Erster Prozesstag: Anklageschrift zum „Augenstecher-Prozess“ verlesen

01. Oktober 2018
Hanau / Schlüchtern

Erneut steht ein mindestens 26 Jahre alter Angeklagter aus Eritrea vor Gericht. Der Mann muss sich wegen versuchten Mordes und Messerstiche in Hals und Augen eines zur Tatzeit 18 Jahre alten Somaliers in einem Haus in Schlüchtern vor dem Landgericht Hanau verantworten. Am ersten Prozesstag am Montag wurde die Anklageschrift verlesen und das weitere Vorgehen besprochen.

Nach den Revisionen durch die Verteidiger des Angeklagten und der Staatsanwaltschaft hat der Bundesgerichtshof in Karlsruhe das Urteil vom 29. Juni 2017 wegen versuchten Totschlags sowie gefährlicher Körperverletzung mit einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und sechs Monaten aufgehoben und zur erneuten Verhandlung an das Landgericht Hanau zurückverwiesen.

Dort befasst sich nun die 1. große Strafkammer – als Schwurgerichtskammer – des Landgerichts Hanau mit dem Fall. Bei der ersten Verhandlung war die 2. Große Jugendstrafkammer Hanau zuständig, da der Angeklagte 2013 bei seiner Ankunft in Deutschland angegeben hatte, als unbegleiteter jugendlicher Flüchtling unterwegs zu sein. In einem Gutachten der Frankfurter Rechtsmedizin war 2017 jedoch festgestellt worden, dass der Mann mindestens 26 Jahre alt ist und damit nicht mehr unter das Jugendstrafrecht fällt. Diese Erkenntnis bleibt bestehen und wurde vom Bundesgerichtshof nicht aufgehoben.

Während die Verteidigung des Angeklagten eher wegen einer allgemeinen rechtlichen Überprüfung des Urteils eine Sachrüge formuliert hatte, ging es der Staatsanwaltschaft um ein höheres Strafmaß als die neun Jahre und sechs Monate Haft. Sie hatte auf versuchten Mord plädiert.

Erster Prozesstag: Anklageschrift zum „Augenstecher-Prozess“ verlesen

Der Bundesgerichtshof forderte eine Strafe von neun Jahren und sechs Monaten. / Archivfoto: Andreas Ungermann

Der Bundesgerichtshof beanstandete im Wesentlichen, dass das Landgericht, damals unter dem Vorsitz von Gerichtspräsidentin Susanne Wetzel, von einem durchgehenden Tötungsvorsatz des Angeklagten abgesehen habe. Das sei nicht hinreichend belegt.

Der Fall erregte wegen der brutalen Herangehensweise großes Aufsehen. Der Angeklagte soll unter anderem sein Opfer mit einem Messer zweimal in den Hals gestochen, beide Ohrmuscheln abgetrennt, mit einem Messer beide Augenlider abgeschnitten und mit einem Kugelschreiber in beide Augäpfel gestochen haben.

Das Verfahren wird am 22. Oktober fortgesetzt. Dann werden Aussagen des Opfers erwartet, der dauerhaft durch die Verstümmelungen gezeichnet ist und dessen Sehkraft auf einem Auge lediglich noch fünf Prozent beträgt, auf dem anderen 20 Prozent. Möglicherweise ergeben sich durch diese Aussage neue Erkenntnisse hinsichtlich der Motive des Angeklagten. / sab

„Augenstecher-Prozess" wird ab Montag vor dem Landgericht Hanau neu verhandelt

Der „Augenstecher-Prozess" wird ab dem 1. Oktober neu verhandelt. Das teilte das Landgericht in Hanau mit. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung hatten Revision gegen das Urteil eingelegt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.