Jutta Fleck erzählt bewegende Geschichte über Willkür in der DDR

Jutta Fleck erzählt bewegende Geschichte über Willkür und Unrecht in der ehemaligen DDR

03. Oktober 2013
Schlüchtern

Dreieinhalb Jahre Gefängnis für ein "Verbrechen" im Sinne der ehemaligen DDR: Versuchte Republikflucht in einem besonders schweren Fall. Dieses Urteil bedeutete für Jutta Fleck am 4. Januar 1983 viele Monate der Ungewissheit, Drohungen, Verhöre und kaum ein Lebenszeichen der geliebten Töchter.

Jutta Fleck (geborene Kessel, geschiedene Gallus, den meisten eher als "Frau vom Checkpoint Charlie" bekannt) erzählte die bewegende Geschichte über den Kampf um ihre beiden Töchter am Dienstagabend vor rund 80 Interessierten in der Aula des Schlüchterner Ulrich-von-Hutten-Gymnasiums.

Jutta Fleck folgte damit einer Einladung des Lions-Clubs Schlüchtern-Bergwinkel. Der diesjährige Präsident der Lions, Dr. Peter Homann, begrüßte Jutta Fleck und dankte der Schulleitung, namentlich dem stellvertretenden Schulleiter Michael Jürgens, der sich auch um die Technik kümmerte. So konnte die Frau vom Checkpoint Charlie nicht nur persönlich über ihre Ereignisse berichten, sondern auch eine Dokumentation vorführen.

Das Geschehen um die damals junge Frau namens Jutta Gallus sorgte in den 1980er Jahren für internationales Aufsehen – und wurde zu einem Symbol für Unrecht und Willkür, die in der ehemaligen DDR herrschten.

Im Sommer des Jahres 1982, die zweifache Mutter war frisch geschieden und neu verliebt, wandte sie sich an eine vermeintliche "Fluchthilfeorganisation". Ihr damaliger Lebensgefährte Günther S. war von der Idee getrieben, mit seinem Sohn in die Bundesrepublik zu flüchten. Da Gallus und ihre Töchter den Lebenspartner begleiten wollten und durch dessen Beschreibung keine Gefahren erkennen konnten, fuhr die Gruppe im August 1982 in "Urlaub". Über Rumänien und Jugoslawien wollten sie in die Bundesrepublik gelangen. Doch alles ging schief und anstelle von Freiheit folgte der Satz: "Zum Klären eines Sachverhalts steigen Sie bitte ein." Statt in die Bundesrepublik ging es am 1. Dezember 1982 mit einem Sonderflug zurück in die DDR. Dort sollte die Frau gebrochen werden und "dem imperialistischen Gedankengut" abschwören. Doch die Hoffnung auf Freiheit ließ die junge Frau nicht einknicken. Sie wurde freigekauft, nahm den Kampf gegen das System auf und versuchte jahrelang, ihre Kinder zu sich zu holen. Am 25. April 1988 kam dann das erlösende Signal aus Ost-Berlin.

"Meine Kinder haben mir Kraft gegeben", berichtet Jutta Fleck heute. Inzwischen lebt die Frau vom Checkpoint Charlie in Hessen und arbeitet bei der Landeszentrale für politische Bildung. Sie ist Leiterin des Schwerpunktprojekts "Politisch-historische Aufarbeitung der SED-Diktatur".