“ Dazu meinte nun der Protagonist, „Sibylle und ich lieben die Stille, wir stillen uns mit Liebe...“, worauf sein Antagonist bellte: „Stille ist Stillstand, wir brauchen Fortschritt.“

Ein poetischer Rausch

Der gelernte Deutschlehrer spielt mit den vielfachen Bedeutungen der Wörter, blickt auf die deutsche Sprache wie ein Fremder, der über die unterschiedlichen Synonyme staunt. Er assoziiert neue Worte zu den Worten und fügt sie kühn zu Sätzen: So will er als Fischfänger vom Kaiser zum Papst avancieren, um als Menschenfänger im weltumfassenden Netz, dem Internet, Leute zu fangen. Daraus entsteht die traumhafte, ja manchmal surreale Struktur seiner Stücke, in der sich nicht Zusammenpassendes dennoch aneinander fügt. Er ist immer unterhaltsam, überfrachtet sein intellektuelles Theater aber nicht. Natürlich rauscht das Gesprochene schnell an einem vorbei, dennoch ist es ein poetischer Rausch!

Nicht nur was, sondern auch wie

„Arm und Reich“ ist ein politisches Stück mit offenem Ende: Menschen haben die Wahl, wie sie leben wollen. Aber die Botschaft steht keineswegs plakativ im Vordergrund - nicht nur was Weiland erzählt ist wichtig, sondern zugleich, wie er es kunstvoll vorträgt.

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