„Eine der schrecklichsten Taten“: Angeklagter im „Augenstecher-Prozess“ muss zwei Jahre länger in Haft

06. Dezember 2018
Schlüchtern

Ein wenig überraschend ist am Donnerstagmittag im Revisions-Prozess gegen den sogenannten Augenstecher von Schlüchtern ein Urteil verkündet worden: Der junge Mann aus Eritrea soll für 12 Jahre ins Gefängnis. Aber nicht wegen versuchten Totschlags, sondern wegen schwerer Körperverletzung, verkündete die Erste Schwurgerichtskammer des Landgerichtes in Hanau.

Das Gericht räumte dem Angeklagten einen sogenannten Rücktritt von seiner ursprünglichen Tötungsabsicht ein und beließ es dadurch bei einer Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung. Da allerdings der Tatverlauf in zwei getrennte Abschnitte unterteilt wurde (der Stich mit dem Messer sowie die anschließende Verstümmelung), wurden die dafür jeweils als angemessen erachteten sechs sowie zehn Jahre Haft in eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwölf Jahren zusammengefasst.

„Bei Gericht wird eben nicht einfach addiert“, sagte dazu der Richter. In einem ersten Prozess war der Angeklagte Ende Juni 2017 vom Landgericht Hanau zu einer Gefängnisstrafe von neun Jahren und sechs Monaten verurteilt worden – damals wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Das Landgericht musste sich aber erneut mit dem Fall befassen, weil der Bundesgerichtshof das erste Urteil wegen Rechtsfehlern aufhob.

Chronik: Über zwei Jahre vergingen von der grausamen Tat bis zum Urteil im Revisions-Prozess

Die Tat am 7. Oktober 2016 in der Obertorstraße in Schlüchtern erinnert an einen Horrorfilm. Einem jungen Mann wird in den Hals gestochen und grausam das Gesicht verstümmelt. Wir zeigen Ihnen eine Chronik von der Tat bis zum Urteil im Revisions-Prozess am 6. Dezember 2018.

Die Staatsanwaltschaft hatte am Donnerstagvormittag eine Haftstrafe von 15 Jahren wegen versuchten Totschlags gefordert – die bei dieser juristischen Bewertung höchstmögliche Strafe. „Es ist eine der schrecklichsten Taten, die jemals an diesem Gericht verhandelt wurde“, stellte Staatsanwalt Mathias Pleuser fest. Sowohl, um dem Angeklagten zu zeigen, dass das Gericht eine solche Grausamkeit nicht billige, als auch wegen der Außenwirkung forderte Pleuser, das Strafmaß voll auszuschöpfen.

Pleuser warf dem Angeklagten „beispiellosen Sadismus“ vor. Er habe das Opfer „physisch und psychisch vernichtet“. Angesichts der „Akribie“, mit der der Täter vorgegangen sei, habe das Opfer noch „Glück im Unglück gehabt“, die „Folter“ überhaupt überlebt zu haben. „Es stellt sich die Frage: Ist er krank, oder ist er böse?“, führte der Staatsanwalt aus. Krank sei er nicht, das habe zuvor das psychiatrische Gutachten gezeigt. Ob er böse sei, sei allerdings eine religiöse Wertung. „Damit muss sich das jüngste Gericht befassen, an die der Angeklagte als Christ offenbar glaubt“, sagte Pleuser. Dass es sich hierzuerden juristisch um eine schwere Straftat handele, sei jedoch unbestritten.

„Schwer gestörte und hilfsbedürftige Person“

Die Nebenklage in Vertretung des Opfers folgte diesen Ausführungen, ohne jedoch einen bezifferten Strafrahmen zu fordern. Verteidiger Ulrich Will indes betonte noch einmal, dass er große Probleme damit gehabt habe, den Mandanten adäquat zu verteidigen, da dieser so wenig über sich selbst zu Tage gefördert habe. „Ich habe ihn stets als höflichen, intelligenten und angenehmen Gesprächspartner erfunden“, sagte Will. Der Verteidiger zeigte sich rat- und verständnislos, wie dieser Mensch eine solche Tat begangen haben kann, was jedoch offensichtlich der Fall sei.

„Ich kann nur appellieren: In ihm steckt nicht nur ein Monster, sondern auch eine schwer gestörte und hilfsbedürftige Person“, führte der Verteidiger aus und bat darum, das Strafmaß des ersten Prozesses – etwas mehr als neun Jahre Haft – nicht zu übersteigen. In einem für alle im Gerichtssaal anwesenden Personen hörbaren Gespräch mit seinem Mandaten kündigte Will an, abermals Revision beantragen zu wollen.

Täter und Opfer waren eigentlich Freunde

Zu der Tat war es im Oktober 2016 in einer Wohnung in Schlüchtern gekommen. Dort soll der Angeklagte aus Eritrea im Streit mit Messern in den Hals des damals 18-jährigen Somaliers gestochen haben. Danach soll er ihm mit Stichen, Schnitten und Bissen dessen Gesicht entstellt haben. Augen und Ohren wurden schwer verletzt. Das Opfer ist seither nahezu blind.

Der Angeklagte hatte im Prozessverlauf angegeben, sich an die vom Opfer geschilderten Vorgänge nicht erinnern zu können. Seine Version des Treffens: Sie hätten auf einer Spielkonsole gezockt. Der Somalier, das spätere Opfer, habe gewonnen, ihn ausgelacht und verhöhnt und den Kreuz-Anhänger von seiner Kette abgerissen. Der mutmaßliche Täter ist Christ, das Opfer Muslim. Die beiden jungen Männer, die vor ein paar Jahren als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren und sich in einer Jugendhilfeeinrichtung kennenlernten, waren befreundet.

„Ich werde dich umbringen“

Bei einer Vernehmung im Gerichtssaal berichtete das schwer gezeichnete Opfer im Oktober vom Martyrium, wie der mutmaßliche Täter auf ihn eingestochen und in seine Ohren gebissen habe. Er habe Kaugeräusche des auf ihm sitzenden Angreifers wahrgenommen und könne sich an Drohungen erinnern: „Ich werde dich umbringen“. Und: „Ich werde dich fressen“. Von Kannibalismus wurde im Prozess mal gesprochen. Laut psychiatrischem Gutachten ist eine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten aber nicht gegeben. Der Angeklagte wird nach einem Gutachten auf mindestens 27 Jahre geschätzt. / dk, dpa, sar

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