IHK-Präsident moniert bei Jahresempfang fehlendes Konzept zur Digitalisierung

13. August 2019
Main-Kinzig-Kreis

Deutliche Worte hat IHK-Präsident Dr. Norbert Reichhold am Dienstag beim Jahresempfang an Unternehmen gerichtet, die die Chancen der Digitalisierung verschlafen.

350 Unternehmer waren zum ebenso geselligen wie inspirierenden Jahresempfang der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern in den Congress Park nach Hanau gekommen – etwas weniger als in den Vorjahren. Was sich die Firmenchefs anhören mussten, war nicht immer schmeichelhaft. So kritisierte Reichhold, zu viele Unternehmen würden die Fortschritte durch den Breitbandausbau, für den er den Landkreis übrigens lobte, nicht nutzen. Es sei unverständlich, dass die Breitband Main-Kinzig GmbH „das schnelle Internet den selben Unternehmen wie Sauerbier anbieten muss, die bei IHK-Umfragen Breitband als Standortfaktor Nummer 1 nennen“.

Damit war Reichhold noch nicht am Ende: Überdies müsse er in Gesprächen immer wieder feststellen, „dass Unternehmer eigentlich gar keine konkrete Vorstellung davon haben, was sie aus der Digitalisierung machen wollen“. Zu oft würden Risiken überbetont, die Chancen aber klein geredet. „Wer sich nicht auf die Digitalisierung einstellt, wer keine Vision dafür entwickelt, verpasst Chancen, die für manches Geschäftsmodell die letzten gewesen sein könnten“, redete Reichhold Klartext. Besonders der Einzelhandel müsse sich rechtzeitig auf die Entwicklung einstellen. Hier seien mutige Visionen besonders nötig.

Natürlich war auch der Huxit, also die angestrebte Kreisfreiheit von Hanau, ein Thema in Reichholds Ausführungen. Dieser Schritt bringe Hanau viele Vorteile – und dem Main-Kinzig-Kreis deutliche Nachteile. Die IHK-Vollversammlung werde diese Frage „nüchtern abwägen“, sich die Positionen von Hanau und dem Landkreis anhören und am Ende „unter sorgfältiger Abwägung der beschlossenen Kriterien ihr Votum formulieren“. Deutlich war Reichholds Formulierungen anzumerken, dass er sich öffentlich nicht auf die ein oder andere Seite schlagen wollte.

Zum Abschluss seiner Begrüßung machte IHK-Präsident Dr. Reichhold noch eine persönliche Anmerkung, die wir im Wortlaut dokumentieren:

„Ich sehe mit großer Sorge eine sich immer offener zeigende Fremdenfeindlichkeit – auch hier im Main-Kinzig-Kreis. Sie geht einher mit einer Ablehnung demokratischer Institutionen und Umgangsformen, die mich erschüttert. Ich denke, es ist an der Zeit, dass jeder von uns an seinem Platz deutlich dafür eintritt, wofür er steht – und zwar nicht in Sonntags- oder Jahresempfangsreden, sondern im Alltag.

Ein Beispiel aus der IHK: wir betrachten „Reichsbürger“ nicht mehr als harmlose Spinner, sondern als Gegner unseres Staates, denen wir nichts durchgehen lassen. Ich hätte zwar nicht gedacht, dass die Demokratie durch Vollstreckungsbescheide verteidigt wird, aber wir zögern nicht, diesen Weg zu beschreiten.

Es ist leicht, demokratische Meinungsbildung als umständlich zu schmähen und unseren Staat als „System“ verächtlich zu machen (einschließlich seiner „Lügenpresse“). Aber wer das tut, sollte wenigstens die Entschlossenheit der Demokraten kennen, für diesen toleranten und weltoffenen Staat einzutreten. Es liegt an uns allen, meine Damen und Herren, dass die Ignoranten des Gemeinschaftslebens Deutschland unterschätzen.“ / ag